Leibniz und die Welfen
Berühmter Gelehrter erforschte Vergangenheit einer bedeutenden Herrscherfamilie und half bei der Gestaltung ihrer Medaillen



Der kolorierte Holzschnitt aus der 1492 gedruckten „Cronecken der Sassen“ (Sachsenchronik) von&xnbsp;Cord Bote&xnbsp;oder&xnbsp;Hermann Bote betont mit dem Denkmal Heinrichs des Löwen in Braunschweig die Verbindungen der Welfen mit anderen Fürstenhäusern. Gottfried Wilhelm Leibniz, der in Leipzig geboren wurde und hier studiert hat und dessen von Ernst Julius Hähnel geschaffenes Denkmal auf dem Universitätscampus aufgestellt ist, hat dem welfischen Fürstenhaus einen großen Teil seiner Zeit und Arbeitskraft gewidmet.



Der Gelehrte wurde 1966 mit Gedenkmünzen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland geehrt. Die Berliner Akademie der Wissenschaften verdankt ihm ihre Gründung im Jahr 1700.



Die Löwenbrakteaten feiern Heinrich den Löwen in Anlehnung an seinen Beinamen als kraftvollen und unbesiegbaren Herrscher.



Die Medaille von 1701 auf die Thronfolge der Kurfürstinwitwe Sophie bildet rückseitig die 1189 verstorbene Herzogin Mathilde, Gemahlin Heinrichs des Löwen ab (Brockmann Nr. 752).



Das nach England springende Welfenross symbolisiert die Übernahme der englischen Krone durch Georg I., der als Georg Ludwig das Kurfürstentum Hannover regierte. Beide Titel werden auf der Vorderseite erwähnt. Das Chronogramm auf der Rückseite ergibt die Jahreszahl 1714.





Die braunschweigischen Herzöge konnten sich Dank der reichen Ausbeute ihrer Silbergruben eine großartige Münzprägung wie den fürstliche Fürsorge und Mildtätigkeit symbolisierende Pelikantaler von Herzog Heinrich Julius aus dem Jahr 1599 und die Glockentaler von 1643 leisten, mit denen Herzog August der Jüngere 1643 die Befreiung von Wolfenbüttel von kaiserlicher Belagerung feierte. Der Münzhandel ist regelmäßig mit interessanten Angeboten aus den braunschweigischen Herzogtümern zur Stelle.



Kurfürstin Sophie von Hannover ehrt Gottfried Wilhelm Leibniz für seine Verdienste um das Welfenhaus mit einem Lorbeerkranz, dargestellt auf dem Geschichtsfries am Neuen Rathaus in Hannover.



Auf Gottfried Wilhelm Leibniz geht der Entwurf für die von Friedrich Marl gestaltete Medaille ohne Jahreszahl auf die Stiftung der Berliner Akademie der Wissenschaften mit dem zum Sternbild des Aquila strebenden Akademieadler zurück (Brockmann Brandenburg-Preußen Nr. 480).



Die nach dem Zinnaer Münzfuß von 1667 und später dem Leipziger Münzfuß von 1690 geprägten Münzen wie diese brandenburgischen, sächsischen und braunschweigischen Zweidritteltaler (Gulden) hat Leibniz, und nicht nur er, anderen deutschen Staaten als vorbildlich empfohlen und das in seinen Gutachten untermauert. (Fotos/Repros: Caspar)

