Moderne Völkerwanderung -
Vom Auswandererbahnhof Ruhleben fuhren unzählige Menschen in die Neue Welt



Bedrückend schilderte die zeitgenössische Presse das, was Exilanten in Ruhleben erlebten, bevor sie sich auf den weiten Weg in die Neue Welt begaben. (Repro: Caspar)

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert suchten unzählige Menschen ihr Glück im Ausland, vor allem in den USA, wo bessere Arbeits- und Lebensbedingungen winkten und überdies sensationelle Goldfunde lockten. Eine wichtige Station für viele Menschen auf dem Weg in die Neue Welt war von 1891 bis 1914 der Auswandererbahnhof Ruhleben, einem Ortsteil der damals noch selbstständigen Stadt Spandau. Beobachter sprachen vor hundert Jahren von moderner Völkerwanderung. Bevor sie sich Ruhleben sammelten, kamen die Auswanderer vor allem am Schlesischen Bahnhof an und fuhren weiter zum Lehrter beziehungsweise zum Hamburger Bahnhof, von wo sie sich auf die Reise an die Nordseehäfen begaben.

Da die Wartesäle auf den Berliner Bahnhöfen überfüllt waren und der Aufenthalt dort unzumutbar war, sah sich die Eisenbahndirektion nach einer anderen Lösung um und leitete die Menschen auf den 1891 in Betrieb genommenen Güterbahnhof in Ruhleben um. Die Pass- und Gesundheitskontrollen waren hier scharf, denn man wusste, dass die Vereinigten Staaten ihnen nicht genehme Zuwanderer abwiesen und die Transportgesellschaften sie auf eigene Kosten wieder nach Europa zurück bringen mussten. Die Behörden in Hamburg und Bremerhaven bestanden auf Desinfektion und Gesundheitskontrollen, weil sie den Ausbruch von Seuchen befürchteten. Wer den Test nicht bestand und auch die Passage nicht bezahlen konnte, wurde in sein Heimatland vornehmlich in Osteuropa abgeschoben oder blieb in Deutschland.

Die Auswanderer hatten ihre letzte Habe verkauft, um Bahn- und Schiffskarten für sich und ihre Familien kaufen zu können. Manch einer von ihnen machte in der Neuen Welt sein Glück und erstaunte die Daheimgebliebenen durch sein in kurzer Zeit verdientes Geld. Die meisten Menschen aber, die für sich und ihre Angehörigen keine Lebensmöglichkeiten mehr sahen, blieben auch in Übersee arm und ohne Perspektive. Vor allem waren es Juden, die das russische Zarenreich wegen der Pogrome und rassistischen Diskriminierung verließen und in Ruhleben auf den Transfer warteten.

Betrieben wurde der Auswandererbahnhof Ruhleben von den Transportgesellschaften HAPAG und Norddeutscher Lloyd. Von ihm aus ging es nach Hamburg und Bremerhaven und weiter per Schiff über den „großen Teich“ in die Neue Welt. Das Auswandern war für Reeder und ihre Agenten ein gutes Geschäft, und viele Menschen, die ihr Schicksal in ihre Hände legten, trafen glücklich, aber mittellos am Ziel ein. Da es den so genannten Europamüden nicht zuzumuten war, in Eisenbahnschuppen auf die Weiterfahrt zu warten, wurden auf dem Ruhlebener Rangierbahnhof spezielle Gebäude für sie errichtet. Jede der aus Wellblech bestehenden Baracken hatte Platz für für 200 Personen. Hinzu kamen Bauten für die Küche, Wasch- und Toilettenanlagen sowie für die Betreuung von Kranken und Alten. Täglich fuhren zwei Sonderzüge von dem Bahnhof ab. Pro Jahr sollen es über 100 000 Auswanderer gewesen sein.

Nachdem 1909 in Ruhleben eine Trabrennbahn eingerichtet worden war und man das Übergreifen von Seuchen vom Auswandererbahnhof befürchtete, wurde seine Verlegung des nach Wustermark westlich von Spandau ins Auge gefasst. Doch verhinderte der Erste Weltkrieg (1914-1918) die Ausführung des Plans. Nach dem Ende dieses bis dahin schlimmsten aller Kriege ging der Auswandererstrom auch aufgrund scharfer Einwanderungsgesetze der USA stark zurück. Was von den Gebäuden erhalten blieb, wurde 2012 ungeachtet von Protesten aus der Bevölkerung abgerissen.

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