"Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte"- Münzfreunde lernten in Friedersdorf einen mutigen Offizier kennen



Das Schloss Charlottenburg wurde 1760 von russischen, österreichischen und sächsischen Soldaten geplündert und beschädigt.



Aus Rache gab Friedrich II. den Befehl, das sächsische Schloss Hubertusburg zu plündern und zu demolieren. Anfang 1763 wurde in einem Nebengebäude der Siebenjährige Krieg durch einen Friedensvertrag beendet.



Friedrich II. schwor seine Militärs auf unbedingten Gehorsam ein und duldete keine Widerrede, nicht einmal in der eigenen Familie. Holzstich von Adolph Menzel (1840)



Die Friedersdorfer Grabinschrift könnte das Lebensmotto all derer sein, die persönliche Integrität über Karriere, Geld und Gunstbezeugungen und stellen.



Kurfürst Friedrich August II., als König von Polen August III. genannt, und sein preußischer Nachbar Friedrich II. (rechts) waren erbitterte Gegner und ließen an Schikanen und Beleidigungen nichts aus.



Das an einem Teich in Friedersdorf gelegene Schloss derer von Marwitz, das den Zweiten Weltkrieg fast unbeschädigt überstanden hatte, wurde von den ostdeutschen Kommunisten als angeblicher „Hort der Reaktion“ gesprengt.





Die Ende des Zweiten Weltkriegs beschädigte Kirche konnte wieder aufgebaut werden, die kostbare Innenausstattung mit Orgel und Grabmälern blieb erhalten, der Altar ist eine Leihgabe aus der Kirche in Straupitz.

Fotos/Repros: Caspar

Preußens König Friedrich II. genannt der Große,
erwartete von seinen Generalen, Offizieren und Soldaten, aber auch von seinen Ministern, Beamten und Untertanen unbedingten Gehorsam. Selbst in seiner eigenen Familie ließ er widerständigen Geist, die „Fahre der Unabhängigkeit“ nicht zu, wie er einmal schrieb. Zwar räumte er seinen Untergebenen die Möglichkeit ein, seine Weisungen zu überdenken und sich ihnen zu entziehen. Aber kaum jemand traute sich eine solche Befehlsverweigerung. Die Folge wäre Ungnade gewesen, und wem der König seine Huld entzog, der hatte wenig zu lachen.
Einer von denen, die dieses Wagnis eingingen, war Oberst Johann Friedrich Adolph von der Marwitz. Als unlängst Mitglieder des Numismatische Arbeitskreises Berlin-Brandenburg die Dorfkirche in Friedersdorf bei Seelow in Ostbrandenburg besuchte, lernten sie den dort bestatteten Offizier kennen, der für seinen obersten Kriegsherrn nicht den „Räuberhauptmann“ spielen wollte. Theodor Fontane hat in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ (Kapitel „Das Oderland“) über ihn und die seit dem späten 17. Jahrhundert hier lebende Familie ausführlich geschrieben.

Zerstört und wieder aufgebaut
Die Kirche erhielt im Zweiten Weltkrieg einen Bombentreffer, bei dem die Apsis zerstört wurde. Notdürftig hat man sie repariert. Eine Gemeinde- und Bürgerinitiative sammelte Geld, und nach 1990 kamen stattliche Zuwendungen vom Staat hinzu. So konnte die Kirche samt Apsis und Turmhaube erneuert werden. Aus der Schinkelkirche in Straupitz (Spreewald) erhielt sie als Leihgabe einen nicht mehr gebrauchten Barockaltar. Wenn man den Innenraum betritt, denkt man, als habe der Altar schon immer dort gestanden.
Die Familie von der Marwitz ist vor und in der Kirche durch Grabplatten aus Metall und barocke Epitaphien vertreten. Fontane hat ausführlich geschildert, wie sich Marwitz dem Befehl des Königs entzog, das sächsische Jagdschloss Hubertusburg in Wermsdorf zwischen Leipzig und Dresden als Vergeltung für die Plünderung und Demolierung des Berliner Schlosses Charlottenburg auszurauben und niederzubrennen. Johann Friedrich Adolf von der Marwitz weigerte sich. Die von seinem Neffen Friedrich August Ludwig von der Marwitz verfasste Grabinschrift „Sah Friedrichs Heldenzeit kämpfte in all seinen Kriegen / wählte Ungnade wo Gehorsam nicht Ehre brachte“ steht in schwungvoller Schrift auf dem Stein an einer Wand in der Kirche. Kein Geringerer als der damalige Bundespräsident Theodor Heus sagte am 20. Juli 1954 in einer Rede zum 10. Jahrestag des Attentats vom 20. Juli 1944 auf Hitler mit Blick auf den Befehlsverweigerer Marwitz: „Wenn irgendwo, dann steht Preußens Denkmal, das Wort moralischer Begriff, das dann zugleich menschliche Haltung zeigt, in einer Dorfkirche der Mark Brandenburg, in Friedersdorf.“ Die Mahnung ist auf einer Tafel vor der Kirche zu lesen, und in der Kirche ist von Theodor Fontane zu erfahren, dass ein anderer Offizier, nämlich Karl Theophil Guichard, genannt Quintus Icilius, die Zerstörung und Plünderung des Schlosses Hubertusburg übernahm. An der Tafel habe der König Icilius gefragt „Was hat Er denn eigentlich mitgenommen, als Er das Schloss des Grafen Brühl plünderte?“ Der Militärhistoriker und Kommandeur eines neben der regulären Armee agierenden Freibataillons antwortete laut Fontane: „Das müssen Ew. Majestät am besten wissen, wir haben ja geteilt.“ Friedrich II. schenkte ihm das Schloss Hubertusburg, das aber gleich weiter verkauft wurde. Mit den Einnahmen konnte er das Rittergut Wassersuppe bei Rathenow erwerben und sich seinen Studien über antike Militärgeschichte widmen.