Die 1995 in Braunschweig veranstaltete große Landesausstellung zum 800. Todestag Heinrichs des Löwen in der Burg Dankwarterode ist schon eine Weile her, Interesse verdienen trotzdem die Akteure im 12. Jahrhundert und das Nachleben des berühmten Herzogs von Sachsen und Bayern. Ausgelegt war unter anderem eine prächtige Barockmedaille von 1701, die die Ambitionen der Welfen auf den englischen Thron dokumentiert. Auf ihr ist nicht der Ahnherr Herzog Heinrich, sondern seine englische Gemahlin Mathilde dargestellt. Die von Samuel Lambelet geschaffene Medaille zeigt auf der Vorderseite das Brustbild der „zur englischen Thronfolgerin benannten“ Kurfürstin Sophie, einer Enkelin des englischen Königs Jakob I. und Witwe von Ernst August, Kurfürst von Hannover und Herzog von Braunschweig-Lüneburg, der 1698 starb. Interessant ist die Rückseite mit dem am Grabmal Heinrichs des Löwen und seiner Gemahlin Mathilde im Braunschweiger Dom orientierten Brustbild dieser Ahnfrau. Dass der berühmte Gelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz an der Gestaltung solcher Medaillen beteiligt war und durch Gutachten half, das Münzwesen seiner Zeit zu reformieren, sollte bei der Betrachtung dieser im Handel angebotene Hinterlassenschaften beachtet werden.

Die 1156 geborene Tochter des englischen Königs Heinrich II. Plantagenet und Mutter von Kaiser Otto IV. war mit jungen Jahren nach Norddeutschland gekommen und hatte 1168 in Minden Heinrich den Löwen geheiratet. Das wurde durch die sogenannten Hochzeitspfennige - Brakteaten mit einer Burg und einem schreitenden Löwen davor und anderen Motiven dokumentiert. Mit Heinrich unternahm sie 1172 eine Pilgerreise ins Heilige Land. Auf dem beschwerlichen Weg nach Palästina kamen das Paar gemeinsam mit der Blüte der damaligen Ritterschaft nach Konstantinopel, wo ihnen ein großartiger Empfang bereitet wurde. Heinrich ließ die Reliquien, die er zurück brachte, in kostbare, mit Edelsteinen besetzte Behälter fassen und stiftete sie dem von ihm errichteten Braunschweiger Dom Sankt Blasius und anderen Kirchen. Die Reliquiare gehören zum Besten, was Goldschmiede des 12. Jahrhunderts hervorgebracht haben. Der berühmte Löwe auf dem Marktplatz in Braunschweig ist das Sinnbild des 1195 verstorbenen Herzogs Heinrich von Bayern und Sachsen. Das Bronzedenkmal auf hohem Steinsockel ist das älteste erhaltene Monument dieser Art in Deutschland und eine technische Meisterleistung dazu. Die Originalfigur wird im benachbarten Museum Burg Dankwarterode gezeigt.

Löwendenkmal in Braunschweigs Mitte

Mathilde war die Schwester der englischen Könige Richard Löwenherz und Johann ohne Land. So gab es intensive familiäre, politische und kulturelle Beziehungen zwischen dem Welfenhaus, dem Heinrich angehörte, und dem Hof seines Schwiegervaters, nicht zuletzt auch deshalb, weil der zwischendurch als Reichsfeind geächtete „Löwe“ zweimal nach England ins Exil gehen musste. Rund ein halbes Jahrtausend später waren Kurfürstin Sophie und ihre Leibeserben als Nachkommen König Jakobs I. vom Parlament in London zu englischen Thronerben berufen worden. Bedingung war dabei, dass die Anwärter protestantisch bleiben und die regierende Königin Anna, Tochter Jakobs II., keine eigenen Erben hat. Doch es kam anders. Sophie wurde nicht Königin von England, denn sie starb am 8. Juni 1714 im Schloss Herrenhausen bei Hannover, zwei Monate, bevor auch die englische Königin Anna die Augen schloss. Der ihr gewidmete Sterbetaler von 1714 erwähnt, dass sie zur Thronfolge nominiert wurde. Die Nachfolge trat Sophiens Sohn Georg Ludwig, Herzog von Braunschweig-Lüneburg und seit 1692 Kurfürst von Hannover, als König Georg I. in England an. Die schon erwähnte Parlamentsakte von 1701 hatte ihm die Thronfolge zugesichert. Der Monarch starb 1727 in Osnabrück.

