Konsequente Kleinschreibung
Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm wurde erst über hundert Jahren vollendet



Die Humboldt-Universität zu Berlin sucht mit diesem Plakat und im Internet nach Paten für die im Besitz der Universitätsbibliothek befindlichen Bücher aus der Bibliothek der Brüder Grimm, die unbedingt restauriert werdeen müssen.



Nach der Ausgabe des ersten Bandes dauerte es über einhundert Jahre, bis die letzte Folge erscheinen konnte.



Das 1896 enthüllte Grimm-Denkmal steht auf dem Marktplatz zu Hanau, der Geburtsstadt der beiden Gelehrten.





Der außer Kurs gesetzte Tausend-Mark-Schein der Bundesrepublik Deutschland ist mit dem Doppelbildnis der Brüder Grimm, der Titelseite ihres Deutschen Wörterbuchs sowie einem Motiv aus dem Märchen vom Sterntaler geschmückt.



Eine der schönsten DDR-Münzen wurde 1986 zu Ehren der Brüder Grimm mit einem Bild des Gestiefelten Katers geprägt.







Zur Eröffnung einer Märchenserie gab die Bundesrepublik Deutschland 2012 eine silberne Gedenkmünze zu 20 Euro mit dem Doppelbildnis der Brüder Grimm heraus. In der Mitte sieht man die Ausgabe von 2017 mit den Bremer Stadtmusikanten und darunter das Tapfere Schneiderlein, das für 2019 geplant ist.

Als die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm im Frühsommer 1854 in Leipzig den ersten Band ihres berühmten Deutschen Wörterbuchs (DWB) veröffentlichten, hofften sie, das Werk noch zu Lebzeiten beenden zu können. Doch wie sollten sie sich irren, denn erst 1960 konnte das Nachschlagewerk mit der Herausgabe des 32. Bandes abgeschlossen werden. Generationen von Sprachforschern hatten sich an dem Nachschlagewerk abgearbeitet. Sie hatten Millionen Zitate wurden gesammelt, gesichtet und auf 32 500 Seiten veröffentlicht. Die Brüder Grimm, die den meisten von uns durch ihre immer wieder neu aufgelegten Kinder- und Hausmärchen bekannt sind, waren Sprachkundler und Bibliothekare. 1837 mussten sie aus der damals zum Königreich Hannover gehörenden Universitätsstadt Göttingen fliehen, weil sie die Willkür ihres Königs Ernst August von Hannover kritisiert hatten.

Die aus sieben Gelehrten bestehende Oppositionsgruppe, zu der die Brüder Grimm gehörten, wurde unter der Bezeichnung "Göttinger Sieben" bekannt. Jacob und Wilhelm Grimm wurden nach einem Zwischenaufenthalt in Kassel vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. aufgenommen. Als Mitglieder der Preußischen Akademie der Wissenschaften hatten sie in Berlin ihr Auskommen und konnten auch an der Universität Vorlesungen halten. Mit Eifer widmeten sie sich ganz dem Sammeln von Zeugnissen der deutschen Sprachgeschichte vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart. Das geschah in einer Zeit, als Deutschland noch in zahlreiche Kleinstaaten aufgesplittert war und Menschen vom Norden mit solchen im Süden wegen stark differierender Dialekte einander kaum verstanden. So war die Arbeit an dem Wörterbuch eine wichtige nationale, die Deutschen durch das Band der Sprache einigende Aufgabe. Im Vorwort des ersten, 1854 in Leipzig erschienenen Bandes beschrieben die Brüder Grimm, was die Leser erwartet: "Das wörterbuch ist kein sittenbuch, sondern ein wissenschaftliches, allen zwecken gerechtes unternehmen. selbst in der bibel gebricht es nicht an wörtern, die bei der feinen gesellschaft verpönt sind. wer an nackten bildseulen ein ärgernis nimmt oder an den nichts auslassenden wachspraeparaten der anatomie, gehe auch in diesem sal den misfälligen wörtern vorüber und betrachte die weit überwiegende mehrzahl der andern." An anderer Stelle heißt es: "Es gilt unseen wortschatz zu heben, zu deuten und zu läutern, denn sammlung ohne verständnis läszt leer, unselbständige deutsche etymologie vermag nichts, und wem lautere schreibung ein kleines ist, der kann auch in der sprache das grosze nicht lieben und erkennen."

