Dem Schmelztiegel entronnen - Teile des Kronschatzes werden in preußischen Schlössern ausgestellt



Die aus purem Gold bestehenden, freilich ihrer Edelsteinbesatzes beraubten Kronen von 1701 sowie weitere Herrschaftszeichen sind im Berliner Schloss Charlottenburg ausgestellt.



Der im Rittersaal des Berliner Schlosses als Zeugnis königlichen Reichtums zur Schau gestellte Silberschatz soll 20 Tonnen gewogen haben. Stücke aus diesem barocken Ensemble werden mit weiteren Preziosen vor einer Spiegelwand im Kunstgewerbemuseum Schloss Köpenick gezeigt.



In der Kronschatz-Ausstellung des Schlosses Charlottenburg ist zu sehen, welcher Prunk bei der Fertigung der silbervergoldeten Gefäße und Leuchter entfaltet wurde. Auf die Idee, Münzen und einfache Barren an Stelle der teuren Gefäße zu horten, scheint man damals nicht gekommen zu sein.

  

Kostbare Münzhumpen aus der Barockzeit stellen interessante Zeugnisse für die Liebe der Hohenzollern zu Silbergefäßen dar. Die Preußische Schlösserstiftung zeigt Münz- und andere Gefäße, die im 18. und frühen 19. Jahrhundert vor dem Schmelztiegel bewahrt wurden.



Auf dem Bauch und den Henkeln des aus dem Berliner Schloss stammenden und heute im Schloss Königs Wusterhausen gezeigten Talerfasses kann man gut die Herkunft der Silbermünzen aus der Zeit des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg erkennen. Friedrich Wilhelm I. zapfte aus dem Gefäß beim Tabakskollegium Bier.



Der mit Talern besetzte Humpen wurde dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm anlässlich seiner Huldigung von 1681 als neuer Landesherr von der Stadt Magdeburg verehrt.

Fotos: Caspar

Als 1713 der erste preußische König Friedrich I. starb,
trat sein Sohn, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., ein schweres Erbe an. Sein Vater hatte einen Riesenberg Schulden hinterlassen, und um diesen abzutragen erlegte der neue Herrscher sich und dem Land einen rigorosen Sparkurs auf. Auf der Suche nach Geldquellen ließ er geprägtes Gold aus dem Königlichen Münzkabinett im Berliner Schloss einschmelzen. Münzen und Medaillen im Gewicht von fünf bis hundert Dukaten und mehr erlitten den Tod im Schmelztiegel. Zum Glück ließ der Monarch andere Kostbarkeiten, etwa antike Silber- und Bronzemünzen, unberührt. Auch sein Sohn Friedrich II., der Große, plünderte die Schätze seiner Vorfahren. Wie in preußischen Schlössern zu erfahren ist, ließ er Brillanten und Perlen aus den Kronen brechen, die seine Großeltern, Friedrich I. und Sophie Charlotte, am 18. Januar 1701 bei ihrer Krönung in Königsberg getragen hatten, um damit neuen Schmuck und vielleicht auch Tabaksdosen bestücken zu können.

Silberne Tafelaufsätze, Spiegel und Kronleuchter
Friedrich Wilhelm I. war ein sparsamer, ganz aufs Praktische und seine Rekruten orientierter Monarch. Doch hatte er neben dem Kauf von „Langen Kerls“, der Jagd und gelegentlich auch der Malerei eine weitere Leidenschaft – das Sammeln von Gegenständen aus Silber. Er besaß prächtige Tafelaufsätze, Wand- und Kronleuchter, Stühle und Spiegel sowie mit Münzen und Medaillen besetzte Kannen und Humpen.. Mit den von Berliner und Augsburger Kunsthandwerkern hergestellten Silbersachen konnte er Macht und Reichtum demonstrieren. Doch wenn Not am Mann war, und das kam in Kriegs- und Krisenzeiten mehr als einmal in der preußischen Geschichte vor, ließen sich die Preziosen einschmelzen und in klingende Münze verwandeln. Als Friedrich II. für seine um Schlesien geführten Kriege Geld brauchte, hatte er keine Bedenken, schwere Kannen und Tafelgeschirre, Möbel, Spiegel und andere Gegenstände aus Silber einzuschmelzen, um das Metall für die Herstellung von Talern und Groschen zu verwenden.
Im Oranienburger Schloss werden Möbel, Gemälde, Skulpturen sowie Spitzenstücke barocker Silber- und Goldschmiedekunst gezeigt und damit eine Ahnung vermittelt, wie sich die Tische unter der Last der vielen Schalen, Teller und Krüge aus Edelmetall bogen (siehe Eintrag auf dieser Internetseite vom 30. März 2026). Gezeigt werden zugleich kostbare Glaspokale, die wie das kurfürstliche Silber Teil der höfischen Repräsentationskultur waren. Sie Pokale erinnern daran, dass es im Oranienburger Schloss vor 300 Jahren eine große Sammlung von herrlich geschnittenen und gravierten Glasgefäßen gab.