Die braunschweigischen Herzöge waren traditionsbewusste Fürsten. Sie waren stolz auf ihre Vorfahren mit Heinrich dem Löwen an der Spitze. Indem sein Denkmal in Gestalt des aus vollem Hals brüllenden Königs der Tiere auf Braunschweigs zentralen Platz gestellt wurde, drückte er Kraft und Stärke seines Stifters aus, der ein mächtiger und gefürchteter Herrscher war und als Gründer von Lübeck, München und Schwerin und weiteren „Löwenstädten“ sowie als Stifter großartiger Dome in Lübeck, Ratzeburg und Schwerin sowie einiger Klöster in Erscheinung trat. Heinrich der Löwe und eine Reihe fürstlicher Zeitgenossen schmücken, in Sandstein geschlagen und teilweise vergoldet, die Außenfront des Braunschweiger Altstadtrathauses. Im Giebeldreieck des Braunschweiger Schlosses nimmt der Herzog die Huldigungen der geistlichen und weltlichen Mächte seiner Zeit entgegen. Für die Beliebtheit des Monarchen spricht, dass man im 19. Jahrhundert Brunnenfiguren in den „Löwenstädten“ Braunschweig und Lübeck sein Antlitz gab und Heinrich den Löwen auf zahlreichen Historiengemälden und in populären Schriften darstellte. Im 19. und 20. Jahrhundert hat man ihm zu Ehren auch einige Medaillen geprägt.

Großartige Ausbeute der Silbergruben im Harz

Ein bedeutender Vertreter der Welfen und großartiger Gelehrter war Herzog August der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel. Er hinterließ in Wolfenbüttel die nach ihm benannte weltberühmte Bibliothek, an der der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz und der Dichter Gotthold Ephraim Lessing eine Zeitlang tätig waren. Wir verdanken ihm und anderen Welfenfürsten zahlreiche Geschichts- und Wildemanntaler und die großartigen Lösertaler aus der Ausbeute ihrer Silbergruben im Harz. Diese machten die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel und Braunschweig-Lüneburg reich und verschafften ihnen großes Ansehen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und darüber hinaus.

Mit Hilfe der an alten Urkunden und Legenden orientierten Geschichtsschreibung und Hinweisen auf ihre vornehme Abkunft versuchte die Welfen im späten 17. Jahrhundert, ihre Position im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation aufzuwerten. Das lag damals im Trend, denn in der Barockzeit, als man sehr genau auf die Länge der Ahnenreihe bis in graue, kaum fassbare Zeiten schaute, trumpften selbst unbedeutende Potentaten mit ihrer hochadligen Vergangenheit auf. Die zu Reichsfürsten erhobenen Grafen von Schwarzburg etwa waren darauf stolz, dass ihr Haus im Mittelalter einen König - den im Kaiserdom zu Frankfurt am Main bestatteten, nie zu wirklicher Entfaltung gelangten und 1349 verstorbenen Günther XXI. - hervorgebracht hat. Deshalb wurde der Auftrag erteilt, den neugestalteten „Kaisersaal“ neben der Schwarzburg (Freistaat Thüringen) mit einer - noch heute erhaltenen - Ahnengalerie ausschmücken, die sogar imaginäre Porträts römischer Cäsaren aufnahm.

Vita der braunschweigischen Herzöge

Für die Aufarbeitung der Geschichte des Welfenhauses wurde der in Hannover tätige Universalgelehrte und Hofhistoriograph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716) erkoren, der sich bereits durch zahlreiche geschichtliche Abhandlungen empfohlen hatte.1685 übernahm er die Erarbeitung der Vita des fürstlichen Hauses. Auftraggeber war Herzog Ernst August von Braunschweig-Lüneburg, der spätere Kurfürst von Hannover. Der in der Genealogie, Siegelkunde und Münzkunde bewanderte Leibniz wurde verpflichtet, „an der Historie unseres Frl. (Fürstlichen) hauses mit allem Fleiße zu arbeiten, so seyn wir gdst (gnädigst) zu frieden, daß seine ietzige besoldunge in eine pension ad dies vitae verwandelt werde.“ Leibniz nahm die gut dotierte Aufgabe sehr ernst, entwickelte eine umfangreiche Korrespondenz, sammelte Urkunden und Materialien. Wie sich aber zeigte, gelang es ihm angesichts der Fülle der gesammelten Papiere nicht, die Erwartungen seiner Auftraggeber zu erfüllen. Er handelte sich sogar Ärger ein, als er trotz vielfältiger Mahnungen und „Druck von oben“ bei der Welfengeschichte nur bis zum 10. Jahrhundert kam.

