Fürstliche Trabantenstädte
Was uralte Namen von Straßen und Stadtquartieren mit den Hohenzollern zu tun haben



Die Medaille aus dem Jahr 1700 zeigt die Doppelstadt Berlin-Cölln
sowie kurfürstliche Stadtgründungen an deren Peripherie.




Torhäuser des ehemaligen Borsig-Gutes in Groß Behnitz sind mit Skulpturen
vom Oranienburger Tor geschmückt. Es wurde 1867 abgerissen, um Platz für die
Stadterweiterung zu machen.




Die langweilige Abfolge von Hochhäusern in der Leipziger Straße wird durch
die so genannten Spittelkolonnaden aufgelockert. Die halbrunde Säulenhalle aus
Sandstein mit einem Obelisk in der Mitte ist ein Nachbau von 1979.




Der Leipziger Platz war in "Mauerzeiten" eine Brache, nach und nach
hat er seine achteckige Gestalt zurück gewonnen.




Ein über 300 Jahre alter Maulbeerbaum erinnert unweit der Friedrichstraße
an die in Brandenburg und Preußen einst florierende Seidenraupenzucht und
Seidenindustrie. (Fotos: Caspar)


Berlin war um das Jahr 1700 eine verschlafene Residenzstadt, die im Wesentlichen aus den mittelalterlichen Schwesterstädten Berlin und Cölln bestand. Da die Einwohnerzahl stetig anstieg, nicht zuletzt wegen des Zuzugs von Hugenotten und anderer Ausländer, ließen der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm und seine Nachfolger großzügig geplante Vorstädte bauen. Nach Angehörigen des Herrscherhauses benannt, sind sie noch heute als Friedrichswerder, Dorotheenstadt, Friedrichstadt, Friedrich-Wilhelm-Stadt und Luisenstadt sowie an langen geraden Straßen und ebenmäßigen Plätzen zu erkennen. Entlang der Friedrichstraße, Wilhelmstraße, Charlottenstraße, Lindenstraße, Leipziger Straße, Kochstraße, der Straße Unter den Linden und weiteren Straßen sowie an einigen Plätzen siedelten sich vor allem Angehörige des Hofes, Beamte, Unternehmer und Handwerker an.

Die Gegend westlich und südlich von Alt-Berlin war wegen ihrer Lage beliebt, denn hier konnte man sich besser entfalten als in den engen, muffigen und altertümlich anmutenden Quartieren rund um das Stadtschloss sowie die Petri-, Nikolai- und Marienkirche. Bilder aus der Zeit um 1900 zeigen, dass es da und dort in unmittelbarer Nähe königlicher Prunkbauten noch Elendsquartiere gab. Die im Zweiten Weltkrieg auf Berlin gefallenen Bomben und flächenhafte Abrisse danach haben mit diesem Erbe gründlich aufgeräumt.

Die rege Bautätigkeit nach der Reichseinigung von 1871, noch viel mehr die enormen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und die Neugestaltungen danach haben das Gesicht der Friedrichstadt stark verändert. Das gilt in besonderem Maße für die stark befahrene Leipziger Straße, die auf den Leipziger Platz führt. Seit einigen Jahren erhält dieser Ort, der in "Mauerzeiten" wüst und leer war, seine markante achteckige Struktur zurück. Ursprünglich war die Leipziger Straße relativ schmal wie die Friedrichstraße und die Wilhelmstraße, die bis zum Kriegsende von Ministerien besetzt war.

Viel zu breite Avenue

Im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört, wurde die Leipziger Straße in DDR-Zeiten links und rechts mit Hochhäusern gesäumt, stark verbreitert und in eine Autorasse verwandelt, in der es fast zu jeder Tageszeit Staus gibt. Die Avenue war bis zum Ende des zweiten deutschen Staates eine attraktive Wohn- und Geschäftsadresse und soll es, zwischenzeitlich in einen Dornröschenschlaf verfallen, wieder werden. Seit Jahren ist davon die Rede, die von Anwohnern und Passanten als unangenehm empfundene und auch unnötige Breite der Straße auf ein menschliches Maß zurückzubauen. So soll laut "Planwerk Innenstadt" die Zahl der Fahrspuren reduziert werden. Die dann gewonnenen Flächen vor den Hochhäusern will man durch Pavillons, Bänke und Blumenrabatten besetzen.