Tiefer Griff in die Staatskasse
Wenn es um fürstliche Selbstdarstellung und persönliches Luxusleben ging, griffen die Hohenzollern, und nicht nur sie, tief in die Staatskasse. Ihre Schlösser und Gärten sind uns lieb und teuer und werden von unzähligen Menschen besucht. Manchmal wird gefragt, wer denn die Residenzen und die kunstvollen Ausstattungen, all die Gemälde und Skulpturen, die Juwelen, Tafelaufsätze und Silbersachen, die Staatsbankette, Hofbälle und Empfänge, die Uniformen und Roben und den ganzen Hofstaat bezahlt hat. Natürlich waren es nicht die Kaiser, Könige und Prinzen selbst. Sie mussten sich nicht um solch schnöde Dinge wie die Geldbeschaffung kümmern. Die Finanzierung erfolgte durch manchmal abstruse Steuern, die einfachen Leuten auferlegt wurden, während der Adel ungeschoren davon kam.
Was sich im Laufe der Jahrhunderte in den Schatzkammern der Hohenzollern angesammelt hat, ist gut erforscht und publiziert. Zu der Ausstellung „Kaiserliches Gold und Silber. Schätze der Hohenzollern aus dem Schloss Huis Dorn“ brachte das Deutsche Goldschmiedehaus in Hanau 1986 einen umfangreichen Katalog heraus. Er berichtet aus der Geschichte der Goldschmiedekunst in Brandenburg und Preußen und wer die führenden Künstler auf diesem Gebiet waren. Dargestellt wird auch, dass die Weimarer Republik dem letzte deutschen Kaiser Wilhelm II. überaus großzügig Hausrat sowie zahllose Bilder, Möbelstücke, Silbersachen und andere Kunstgegenstände in 50 Eisenbahnwaggons in sein holländisches Exil nachschickte. In Doorn bei Utrecht schuf sich der ehemalige Kaiser, der wie vor seiner Entmachtung hinter seinen Namen I. R. (Imperator Rex) zu schreiben pflegte, einen kleinen, aber feinen Hof, an dem er tausende Besucher empfing. Dass Wilhelm von Hohenzollern 1940 Adolf Hitler gönnerhaft zum Sieg über Frankreich gratulierte, wurde ihm und den Hohenzollern nach dem Zweiten Weltkrieg von den Niederlanden als Kollaboration mit den Nationalsozialisten ausgelegt, weshalb Huis Doorn samt Kunstbesitz als „Feindvermögen“ konfisziert wurde. Was nach 1918 nicht nach Doorn gebracht wurde, blieb im Besitz der Familie Hohenzollern beziehungsweise wurde und wird als staatliches Eigentum öffentlich gezeigt. Versuche der Familie, an frühere Immobilien und Kunstschätze zu gelangen, wurden vor einiger Zeit von deutschen Gerichten unter Hinweis abgewiesen, dass sich preußische Prinzen vor und nach 1933 mit den Nazis gemein gemacht hatten.

