Monsterschau auf der Friedrichstraße -
Die drei Kilometer lange Amüsiermeile war erste Anlaufstelle für Leute, die etwas in Berlin erleben wollten



Der Bahnhof Friedrichstraße war Ziel vieler Einwanderer und von Touristen, die von hier aus die Großstadt Berlin mit allen ihren Höhen und Tiefen entdeckten.



Mondän ging es im Café Admiral zu. Es hatte den Vorteil, dass man nur wenige Schritte gehen musste, um ein erfrischendes Bad zu nehmen. (Repros: Caspar)

Vor hundert Jahren war die Friedrichstraße eine berühmt-berüchtigte Flanier- und Amüsiermeile. Hotels, Bierpaläste, Cafés, Kinos und Kaschemmen, Kaufhäuser, Varietes, Schreckenskammern, Monsterschauen und viele andere Attraktionen lockten Besucher aus aller Welt. Die drei Kilometer lange Straße zwischen Belle-Alliance-Platz, dem heutigen Mehringplatz, und dem Oranienburger Tor war überregional bekannt. Wer aus dem Ausland oder der Provinz kam und etwas in Berlin erleben wollte, war hier an der richtigen Adresse. In der nach dem ersten preußischen König Friedrich I. benannten Avenue flanierten in der Kaiserzeit die Reichen und die Schönen, doch gesellte sich auch die Halbwelt dazu. An Berlins berühmtester Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße hat man täglich bis zu 120 000 Personen gezählt. Hier regelte ein Polizist den rasch wachsenden Autoverkehr. Es wird erzählt, dass er zur Trompete griff, weil seine Trillerpfeife den Lärm nicht übertönte, und gehört wurde.

Wer auf Liebesabenteuer aus war, fand sie auf der Friedrichstraße und in benachbarten Straßen in Etablissements von oft zweifelhaftem Ruf. Viele der aus purer Not zu ihrer nicht ungefährlichen Arbeit gezwungenen Dirnen und Stricher begnügten sich mit einem Lohn, der oft nur aus einem Abendessen oder einer Schlafgelegenheit bestand. Mondäner ging es in glitzernden Theatern, Kabaretts, Kinos und Galerien zu. Überall gab es Leuchtreklame und Plakate mit verheißungsvollen Bildern und Slogans, und sie haben kaum kaschiert, dass in den oft mäßig beleuchteten Sälen Liebesdienste angeboten werden. Wer Gefallen an Prominenten aus der Geschichte und Gegenwart, aber auch an Folterwerkzeugen und Hinrichtungsutensilien samt abgehackten Verbrecherköpfen fand, durfte sich im Panoptikum gruseln. Da die Würde des Menschen wenig geachtet wurde, konnte man dort gegen einen gewissen Obolus verkrüppelte sowie von oben bis unten behaarte Menschen und siamesische Zwillinge, aber auch so genannte wilde Kongoweiber und Leute mit extremen Verwachsungen bestaunen. Beliebt waren überdies medizinische Präparate, die eigentlich ins Medizinmuseum gepasst hätten. Angeblich soll ein Hungerkünstler namens Jolly im Restaurant Hackepeter 44 Tage ohne Nahrungsaufnahme inmitten laut schmausender Leute ausgehalten haben. Wenn allerdings die Gäste weg waren, sollen die Betreuer ihm heimlich Schokolade zugesteckt haben.

Ihre Glanzzeit erlebte die Friedrichstraße nach der Reichseinigung von 1871. Der Aufstieg Berlins zur Reichshauptstadt bewirkte auch in dieser Gegend einen Bauboom ohnegleichen. Dem Bau des Bahnhofs Friedrichstraße im Jahr 1882 folgte die Errichtung von Hotels und Restaurants. Die Unterhaltungsetablissements an der neuen Amüsiermeile hatten riesige Ausmaße, denn sie konnten mehr als 2000 Gäste aufnehmen. Da diese mit Speise und Trank, Musik und Spaß gut versorgt sein wollten, kann man sich vorstellen, welcher Verkehr sich anfangs zu Fuß und mit Pferdewagen, im 20. Jahrhundert mehr und mehr mit Automobilen an der Friedrichstraße abspielte. Selbstverständlich hatte die Prachtstraße in Berlin manche Konkurrenten. An erster Stelle stand der Kurfürstendamm, wo die Reichen und die Schönen wohnten und ausgingen. Ob in der Friedrichstraße oder am Kurfürstendamm - die dort angesiedelten Amüsierpaläste warben mit mehr oder weniger freizügigen Bildern und Losungen für ihre Attraktionen.

Die Pracht der alten Friedrichstraße ist lange dahin. Im Zweite Weltkrieg wurden ihre Häuser zu großen Teilen zerbombt. Die wenigen Altbauten aus der Kaiserzeit werden vielfach durch gesichtslose Neubauten dominiert. Wie durch ein Wunder blieb der Admiralspalast unweit des Bahnhofs Friedrichstraße erhalten. Seine Geschichte geht in das Jahr 1873 zurück, als im Bereich einer Solequelle das Admiralsbad errichtet wurde. Aus dem Komplex entwickelte sich nach und nach ein Revue- und Operettentheater, das mit einer Kegelbahn und Café, Kino und Kasino sowie mondänen Bädern und einer Eisbahn kombiniert war. Nach dem Zweiten Weltkrieg als Deutsche Staatsoper genutzt, solange die Ruine Unter den Linden nicht aufgebaut war, war der in Metropoltheater umbenannte Admiralspalast Schauplatz der von der Sowjetischen Besatzungsmacht forcierten Vereinigung der KPD mit der Ost-SPD zur SED im April 1946. Bis 1997 war das Metropoltheater das einzige Operettentheater im Ostteil Berlins. Heute trägt das Haus, in dem das Kabarett „Diestel“ auftritt, wieder den Namen Admiralspalast.

Das über viele Jahre von Künstlern aller Art besetzte „Tacheles“ im Bereich Friedrichstraße/Oranienburger Straße hieß eigentlich Friedrichstraßen-Passage und besaß vor hundert Jahren wegen seiner ungewöhnlichen Konstruktion und Struktur und dem reichen Warenangebot als eines der modernsten Kaufhäuser des alten Berlin einen guten Ruf. Wenn das Haus, das nach 1933 hochrangige Behörden der Nazis und der SS beherbergte, eines Tages wieder auf- und ausgebaut wird, avanciert es zu einem dann wieder sicher gut frequentierten Zeugen der neueren Berliner und deutschen Geschichte.

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