Die drei Kilometer lange Friedrichstraße ist nach dem ersten Preußenkönig Friedrich I. benannt, und man könnte nun meinen, dass sich der Name der westlich davon gelegenen Friedrich-Wilhelm-Stadt auf seinen Vater, den Großen Kurfürsten bezieht. Wie jedoch ein Blick in die Berlin-Historie zeigt, war erheblich später ein anderer Herrscher Namensgeber - König Friedrich Wilhelm III., der ungewöhnlich lange von 1797 bis 1840 regierte. Der wortkarge und etwas linkische Gemahl der 1810 mit nur 34 Jahren verstorbenen Königin Luise war Arbeitgeber von Schinkel, Schadow und Rauch und stiftete 1809 die nach den Brüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt benannte Universität, die 1810 ihren Betrieb aufnahm.

1806 erlitten die preußischen Truppen in einem kurzen Krieg mit Frankreich eine verheerende Niederlage. Fast wäre es um den Hohenzollernstaat geschehen, denn der siegreiche Kaiser Napoleon I. wollte das Hohenzollernreich liquidieren und wurde 1807 bei den Friedensverhandlungen in Tilsit davon durch den Zaren Alexander I. von Russland abgebracht. Zähneknirschend musste Friedrich Wilhelm III. der Teilung seines Landes und hohen Kontributionen an Frankreich zustimmen. Preußens Desaster hatte auch sein Gutes, denn es kamen Reformen in Gang, die unter normalen Umständen die die Zustimmung des Monarchen bekommen hätten.

Das zu wissen ist gut, wenn man durch die Friedrich-Wilhelm-Stadt geht oder dort wohnt und arbeitet. Sie gehörte zur Spandauer Vorstadt, in dem es auch ein "Vogtland" genanntes Armenviertel gab. Begrenzt ist die Friedrich-Wilhelm-Stadt im Norden von der Invalidenstraße und dem Neuen Tor und im Süden durch den Spreebogen, im Westen durch das an der Spree gelegene Alexanderufer und den Humboldthafen und im Osten durch die Friedrichstraße. Zu den Sehenswürdigkeiten dieses von Kultur und Wissenschaft, Theater und Medizin geprägten Areals zählen das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm mit dem Bertolt-Brecht-Platz davor, das Deutsche Theater und die Kammerspiele sowie das Naturkundemuseum. Die in zahlreichen Gebäuden meist aus dem 19. Jahrhundert untergebrachte Charité ist das größte Ensemble in der Friedrich-Wilhelm-Stadt.

Prominentes Zeitungsviertel

Vor hundert Jahren waren die Verlage, Redaktionen und Druckereien bedeutender Zeitungen in der Kochstraße und umliegenden Straßen im südlichen Teil der Friedrichstadt konzentriert. An der Charlottenstraße/Ecke Zimmerstraße etablierte sich das Wolffsche Telegraphen-Büro, in seiner der Nähe richtete sich der Verleger Leopold Ullstein ein. 1881 bezog er das Haus Kochstraße 23, wo das Neue Berliner Tageblatt, die Berliner Zeitung, die Berliner Abendpost, die Zeitungen Berliner Morgenpost und B. Z. am Mittag sowie weitere renommierte Blätter erschienen. Auch die seinerzeit sehr mächtigen Zeitungsverleger Rudolf Mosse und August Scherl fanden an der Gegend nicht weit vom kaiserlichen Schloss und von den Ministerien Gefallen und schlugen ebenfalls in dem Quartier ihre Zelte auf.

Die Kochstraße und weitere ehemals dicht bebaute Areale wurden durch Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg fast dem Erdboden gleich gemacht. Nach dem Bau der Mauer 1961 in eine Grenzlage geraten, wurde die Kochstraße von Axel Springer entdeckt. Der Hamburger Verleger ließ auf westlicher Seite für seinen Zeitungs- und Zeitschriftenverlag das nach ihm benannte Hochhaus bauen. Dass man dieses Gebäude mit seiner Lichtreklame auch weit im Ostteil der Stadt sehen konnte und als Bollwerk der Freiheit empfand, war von Springers gewollt und ärgerte die kommunistischen Machthaber auf der anderen Seite der Mauer. An den Verleger erinnert in der Nähe seines Verlags die Axel-Springer-Straße, während die Kochstraße weder etwas mit der Presse noch mit Essen und Trinken zu tun hat, denn sie ist nach dem Berliner Kommunalpolitiker Johann Jacob Koch benannt, der im frühen 18. Jahrhundert viel für Berlin und seine Einwohner geleistet hat.

11. Januar 2017

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