Blick zurück in graue Vorzeiten

Das Deutsche Wörterbuch ist eine der bedeutendsten lexikographischen Werke aller Zeiten. In ihm wird unser Wortschatz in einer bis dahin ungekannten Breite und historischer Tiefe erschlossen. Die Brüder Grimm und ihre Nachfolger haben Maßstäbe gesetzt, die auch für andere Sprachen gelten. Zwar liegt ihr Schwerpunkt auf dem Neuhochdeutschen, doch gehen die Erläuterungen bis in graue Vorzeiten, das Althochdeutsche zurück. Die Brüder Grimm gingen anhand der Schriften von Luther bis Goethe sowie aus älteren Quellen der Herkunft und Bedeutung, dem Gebrauch und der Verbreitung von deutschen Wörtern auf den Grund und quälten sich durch riesige Papierberge. Heute stehen Sprachforschern digitale Speicher- und Bearbeitungsmedien zur Verfügung, um die in riesigen Mengen anfallenden Belege zu sichten und in Nachschlagewerke einzuarbeiten, die in der Nachfolge des Deutschen Wörterbuches publiziert wurden und werden. Natürlich haben die Brüder Grimm nicht alle Wörter und Wendungen, über deren Herkunft und Bedeutungen sie schrieben, selber gesammelt. Dafür standen ihnen etwa hundert Helfer zur Seite, die sie mit Hinweisen geradezu überschütteten. Jacob Grimm schilderte das so: "Wie wenn tagelang feine, dichte flocken vom himmel nieder fallen, bald die ganze gegend in unermeszlichem schnee zugedeckt liegt, werde ich von der masse aus allen ecken und ritzen auf mich andringender wörter gleichsam eingeschneit".

Das Deutsche Wörterbuch ist gegen alle Gewohnheiten konsequent in Kleinschreibung der Substantive verfasst, von Eigennamen oder Satzanfängen abgesehen. Die Hoffnung der Autoren, dass sich diese im Deutschen aufgrund ihres Werks ähnlich wie in anderen Sprachen durchsetzt, ging nicht in Erfüllung. Spätere Rechtschreibreformen haben daran grundsätzlich nichts geändert. Von ihrem Werk hatten die Brüder Grimm die romantische Vorstellung, es könne "mit andacht und verlangen" zu einer Art Hausbuch avancieren. "Warum sollte nicht der vater ein paar wörter ausheben und sie abends mit dem knaben durchgehend zugleich (auf) ihre sprachgabe prüfen und die eigene auffrischen? die mutter würde gern zuhören". Der in der Vorrede zum ersten Band von 1854 beschriebene Fall dürfte kaum eingetreten sein, dazu war das Lexikon zu teuer und für den Hausgebrauch ungeeignet. Dessen ungeachtet haben Generationen von Sprachwissenschaftlern, Autoren und Übersetzern das umfangreiche Nachschlagewerk für eigene Arbeiten genutzt und es auch mit eigenen Wortschöpfungen bereichert. Die Autoren bewältigten entgegen ihrer optimistischen Prognose nur die ersten sechs Buchstaben des Alphabets. Wilhelm Grimm starb 1859, und Jacob Grimm legte 1863 beim Artikel "Frucht" für immer die Feder aus der Hand.

Eindeutschungen und Umgangssprache nicht berücksichtigt

Als das Monumentalwerk 1960 endlich abgeschlossen war, ging die Arbeit weiter. Das über hundert Jahre alte Monumentalwerk rief geradezu nach einer Neubearbeitung, denn die Sprache und Sprachwissenschaft hatte sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts weiter entwickelt, und unzählige Wörter und Wendungen waren hinzu gekommen. Manche ursprünglichen Bewertungen oder Zuordnungen der Brüder Grimm erwiesen sich als subjektiv oder schlicht falsch. Ganze Bereiche, etwa Eindeutschungen oder die Umgangssprache, hatten sie nicht oder nur unzureichend berücksichtigt. Auswahl und Interpretation trugen dem DWB manche Kritik ein, wie man überhaupt sagen muss, dass es in Gestalt anderer Nachschlagewerke, genannt sei nur der Duden, Konkurrenz bekam und populärer wurde.