Den Plan, es bis bis Kaiser Otto IV., dem dritten Sohn Heinrichs des Löwen und der Mathilde von England, zu schaffen, hat er nicht erfüllt; neuere Zeiten wollte er anderen Historikern überlassen. Zu seiner Entschuldigung trug Leibniz vor, er werde durch viele andere dienstliche Aufträge gehindert, das Werk zügig zum Abschluss zu bringen, und außerdem brauche er die „Liberté des études et des voyages“, also die Freiheit der Studien und der Reisen, um das Werk ohne Zeitnot abzurunden. Er reiste ab 1685 durch Europa, um eine Geschichte der Herrscherfamilie zu schreiben. An der Erhebung der Hannoveraner in den Kurfürstenstand 1692 und den Gewinn der britischen Königskrone 1714 war er durch juristische Gutachten beteiligt, weshalb sie ihm zu Dank und Rücksichtnahme verpflichtet waren.

Als der mit seinen Auftraggebern im Streit über Sinn und Zweck der „Historia domus“ liegende Gelehrte am 14. November 1716 in Hannover starb, nahm ihm der Tod die Feder für die mit erheblichem Kraftaufwand verfassten „Annales imperii occidentis Brunsvicensi Imperatorem M. et Witikindo ad Henricum S. ultimum ex prima stirpe Brunsvicensi Imperatorem“ aus der Hand. Der Historiker Werner Conze beurteilte das Werk mit diesen anerkennenden Worten: „So ergibt sich insgesamt der Eindruck einer außerordentlichen, konzentrierten Arbeit, in der alle Weitschweifigkeit fehlt und jeder Satz nur auf Grund sorgfältiger und scharfer Durchdringung niedergeschrieben worden ist.“ Was der Siebzigjährige erreicht hat, müsse „um so mehr Bewunderung erregen, als die Geschichtsschreibung, die in solcher Schärfe kritischen Eindringens wohl von keinem deutschen Historiker seiner Zeit erreicht worden ist, nur einen Teil der Leibnizschen Leistung - und nicht den entscheidenden - überhaupt dargestellt hat“.

Historische Vorgänge und Familienbande

Dass der gründlich arbeitende, umfassend gebildete und sprachbegabte Forscher im In- und Ausland erstmals wichtige historische Quellen über die früheste Geschichte der mit dem italienischen Geschlecht Asti (Este) verwandten Welfen erschlossen hatte, um historische Vorgänge und Familienbande umfassend darzustellen, spielte in den Augen seiner ungeduldigen Auftraggeber eine geringe Rolle. Ihnen war daran gelegen, dass sie in gedruckter, mit vielen Kupferstichen versehener Form ein „Opus historicum“ vorweisen können, das ihre politischen Ambitionen untermauert und fördert sowie die Mit- und Nachwelt in Erstaunen versetzt.

Bereits 1684/5 hatte Leibniz in einer Denkschrift die „Grandeur de la Serenissime Maison de Brunsvic-Luneburg“ ins rechte Licht gerückt. Die Untersuchungen über die Größe des allerdurchlauchtigsten Hauses Braunschweig-Lüneburg waren eine politische Argumentationshilfe für den auf den Erwerb der Kurwürde erpichten Landesherrn. Als wichtige Kriterien für die Ansprüche auf das Privileg des Herzogs, in das exklusive Kurfürstenkollegium aufgenommen zu werden und den römisch-deutschen Kaiser wählen zu können, hat Leibniz die kaiserliche Herkunft der Welfen sowie ihre Macht und historische Bedeutung betont. Leibniz verwies auf das beachtliche Alter des Geschlechts, von dem er zwanzig Generationen lückenlos dokumentieren konnte. Bei der Beschreibung der Ahnentafel hat er auch Heinrich den Löwen hervorgehoben, dessen Herrschaftsgebiet von der Nordsee bis zum Mittelmeer („De mari ad mare“) reichte. Um der Forderung nach der Kurstimme Nachdruck zu verleihen, betont die Denkschrift, dass Vertreter des Herrscherhauses von Welf V. bis Heinrich dem Löwen bereits an Königswahlen beteiligt waren.

