"Mutter aller Flughäfen"
Zentralflughafen Tempelhof hatte eine wechselvolle Geschichte / Hungerkralle auf dem Platz davor erinnert an die Luftbrücke 1948/49





Der Adlerkopf auf einem kleinen Postament vor dem Flughafengebäude stammt noch vom ehemaligen Hoheitszeichen des NS-Staates.



Solange der Flughafen als solcher genutzt wurde, herrschte vor und in ihm reger Betrieb. Das Foto zeigt den Airport um 1965 aus der Vogelperspektive.



Gelegentlich werden das Empfangsgebäude und weitere Räume für Messen und andere Veranstaltungen genutzt, sind aber auch als Filmkulisse beliebt.



Die Erinnerung an die Überwindung der Blockade 1948/49 durch zahllose Versorgungsflüge der westlichen Alliierten wird durch das Luftbrückendenkmal wach gehalten.



Lucius D. Clay (1897 bis 1978) wird mit dieser Gedenktafel als Vater der Luftbrücke und Berliner Ehrenbürger geehrt.



In den Bürgersteig rund um den Flughafen eingelassen, erinnern die Metalltafeln an die Opfer der Luftbrücke 1948/49. Ihnen zu Ehren wurden am Tempelhofer Damm zahlreiche Bäume gepflanzt. (Fotos/Repro: Caspar)

Bis zum frühen 20. Jahrhundert war das Tempelhofer Feld ein riesiger Parade- und Truppenübungsplatz. Nach und nach wurde das Areal bebaut und mit Straßen, Plätzen und Parkanlagen versehen, denn die Reichshauptstadt brauchte für ihre Bewohner neue Wohnungen und Gewerbeflächen. Das Feld bot günstige Bedingungen für Flugversuche, an die man nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Bau von eher bescheidenen Flughafengebäuden anknüpfte. Im Zusammenhang mit gigantischen Planungen der Nationalsozialisten für den "Weltflughafen Tempelhof" wurden sie jedoch abgerissen. Im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums nach Plänen von Ernst Sagebiel errichtet, war der riesige Zentralflughafen Teil der Planungen von Hitler und seines Stararchitekten Speer zur Neugestaltung der Reichshauptstadt und ein markantes Zeugnis für die Gigantomanie der Nationalsozialisten. Die Umgestaltung des riesigen Geländes und der Bau der Flughafengebäude begannen 1935 und waren am Ende des Zweiten Weltkriegs nicht abgeschlossen. Der Architekt und seine Auftraggeber dachten bei den Planungen für die "Mutter aller Flughäfen" weit in die Zukunft, denn der Airport nahm mit seine einheitlich gestalteten Hallen und Bürogebäuden sowie den Rollbahnen und Hangars viel mehr Raum ein als zur Erbauungszeit gebraucht wurde.

Wenig bekannt ist, dass während des Zweiten Weltkriegs auf dem Gelände des Berliner Flughafen Tempelhof zahlreiche Zwangsarbeiter für die deutsche Rüstungsindustrie schuften mussten und viele von ihnen dabei ihr Leben verloren. Eine Tafel am Eingang des nationalsozialistischen Prestigebaus erinnert an sie sowie an die Opfer des NS-Terrors in der Folterhölle der SS am Columbiadamm. Es hatte lange, sehr lange gedauert, bis im Bereich des Flughafens Tempelhof an die Menschen erinnert wird, die nicht in das rassistische und politische Bild der Nazis passten und nach Errichtung ihrer Diktatur furchtbaren Qualen und Drangsalierungen ausgesetzt waren. Eine Gedenkstätte am Columbiadamm unweit des in einer Kaserne aus der Kaiserzeit untergebrachten KZ Columbia macht auf den NS-Terror aufmerksam. Die neue Tafel schlägt einen Bogen zu den Zwangsarbeitern im Bereich des Flughafens Tempelhof. Einsichten in die Geschehnisse wurden bei archäologischen Ausgrabungen gewonnen. Bei ihnen sind Reste von Baracken und Hinterlassenschaften der Zwangsarbeiter ausgegraben worden. Indem sie für den Zentralflughafen schuften mussten, konnten die Nazis die immensen Kosten drücken und die enormen Bauleistungen bewältigen. Die dürftigen Unterkünfte und Hinterlassenschaften der Zwangsarbeiter wurden bei archäologischen Ausgrabungen gefunden. Anhand von krumm gebogenen Nägeln konnte festgestellt werden, dass die Wände der Baracken dünn waren und im Winter kaum Schutz vor Kälte boten.

Ehrung für Lucius D. Clay

Die Tafel zum Gedenken an die Opfer der NS-Diktatur ist nicht die einzige am Flughafenportal, denn gleich nebenan wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Anlage ein "Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland" ist und dafür 2011 von der Bundesingenieurkammer ausgezeichnet wurde. Zu dem Plan, das Alliiertenmuseum von der Clayallee im Ortsteil Dahlem zum Flughafen Tempelhof zu verlegen und ihm dadurch höhere Aufmerksamkeit zu verschaffen, passt die dritte Tafel am Eingang. Sie ist dem Vater der Luftbrücke und Berliner Ehrenbürger Lucius D. Clay gewidmet. Der amerikanische Militärgouverneur sorgte mit den anderen Westalliierten 1948/49 dafür, dass Stalins Plan nicht aufging, den Westteil der ehemaligen Reichshauptstadt auszuhungern und ihn seinem eigenen Machtbereich einzuverleiben.