Makabre Scherze mit Hofnarren
Aufmerksamkeit finden Kannen mit reichem Münzbesatz in den zur Preußischen Schlösserstiftung gehörenden Schlössern Charlottenburg, Oranienburg und Königs Wusterhausen sowie im Kunstgewerbemuseum Schloss Köpenick. Dort ist in einem besonderen Saal das Silberbuffet aufgestellt, das bis zum Zweiten Weltkrieg im Rittersaal des Berliner Schlosses stand. Ein weiteres Stück aus dem Rittersaal, die mit 734 Talern und sowie Medaillen besetzte so genannte Große Hohenzollernkanne, ist im Schloss Königs Wusterhausen ausgestellt, wo der Soldatenkönig seine adligen Kumpanen zu feucht-fröhlichen Saufgelagen und Gesprächsrunden, den so genannten Tabakskollegium, einlud und mit Hofnarren makabre Späße trieb.
Das riesige Bierfass wurde für Friedrich Wilhelm I. vom Berliner Hofgoldschmied Johann Christian Lieberkühn d. Ä. angefertigt. Die laut Friedrich Nicolais „Beschreibung der Kgl. Residenzstädte Berlin und Potsdam“ (Berlin 1786) „ungemein schwere große silberne Kanne mit zwey Handgriffen und einem Hähnchen“ wurde, wenn der Soldatenkönig sein Tabakskollegium abhielt, zum Bierzapfen verwendet. „Sie ist ganz mit Münzen und Medaillen, vornehmlich alten Brandenburgischen Talern belegt, und 140 Pfund 4 Loth schwer“, schrieb Nicolai. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Bierfass ins Berliner Münzkabinett, in den sechziger Jahren in den Wappensaal des Schlosses Köpenick und vor einigen Jahren ins Schloss Königs Wusterhausen, wo es am authentischen Aufstellungsort neugierige Blicke auf sich zieht. Das inwendig vergoldete Talerfass hat eine Höhe von 95 cm (Fuß bis Henkel) und einem Durchmesser von 57 cm (am Fuß 67 cm) und ist damit erheblich größer als die Gefäße, die in anderen Schlössern stehen.
Wie Lieberkühn für das Münzfass die 688 von ihm verarbeiteten brandenburgischen Taler und fünf Medaillen zusammen getragen hat, ist nicht überliefert. Es bedurfte einiger Mühe, die schon zu seiner Zeit raren Stücke aus der Zeit des Kurfürsten Joachim I. und andere Münzen aus der Frühzeit der Talerprägung zu beschaffen. Als Auftraggeber des Talerfasses tritt der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. durch eine große, von Peter Paul Werner geschaffene und in den Deckel eingelassene riesige Medaille von 1733 auf die große Truppenparade in Berlin in Erscheinung. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Münzfass ins Berliner Münzkabinett, später ins Schloss Köpenick und befindet sich jetzt im Schloss Königs Wusterhausen.
Das Überleben des Berliner Silberbuffets ist der Intervention des Hofstaatssekretärs Ernst Friedrich Bussler zu verdanken, der 1809 Friedrich Wilhelm III. bewegen konnte, das tonnenschwere Ensemble und die mit Talern und anderen Münzen geschmückten Bier- und Weinhumpen aus Respekt vor seinen Vorfahren vor der Vernichtung zu bewahren. Dieser Beamte hatte nach den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 die Aufgabe, die Rückführung der im Auftrag von Napoleon I. nach Paris verschleppten preußischen Kunstschätze zu organisieren, was jedoch nicht vollständig gelang.

Gold gab ich für Eisen
Münzen- und Medaillenfreunden dreht sich der Magen um, wenn sie sehen, wie Taler, Gulden und Dukaten sowie andere Prägestücke als Zierde von Humpen, Krügen und Schalen verwendet wurden. Solche Münzgefäße sind in großer Zahl vor allem in der Barockzeit hergestellt worden. Doch schon in der Renaissance und auch in der Antike hat man Geldstücke in Gefäße eingelassen. Viele Münzen, die vielleicht sonst eingeschmolzen worden wären, haben auf diese Art und Weise überlebt. Aus der Geschichte ist bekannt, dass an Fürstenhöfen Möbel, Geschirr, Kronleuchter, Spiegel und sogar Nachttöpfe aus Silber gefertigt wurden, denn das Edelmetall war Ausdruck der Würde und Macht des Herrschers. Der berühmte Silberschatz König Ludwigs XIV. von Frankreich wurde bis auf Reste eingeschmolzen, weil Geld für Krieg und Soldaten gebraucht wurde. Hier sei kurz erwähnt, dass sich auch Kurfürst Friedrich August III. von Sachsen, ab 1806 König Friedrich August I., von dem im Grünen Gewölbe des Dresdner Schlosses aufgestellten überaus prächtigen Silbergeschirren aus der Zeit Augusts des Starken trennte. Er ließ die Gefäße, Leuchter und anderen Preziosen einschmelzen, um aus dem Metall Taler, Gulden und Groschen anfertigen zu können. Das Geld wurde für den Wiederaufbau des im Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 von den Preußen geschundenen und ausgebeuteten Landes gebraucht. Auf ähnliche Weise verschwanden ein halbes Jahrhundert später überall in Deutschland silberne Gefäße und sicher auch viele Münzen und Medaillen sowie Münzgefäße im Schmelztiegel. Man verwendete das unter dem Motto „Gold gab ich für Eisen“ gesammelte Edelmetall,um die Ausrüstung von Soldaten und die Anschaffung von Waffen bezahlen zu können.

18. April 2026