Leibniz' Arbeitgeber Ernst August gelang es 1692, die 9. Kur trotz des Widerstandes im Reichsfürstenkollegium und in der eigenen Verwandtschaft, zu erwerben. Solche mit erheblichem Prestigezuwachs verbundenen Standeserhöhungen waren nicht für umsonst zu haben. Ernst August stellte Kaiser Leopold I. Soldaten zur Verfügung und zahlte eine halbe Million Taler in dessen Kriegskasse zur Abwehr der Türken. Auch der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. war nicht knauserig, als er seine Erhebung zum König „in“ Preußen 1701 dem Kaiser mit klingender Münze vergütete und dies durch aufwändige Festivitäten und zahlreiche prächtige Medaillen würdigte. Die Medaillen, auf denen die von Ernst August erworbene Kurfürstenwürde dokumentiert ist, wurden von Gottfried Wilhelm Leibniz entworfen. So liest man es in der einschlägigen Literatur. Auch bei anderen Gelegenheiten hat der Gelehrte an der Gestaltung von Medaillen mitgewirkt, vor allem an Prägungen anlässlich der Gründung der Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, deren zum Sternbild des Aquila aufsteigender Adler auf einen Entwurf des am Hof zu Berlin und Charlottenburg höchst angesehenen Gelehrten zurückgehen soll.

Erzschatzmeister des Römisch-deutschen Reichs

Die wohl bekannteste Medaille auf die Investitur in die Kurfürstenwürde (Brockmann Nr. 699) zeigt den etwas hageren Kurfürsten mit wallender Allongeperücke und römischem Harnisch. Das vielteilige Wappen auf der Rückseite liegt auf einem Hermelinmantel und wird vom Kurhut gekrönt. Da jeder Inhaber der Kurwürde nach den Festlegungen der Goldenen Bulle von 1356 ein zeremoniales Amt ausübte, bei Ernst August aber noch nicht ganz klar war, welches er übernehmen soll, blieb das Feld im Wappen leer. Das „Warteschild“ bekam später einen passenden Inhalt - die Kaiserkrone als Sinnbild des Erzschatzmeisteramtes. Braunschweigische Taler von Ernst Augusts Sohn Georg Ludwig aus dem frühen 18. Jahrhundert zeigen die Krone und erwähnen, dass der Kurfürst und König Erzschatzmeister des Reiches ist. Die deutsche Kaiserkrone ist auf verschiedenen Münzen von Kur-Hannover, allerdings sehr versteckt im mehrteiligen Wappen zu erkennen. Eine Medaille von 1710 auf die offizielle Verleihung der Erzschatzmeisterwürde (Brockmann Nr. 805) zeigt die berühmte Goldschmiedearbeit in voller Schönheit, sonst aber scheint das Symbol recht wenig auf Prägungen der Welfen verwendet worden zu sein. Nach der Auflösung des alten Reiches im Jahre 1806 hatten die Kurstimmen und die Erzämter ohnehin keine Bedeutung mehr.

Gottfried Wilhelm Leibniz hatte für die Gestaltung der Medaille von 1692 ursprünglich vorgeschlagen, den neuen Kurfürsten als Archibandifer oder Archibannerarius zu nennen, also als Inhaber des Erzbanneramtes. Dagegen aber protestierte der Herzog von Württemberg, der seit langer Zeit die Reichssturmfahne verwaltete und dies auf seinen Münzen und Medaillen dokumentierte. Um Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen, verzichtete man auf nähere Hinweise auf ein Erzamt. Die stark abgekürzte Titulatur bezeichnet Ernst August lediglich als „von Gottes Gnaden Herzog von Braunschweig und Lüneburg, des Heiligen römischen Reiches Kurfürst (Elector), Bischof von Osnabrück“, während die Rückseite die Standeserhöhung - in Günther Brockmanns Übersetzung (Nr. 699) - so beschreibt: „Unter den feierlichen Auspizien Leopolds I., des römischen Kaisers, semper augustus, in die Kurwürde und die mit ihr zusammenhängenden Rechte durch feierliche Zeremonie eingesetzt, im Jahre des Herrn 1692, am 9/19 Dezember“. Der Graveur der Stempel für diese eindrucksvolle Medaille scheint nicht bekannt zu sein. Eine weitere Variante mit einem etwas beleibteren Kurfürsten stammt von Ernst Brabandt. Warum zwei vor allem beim Porträt differierende Medaillen hergestellt wurden, wäre noch zu klären.