Die Neubearbeitung des Grimmschen Wörterbuchs erfolgte ab etwa 1963 als eines der wenigen gesamtdeutschen Forschungs- und Publikationsvorhaben durch Arbeitsstellen an den Akademien der Wissenschaften in Berlin und Göttingen. Der ursprüngliche Plan, die Neubearbeitung bis zum Buchstaben Z durchzuhalten, ließ sich aus Kostengründen nicht verwirklichen. Daher übernahm die Berliner Arbeitsstelle nach 1990 die Buchstaben A bis C, während sich Göttinger Sprachwissenschaftler mit den Buchstaben D bis F befassten, sozusagen als Hommage an die Brüder Grimm, die es auch nur bis zum Buchstaben F schafften. Die Fortführung ist ungewiss. Welche Dimensionen bearbeitet werden, mögen folgende Zahlen belegen: Bei den Buchstaben A bis C hat man im "Ur-Grimm" 23 850 Stichwörter gezählt. Das Archiv der Neubearbeitung allein für diese "Wortstrecke" enthält heute über drei Millionen Belege. Sie bilden, im Computer eingespeichert und ausgewertet, die Grundlage für etwa 120 000 Stichwörter in den Bänden A bis C.

Neubearbeitung trotz mancher Hindernisse

Bereits 1957 hatten Sprachforscher in beiden deutschen Staaten die Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs beschlossen, um den ältesten Teil von A bis F auf den neuesten Stand zu bringen. In Ostberlin sollten die Buchstaben A bis C und in Göttingen die Buchstaben D bis F neu bearbeitet werden. Allerdings wurden die Arbeiten in der DDR aus politisch-ideologischen Gründen behindert, weil die alles bestimmende SED-Führung das Projekt als Auswuchs angeblich bürgerlicher Lexikographie ansah. Dessen ungeachtet gingen die Arbeiten mit verminderter Kraft weiter.

Angesichts der gigantischen Dimension, die das Deutsche Wörterbuch im Laufe seiner langen Geschichte erreicht hat, fragt man sich natürlich nach seinem wissenschaftlichen und praktischen Nutzen. Ohne Zweifel liegt er in der komplexen "Durcharbeitung" unserer Muttersprache von den Anfängen bis heute und in der Aufdeckung und Erschließung ihrer Quellen. Schriftsteller, Vertreter der Medien und andere Leute nutzen das Werk, um ihre Ausdrucksmöglichkeiten zu überprüfen, zu bereichern und auf den neuesten Stand zu bringen. Ein Blick in das Wörterbuch genügt, um für den gleichen Vorgang mehrere Ausdrücke zu finden. Natürlich schöpfen auch Autoren von Nachschlagewerken und Sprachlexika aus dem Werk der Brüder Grimm und ihrer unermüdlich nach weiteren Sprachbeispielen suchenden Nachfolger. Sie müssen sich allerdings viel kürzer fassen, denn ihnen steht für ihre Auflistungen weniger Platz zur Verfügung als damals Jacob und Wilhelm Grimm. Nicht zuletzt dient bis heute das Grimm'sche Wörterbuch als Vorbild für ähnliche Sprachforschungen und Bucheditionen in anderen Ländern.

Im Internet steht die Online-Ausgabe des Deutschen Wörterbuchs. Sie beginnt mit diesen klassischen, selbstverständlich klein geschriebenen Sätzen: "A, der edelste, ursprünglichste aller laute, aus brust und kehle voll erschallend, den das kind zuerst und am leichtesten hervor bringen lernt, den mit recht die alphabete der meisten sprachen an ihre spitze stellen. a hält die mitte zwischen i und u, in welche beide es geschwächt werden kann, welchen beiden vielfach es sich annähert".

Siehe auch Einträge auf dieser Internetseite/Geschichte vom 29. Januar über die Göttinger Sieben und 4. Februar 2018 über das Grimm-Denkmal in Hanau

10. Mai 2019

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