Die Polizei, dein Freund und Helfer -
Um 1900 wurde in Berlin zur Imagepflege eine Charme- und Qualifizierungsoffensive gestartet



Die Haltung des Polizisten entsprach nicht ganz der Dienstvorschrift, nach der er jedes Nachdenken und einen schlürfenden Gang zu unterlassen hat, wie es dieses Bild aus der Zeit um 1900 zeigt.



Nach einer Razzia werden mit der „Grünen Minna“ transportierte Festgenommene vor einem Polizeirevier zugeführt. Was dort geschah, war Gegenstand von Beschwerden und von Witzen. (Repros: Caspar)

„Solange wir Menschen auf Erden leben, / hat es immer schon Polizei gegeben“, reimte Heinz Ehrhardt, und solange Berlin besteht, sahen Ordnungshüter streng darauf, dass die Bewohner die Gesetze und Vorschriften beachten, mögen sie noch so unsinnig gewesen sein. Doch Polizisten hatten in der Bevölkerung ein geringes Ansehen, sie galten als Quälgeister, die unsinnige Bestimmungen durchsetzen müssen und den Leuten selbst bei geringen Verstößen gegen die Vorschriften unbarmherzig an den Kragen gehen. Angesichts massiver Kritik an den rüden Umgangsformen der Polizisten und in Sorge um das Renommee Berlins als Weltstadt wurde um 1900 eine Charme- und Qualifizierungsoffensive gestartet. Im Bewusstsein der kaiserzeitlichen Obrigkeit sollte ein Polizist eine Respektsperson sein, die man nur im Notfall anspricht und gegen deren Befehle kein Widerspruch geduldet wird. Wer sich als Zivilist über die uniformierten Ordnungshüter lustig machte, ihnen gar „Injurchen“, also Injurien, an den Kopf warf, fand sich schnell wegen Beamtenbeleidigung vor dem Richter wieder.

Da es mit der staatsbürgerlichen und fachlichen Bildung der Polizisten nicht weit her war, mussten sie regelmäßig die Schulbank drücken, um Paragraphen zu pauken und angemessenes, würdiges Benehmen in der Öffentlichkeit zu lernen. Selbstverständlich sollte ein guter Polizist wissen, wie der Kaiser und seine Gemahlin heißen, wann ihre Geburtstage sind und wann der Tag der Reichsgründung begangen wird. Er musste sich bei den Berliner Straßen gut auskennen, wenn ihn jemand nach dem Weg fragte.

In einer Anweisung aus der Kaiserzeit ist genau aufgelistet, was ein Schutzmann beim Streifen- und Postendienst und anderen Gelegenheiten zu beachten hat – auf den guten Zustand von Straßen, Brücken und Bürgersteigen, Haltestellen-, Straßen- und Nummernschildern sowie Absperrungen bei Erdarbeiten. Ferner musste der Polizist vorschriftsmäßiges Verhalten aller Verkehrsteilnehmer durchsetzen und verhindern, dass die Leute bei Störungen des fließenden Verkehrs stehen bleiben und gaffen. Wer Rasenflächen und Wiesen betritt, hatte ebenso mit der Staatsgewalt zu rechnen wie Dienstmänner, die nicht an dem ihnen zugewiesenen Platz stehen. Die Schutzleute mussten ferner bei Unglücksfällen eingreifen oder wenn Pferde vor Kutschen und Lastwagen durchgehen. Wenn sie merkten, dass Tiere gequält wurden und ihre Kadaver heimlich vergraben werden, wenn Hunde nicht angeleint sind und auch keinen Maulkorb und/oder keine Steuermarke tragen, mussten die Polizisten eingreifen und Anzeigen schreiben. Das gleiche galt für den Fall, dass übelriechende Flüssigkeiten auf die Straße gegossen werden und diese im Winter nicht mit Asche oder Sand gestreut sind. Sie hatten laut Dienstanweisung auch für die „Menschenwürdigkeit von Wohnungen, Sicherheit von Treppen und Geländern“ zu sorgen und das Beschmieren von Denkmälern, Mauern und Bänken zu unterbinden. Wichtig war auch zu verhindern, dass unzüchtige und verbotene Schriften in Buchhandlungen und so genannte Pariser Artikel bei Friseuren ausgelegt werden, womit Kondome gemeint waren. Zu den Obliegenheiten der Polizisten gehörte schließlich, die Ladenschlusszeiten und das Verbot unerlaubter Lotterien durchzusetzen, das Anbetteln und die Belästigung des Publikums zu unterbinden und auf Sauberkeit in Bedürfnisanstalten „und dortiges Aufenthaltsverbot für Päderasten“ zu achten. Schließlich wurde den Polizisten befohlen, unerbittlich gegen Betrunkene und Obdachlose vorzugehen, sollten sie auf Bänken und öffentlichen Anlagen schlafen.

