Leichen im Keller - Archäologischen Grabungen auf dem Großen Jüdenhof brachten interessante Resultate



Landeskonservator Jörg Haspel lädt Interessierte zur Besichtigung des Großen Jüdenhofs am 29. August und 8. September ein.



Bunt bemalte Keramikscherben, Reste von Flaschen und Metallgegenstände aus der Barockzeit deuten an, dass rund um den Großen Jüdenhof Handwerker angesiedelt waren.



Das Landesdenkmalamt möchte durch Einbeziehung historischer Gemäuer in die Neubauten am Jüdenhof eine Brücke von der ältesten Berliner Geschichte zur Gegenwart schlagen. (Fotos: Caspar)

Die Ausgrabungen des Berliner Landesdenkmalamtes auf dem Gelände des ehemaligen Großen Jüdenhofes werden in den nächsten Tagen abgeschlossen. Statt Reste einer Synagoge fanden Archäologen Hinweise auf eine sehr alte Bebauung und ungewöhnliche Begräbnisse. Der Große Jüdenhof sei erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts entstanden, doch habe man auch Hausgrundrisse gefunden, die aus dem 14. Jahrhundert stammen, sagt die Archäologin Anja Grothe. Entgegen früheren Erwartungen habe man Reste einer Synagoge und eines Ritualbades nicht entdeckt, dafür aber Keller und Hausmauern sowie zahlreiche Keramik- und Glasscherben, Metallgegenstände und Gegenstände aus Handwerksbetrieben. „Auf einen Kriminalfall deuten Bestattungen aus dem 17. Jahrhundert, die ein Arzt gegen die üblichen Regeln in der Nähe seines Hauses vorgenommen hat. Er hat die Leichen im Keller oder neben seinem Haus entsorgt, die Gründe für dieses ungewöhnliche Vorgehen kennen wir leider nicht“, sagt Anja Grothe.

Die Grabungen auf der Brache unweit vom U-Bahnhof Klosterstraße ergaben interessante Einsichten in die Berliner Stadtgeschichte. Die hier ansässigen jüdischen Bewohner durften nach damaligen Gesetzen nur als Geldwechsler und Geldverleiher tätig sein, konnten aber einem Handwerk nicht nachgehen. Für sie war die Nähe zum Molkenmarkt wichtig, weil sich dort das wirtschaftliche Zentrum des mittelalterlichen Berlin befand. Nach der Vertreibung der Berliner Juden im ausgehenden 16. Jahrhundert siedelten sich in der Gegend damals noch am Rande der Stadt hier christliche Handwerker an. Die Funde zeigen, dass am Großen Jüdenhof unter anderem die Metallverarbeitung und das Posamentiergewerbe angesiedelt waren.

Die archäologischen Untersuchungen erfolgten im Vorfeld der Neubebauung des Viertels. Das Landesdenkmalamt stellt sich vor, dass Reste des jetzt archäologisch erforschten Viertels in die Neubauten integriert werden. Das wäre nach Worten von Landeskonservator Jörg Haspel ein schöner Brückenschlag von den ältesten Zeiten Berlins bis zur Gegenwart. Er lädt zu Führungen über das Grabungsgelände am Donnerstag, dem 29. August, um 17 Uhr sowie am Sonntag, dem 8. September, ab 10 Uhr ein, wenn in Berlin und deutschlandweit am „Tag des offenen Denkmals“ über die Arbeit der Denkmalpfleger und Restauratoren berichtet wird.

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