Vorschläge zur Reformierung des Münzwesens

In der gemeinsam von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften in Göttingen herausgegebenen Leibniz-Edition werden akribisch bis in das letzte Komma die schriftlichen Hinterlassenschaften des Gelehrten in der Originalfassung auf deutsch und in anderen Sprachen veröffentlicht. Der dickleibige Band IV/4 enthält die politischen Schriften aus den Jahren 1680 bis 1692. Darin finden sich neben Gedanken über die Politik Kaiser Leopolds I. auch Memoranden über die Lage in Europa, über Kirchenpolitik, Statistik, Zins und Renten sowie solche über die neunte Kur, um die sich das Haus Braunschweig intensiv bemühte, ferner über die Gestaltung von Medaillen anlässlich der Erhebung des Herzogs Ernst August von Braunschweig-Lüneburg im Jahr 1692 zum Kurfürsten von Hannover sowie über das zeitgenössische Münzwesen. Wer sich intensiv mit der Materie befasst, kennt sicher auch die anderen Bände dieser Edition, in der ebenfalls an verschiedenen Stellen numismatische Themen behandelt werden.

Aus dem Band ist zu erfahren, dass sich Leibniz aufgrund seiner Tätigkeit am Hof eines der wichtigsten silbererzeugenden Territorialstaaten im Römisch-deutschen Reich und technischer Direktor im Harzer Silberbergbau mit den Gebrechen des Münzwesens seiner Zeit auseinandersetzte und Vorschläge für eine grundsätzliche Reform des Reichsmünzwesens befasste. Der „Wiederaufrichtung des munzwesens“ maß der Hofrat ähnlich große Bedeutung zu wie der Wahrung von Frieden und Unversehrtheit im Römisch-deutschen Reich. Indem Leibniz an die Verantwortung der Landesfürsten für ihre Untertanen und die Blüte ihrer Territorien appellierte, warnte er vor Partikularismus, der nur zu weiterer Zerrüttung der Wirtschaft führt. Er beschrieb in seinen auch an den Kaiser gerichteten und im vorliegenden Band mit Erläuterungen ergänzten Denkschriften die Geldpolitik in den braunschweigischen Herzogtümern als Vorbild einer „vollkommenen Müntz-Reformation“. Braunschweig hatte sich durch die Münzverträge von Zinna (1667) und Leipzig (1690) mit Kursachsen und Kurbrandenburg auf die Prägung von Silbergeld nach einheitlichem Standard geeinigt und damit einen wichtigen Schritt zur Überwindung der unerträglichen Zersplitterung im damaligen Münzwesen getan.

Allerdings sah der Gelehrte klar, dass die in den braunschweigischen Landen geprägte „guthe Münze von dem bösen gelde so fort verschlungen, und gegen die schlechtere sorten in gemeinen Handel nicht der gebühr nach respectiret worden“, weshalb er, auch im Sinne seiner Arbeitgeber, eine durchgreifende „Real-Verbeßerung der Münze“ nach dem Vorbild der Konventionen zu Zinna und Leipzig verlangte. Es ist nicht leicht, sich durch die wortmächtigen und mit vielen Fremdworten durchsetzten Memoranden durchzuarbeiten, für die die Einleitung einen gewissen Leitfaden bietet. Doch wenn man es geschafft hat, ist der Erkenntnisgewinn über den vielseitigen und bis heute hoch geachteten Gelehrten beträchtlich.

8. Februar 2023

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