Polizisten mussten auf das Verhalten der Prostituierten und ihrer Zuhälter ebenso ein wachsames Auge haben wie auf den ordentlichen Ablauf öffentlicher Vergnügungen, und sie hatten in der Nacht verdächtige Lichterscheinungen, Rufe und Geräusche zu beobachten und zu melden sowie obdachlose Herumtreiber aufs Revier zu bringen. Nicht erlaubt war den Schutzleuten, private Unterhaltungen zu führen, neugierig an Schaufenstern und Trinkbuden stehenzubleiben, Privatangelegenheiten im Dienst zu besorgen und ohne dienstlichen Auftrag Schankwirtschaften zu betreten und dort Speisen, Getränke oder Zigarren anzunehmen. Verboten war es ihnen auch, im Dienstkleid die eigene Frau beim Einkaufen zu begleiten, sich an Häusern und Laternen anzulehnen oder sich gar irgendwo hinzusetzen. Untersagt war den Ordnungskräften, Rechtsauskünfte etwa über die Steuergesetze zu erteilen oder sich über ein zu erwartendes Strafmaß zu äußern.

Gelegentlich mischten sich Kriminalpolizisten auf höhere Anweisung in Zivilkleidung unters Volk. Um Dieben, Betrügern, Faschspielern, Kinderschändern und anderen Personen auf die Schliche zu kommen, hatten sich Kriopobeamte als Droschkenkutscher, Gepäckträger, Bademeister, Kellner oder Hotelpförtner, aber auch als „Dame“, Stiefelputzer oder Kraftwagenführer zu tarnen und sich entsprechend anzuziehen. „Sie haben sich bei der Verkleidung, um sich nicht zu verraten, darauf zu achten, dass sie gegebenenfalls auch ihre Schuhe wechseln, und dass diese zur Kleidung passen; denn geriebene Verbrecher pflegen, wenn sie merken, dass sie beobachtet werden, und wenn sie vermuten, dass der Betreffende verkleidet sei, zunächst auf die Schuhe der betreffenden Person zu sehen“, heißt es in einer Anweisung des Berliner Polizeipräsidenten. Es versteht sich, dass solche Tarnungen Gegenstand von Witzen war, wie sich überhaupt die Polizei manch hämische Bemerkung gefallen lassen musste.

Übrigens stammt der auch heute gelegentlich verwendete Slogan „Die Polizei – dein Freund und Helfer“ aus den 1920-er Jahren; in der Zeit des Nationalsozialismus hat man ihn bei Werbemaßnahmen und zur Imagepflege verwendet. Während der Weimarer Republik entstand die Abteilung IA des Berliner Polizeipräsidiums als reichsweite Zentrale für politische Angelegenheiten und zur Spionageabwehr. Im April 1933 entstand in Preußen, dem größten Flächenland des Deutschen Reichs, das Geheime Staatspolizeiamt, aus dem später die im ganzen Reich agierende Gestapo wurde. Die Geheime Staatspolizei mit Sitz im Prinz-Albrecht-Palais an der Wilhelmstraße in Berlin-Kreuzberg ging mit weiteren Terrororganisationen massiv gegen Regimegegner und andere Personen vor, die nicht ins ideologische Schema der Nationalsozialisten passten. Ausdrücklich wurden die Gestapo sowie die zu Hilfspolizisten ernannte SA von jeglicher Strafverfolgung ausgenommen. Bei Morden und ähnlichen Verbrechen brauchten Geheimpolizisten, SA, SS und ähnliche Organisationen Anklagen nicht zu befürchten, und so nutzten sie ihren durch Gesetze untermauerten Sonderstatus weidlich zur Terrorisierung und Ausspähung der „Volksgenossen“ aus. Das Polizeihistorische Museum am Platz der Luftbrücke in Berlin breitet eine Fülle von Bildern, Dokumenten und Sachzeugen über die wechselvolle Geschichte der Berliner Polizei aus und betrachtet auch deren Tun in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und während der deutschen Teilung.

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