Bis 1951 unterhielt die amerikanische Besatzungsmacht in Tempelhof einen Militärflughafen, danach wurde er für zivile Zwecke genutzt. Nach der Eröffnung des Flughafens in Tegel 1975 nutzten die Westalliierten Tempelhof für ihre Zwecke. Während der vom sowjetischen Diktator Josef Stalin befohlenen Berlin-Blockade vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 spielte er für die Versorgung der von der Außenwelt abgeschnittenen Westsektoren eine herausragende Rolle. Rettung für die "Insulaner" kam aus der Luft, durch die Luftbrücke, an die seit 10. Juli 1951 ein großes Denkmal auf dem Platz der Luftbrücke erinnert.

Die von Eduard Ludwig geschaffene, zwanzig Meter hohe "Hungerharke" auf dem Platz vor dem Flughafen Tempelhof, so der Spitzname für das futuristische Betongebilde, besteht aus drei in westliche Richtung geneigte Rippen, die die drei Luftkorridore symbolisieren sollen. Die so angedeuteten Flugschneisen werden durch zwei Wände gestützt und verbunden. Das Luftbrückendenkmal ehrt an die 70 verunglückten Angehörigen der alliierten Luftstreitkräfte sowie acht Deutsche, die bei den über 200 000 Flügen der "Rosinenbomber" ums Leben gekommen waren. Darüber hinaus erinnert das Monument an die Standhaftigkeit der eingekesselten Berliner, die sich von östlichen Lockangeboten nicht irritieren ließen, und ihre Helfer in der westlichen Welt. Weitere Denkmäler dieser Art stehen in Frankfurt am Main, Nürnberg und Hannover und symbolisieren die Verbindung per Luftbrücke nach Berlin her.

Riesiger Airport außer Diensten

Schon bald nach der Wiedervereinigung 1990 wurden erste Pläne für die Schließung des Flughafens laut und kontrovers diskutiert. Die Risiken waren zu groß, den Airport weiterhin in der Stadt offen zu halten. Während der Flughafen in Tegel ausgebaut und der Flughafen Berlin-Brandenburg in Schönefeld immer noch nicht fertig gestellt ist, sollen die Gebäude und Freiflächen des Flughafen Tempelhof neue Aufgaben für gewerbliche und gastronomische Nutzung, aber auch für Messen und andere Großereignisse erhalten. Der Plan, am Rand des Flugfeldes Neubauwohnungen sowie Garten- und Sportanlagen zu errichten, wurde per Volksentscheid gekippt. Nach der offiziellen Schließung des Flugbetriebs Ende Oktober 2008 gab es heftige Diskussionen darüber, was mit den weitgehend leer stehenden Gebäuden und dem Flugfeld geschehen soll. Die Debatten sind noch nicht beendet, immer wieder wird gefordert, die Randbereiche mit Wohnhäusern zu besetzen. Derweil drehen Jogger und Radler auf dem freien Feld ihre Runden, Hunde finden weiten Auslauf, im Herbst steigen Drachen in die Luft. Es ist ruhig am und im Flughafen Tempelhof geworden. Doch wenn Messen veranstaltet werden, herrscht Hochbetrieb, und das Lob für das einzigartige Ambiente, das der Airport außer Diensten bietet, ist groß. Nachdem 2015 tausende Flüchtlinge aus dem Balkan sowie dem Nahen und dem Fernen Osten und aus Afrika nach Berlin gekommen waren, fanden sie zeitweilig in den leer stehenden Räumen des Flughafens eine wenig komfortable und dazu noch laute Unterkunft.

In dem riesigen Flughafengebäude am Platz der Luftbrücke sind das Berliner Polizeipräsidium und das Polizeimuseum untergebracht. Die aus Hinterlassenschaften verschiedener Dienststellen sowie aus Spenden von Sammlern und Beamten gespeiste Polizeihistorische Sammlung wurde nach der Wiedervereinigung 1990 durch Bestände des Ostberliner Volkspolizeimuseums ergänzt. Die Dauerausstellung dokumentiert die Geschichte der Berliner Polizei und zeigt historische Bilder, Uniformen, Waffen und Arbeitsmittel. Ausgestellt sind Tatwaffen und -werkzeuge aus verschiedenen Kriminalfällen. Zum Museum gehören ferner über 50 historische Polizeifahrzeuge, die mehrmals im Jahr, so auch am Tag der offenen Tür der Berliner Polizei, vorgeführt werden. Historikern stehen ein Archiv, eine Fotosammlung und eine Präsenzbibliothek für Forschungen zur Verfügung.

Bäume und Tafeln halten Erinnerung wach

Regelmäßig werden Führungen durch die unter Denkmalschutz stehende "Mutter aller Flughäfen" angeboten. Dabei wird auch erinnert, dass Tempelhof und Tegel für Flüchtlinge aus der DDR und Ostberlin große Bedeutung hatten, denn sie wurden von hier aus nach Westdeutschland ausgeflogen, da der Landweg quer durch die DDR für sie und auch für Personen, die auf deren Fahndungslisten standen, viel zu gefährlich war. Wenn man das Straßenpflaster zwischen Tempelhofer Damm und Luftbrückendenkmal genau betrachtet, sieht, wie dort viereckige Metalltafeln eingelassen sind. Die Stiftung Luftbrückendank hatte ab Ende der 1940-er Jahre durch Pflanzung von Bäumen an die Opfer der Versorgung Westberlins während der Blockade von 1948 und 1949 aus der Luft erinnert. Bild- und Fototafeln vor dem Flughafengebäude schildern darüber hinaus, wie es in den 1930-er Jahren zum Bau des seinerzeit modernsten und größten Airports kam und welche Rolle er nach dem Zweiten Weltkrieg als amerikanischer Militärflughafen sowie Ankunft- und Abflugort von Millionen Menschen spielte, die Fahrten durch die DDR nicht riskieren wollten.

21. Februar 2018

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