Stadtgüter und Rieselfelder -
Ausstellung im Roten Rathaus würdigt den vor 140 Jahren begonnenen Bau der Berliner Kanalisation



Auf dem Bild von Eduard Gaertner aus dem Jahr 1831 ist zu sehen, wie ein Rinnstein die Kronengasse durchzieht. Jahrzehnte später wurden die Berliner Abwässer durch Kanäle auf die Riesenfelder geleitet.



In der Ausstellung im Roten Rathaus sind unter anderem ein altes Waschbecken und ein Toilettenbecken zu sehen, wie sie in unzähligen Berliner Haushalten verwendet wurden.


Rudolf Virchow und James Hobrecht setzten sich mit Erfolg für die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse in Berlin ein. (Foto/Repros: Caspar)

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts unternahm der Magistrat große Anstrengungen zum Bau von unterirdischen Kanälen für die Entsorgung der Abwässer und Fäkalien, die eine Großstadt wie Berlin tagtäglich produzierte. Sie wie bisher in die Spree zu kippen oder auf der Straße liegen zu lassen, war nicht mehr zu vertreten. Man hatte in anderen von Seuchen mit vielen Todesopfern betroffenen Städten gesehen, wohin das führt. Als Architekt und Baurat entwickelte James Hobrecht, ein Bruder des Berliner Oberbürgermeisters Arthur Hobrecht, einen genialen Plan, um die stinkende Brühe mit Hilfe von Pumpen durch ein System unterirdischer Leitungen weit hinaus vor die Stadt zu leiten. Bis dahin gab es in den Straßen bis zu 60 Zentimeter tiefe Rinnsteine, in die alle Abwässer der einzelnen Haushalte flossen. Ab und zu wurden die immer wieder verstopften Rinnen gespült, worauf die Wassermassen, nur unzureichend gereinigt, in die Spree flossen. Die hygienischen Zustände in Berlin waren so unzumutbar und gefährlich, dass die Stadtverordnetenversammlung am 6. März 1873 die Anlage einer Kanalisation beschloss. Damit waren Pläne vom Tisch, links und rechts von der Spree Kanäle anzulegen, in die die Abwässer geleitet werden, die dann außerhalb der Stadt in die Spree zu fließen.

James und Arthur Hobrecht verfolgten das ehrgeizige Ziel, Berlin zur saubersten Stadt Europas zu machen, und versahen sich der Unterstützung des streitbaren Mediziners Rudolf Virchow, der sich auch einen Namen als Frühgeschichtsforscher und Museumsgründer machte und außerdem Mitbegründer der Deutschen Fortschrittspartei war. In einer Denkschrift über die öffentliche Gesundheitspflege hatte sich James Hobrecht 1867 dagegen ausgesprochen, die hohe Sterblichkeit infolge unzumutbarer hygienischer Zustände als gottgegeben hinzunehmen. Statt sich „einfältiger frommer Kopfhängerei“ hinzugeben, sei alles zu tun, um den Ausbruch von Seuchen zu verhindern. Als Spezialist für Wasser-, Wege- und Eisenbahnbau ausgebildet und viel in der Welt herumgekommen, arbeitete der Baurat überdies Vorschläge aus, um den Wildwuchs an den Rändern der langsam sich erweiternden preußischen und bald auch deutschen Hauptstadt zu bremsen und ihre geordnete Erweiterung zu fördern. Die Wasserver- und Wasserentsorgung wurde aus den französischen Reparationsleistungen nach dem Kriegs von 1870/71 und durch Bankkredite finanziert.

Hobrechts Radialsystem sah die Gliederung Berlins in zwölf Entwässerungsgebiete vor. Eine Polizeiverordnung legte 1874 fest, dass alle bebauten Grundstücke in Berlin an die Kanalisation angeschlossen werden sollen. Da pro 250 Einwohner ein Hektar für die einzurichtenden Rieselfelder veranschlagt wurde, benötigte Berlin bedeutende Flächen außerhalb ihrer Grenzen. Die ersten Rittergüter und weitere Gebiete wurden zur Anlage als Rieselfelder und für landwirtschaftliche Zwecke angekauft. 1876 ging das erste Radialsystem III zwischen dem Pumpwerk an der Schöneberger Straße und dem Rieselfeld Osdorf in Betrieb. Die zehn weitere folgten bis 1893, und 1909 war der Bau aller zwölf Anlagen abgeschlossen. Im Rückblick konnte James Hobrecht feststellen, „dass alle anderweitigen Methoden schon im Versuch zu Fehlschlägen geführt haben oder Versuche geblieben sind, dass aber eine Stadt nach der anderen die Kanalisation beschließt, ausführt und ihres Werkes sich rühmt“.

Die Berliner Stadtgüter bestehen nach manchem Auf und Ab in den vergangenen 130 Jahren bis heute und spielen bei der Versorgung der Stadt mit Gemüse, Fleisch und Milch eine nicht geringe Rolle. Die Länge der Kanäle beträgt derzeit über 9000 Kilometer. Die kleinsten Rohre haben einen Durchmesser von 20 Zentimetern und die größten können mit U-Bahn-Tunneln verglichen werden. Es existieren außerdem fast 150 Pumpwerke sowie einige Klärwerke. Selbstverständlich wird dafür gesorgt, dass die Abwässer in geklärtem Zustand zur Bewässerung der Felder verwendet werden. Eine Ausstellung im Roten Rathaus (Berlin-Mitte) würdigt bis Ende Februar 2014 die Leistungen von James Hobrecht und schlägt einen Bogen von der Kaiserzeit zur Gegenwart, wo 28 Windkraftanlagen so viel Strom erzeugen, wie eine mittelgroße Stadt benötigt. Wie sich die Stadtentwässerung in den vergangenen 130 Jahren entwickelt hat und welche Einrichtungen dafür sorgen, dass wir über klares Trink- und Brauchwasser verfügen, schildert darüber hinaus das Museum im Wasserwerk Friedrichshagen.

Zurück zur Themenübersicht "Berlin und das Land Brandenburg"