Frieden von Hubertusburg
Der 1761 von preußischen Soldaten verwüstete Palast ging durch den am 15. Februar 1763 geschlossenen Frieden von Hubertusburg in die Geschichte ein. Der Vertrag schrieb den Vorkriegsstand fest und bestätigte damit dem König von Preußen den Besitz von Schlesien. Der Hohenzollernstaat hatte sich als europäische Großmacht etabliert. Hingegen spielte das zerstörte, ausplünderte und überschuldete Kursachsen als Machtfaktor keine Rolle mehr, rappelte sich aber dank des sprichwörtlichen Fleißes der Sachsen und rigoroser Sparmaßnahmen wieder auf und gelangte zu neuer Blüte.
Theodor Fontane beschreibt den sogenannten Hubertusburg-Marwitz als einen sehr braven und achtbaren Soldaten, als feinen und gebildeten Weltmann und Freund der Literatur und der Kunst. Der König habe ihn hoch geschätzt, besonders weil er das Regiment Gendarmes fast den ganzen Siebenjährigen Krieg (1756-1763) hindurch statt mit dem „größten Sukzess“ (Erfolg) geführt hatte . Friedrich II. habe nicht vergessen, dass es sächsische Truppen waren, die das Schloss Charlottenburg ausgeplündert hatten. Voll Begier nach Revanche, so Fontane, gab der König beim Einrücken in Sachsen sofort Befehl, Schloss Hubertusburg zu zerstören. Das Mobiliar sollte dem plündernden Offizier zufallen. Oberst von der Marwitz war dazu nicht bereit und weigerte sich, das Schloss auszurauben und niederzulegen. Nach einigen Tagen habe der König ihn gefragt, ob das Schloss ausgeplündert sei. Der Oberst verneinte, und so wiederholte Friedrich seine Frage, worauf dieselbe lakonische Antwort erfolgte. „,Warum nicht?' fuhr der König auf. „,Weil sich dies allenfalls für Offiziere eines Freibataillons schicken würde, nicht aber für den Kommandeur von Seiner Majestät Gendarmes.' Der entrüstete König stand von der Tafel auf und schenkte das Mobiliar des Schlosses dem Obersten Quintus Icilius, der bald darauf alles rein ausplünderte“, so Fontanes Beschreibung der Befehlsverweigerung.
Johann Friedrich Adolf von der Marwitz, der sich seinem König nicht beugen wollte, forderte seinen Abschied, der ihm aber verweigert wurde. Neue Kränkungen blieben nicht aus, er bemühte sich weiter um seine Entlassung ein. „Da tat Johann Friedrich Adolf keine Dienst mehr und blieb ein ganzes Jahr lang zu Hause. Nun lenkte der König ein und versprach ihm das nächste vakante Regiment. Aber vergeblich. Er ließ antworten, er habe so gedient, dass er sich kein passe droit (ungerechtfertigte Vergünstigung, H. C.) brauche gefallen zu lassen; was geschehen sei, sei geschehen, und könne kein König mehr ungeschehen machen.“ Der in seiner Ehre gekränkte Marwitz erhielt erst 1769 seinen Abschied.

König wütet gegen Brühl
Die besondere Wut des Königs von Preußen richtete sich gegen den allmächtigen Premierminister Reichsgraf Heinrich von Brühl, den er als intriganten und geldgierigen Nichtsnutz ansah. Was der König von Preußen von Brühl, dem eigentlichen Herrscher in Sachsen und Polen hielt, formulierte er mit diesen Worten: „Unglücklicher Sklave deines hohen Glücks, unumschränkter Beherrscher eines bequemen Königs, der du mit Arbeiten überhäuft bist, von denen die Sorge dich drückt; Brühl, verlass die überflüssigsten Beschwerlichkeiten der Größe! Im Schoß deines Überflusses seh ich die Göttin der Langeweile, und in deiner Pracht flieht der Schlaf deiner Nächte. Steig herab von dem Palast, dessen stolzer Gipfel über Sachsen hervorragt, indem er sich zum Himmel erhebt, von da dein besorgter Geist das Ungewitter beschwört, welches ein Volk von Neidern am Hofe zu erregen sucht.“ Der auch in anonymen Pamphleten angegriffene Premierminister warf Friedrich II. in ähnlicher Weise List und Falschheit sowie die gehässigsten Vorspiegelungen und die gröbsten Ränke vor.
Heinrich von Brühl starb im „Drei-Kurfürsten-Jahr“ 1763, das nach dem am 5. Oktober 1763 verstorbenen Friedrich August II. und seinem bald darauf ebenfalls verstorbenen Sohn Friedrich Christian sowie dessen erst 13 Jahre alten Nachfolger Friedrich August III. benannt ist, der 1806 König von Sachsen wurde und 1831 starb. Ein Prozess blieb dem entmachteten Minister erspart, Prinzregent Xaver, ein Onkel des noch unmündigen Friedrich August III., hatte kein Interesse, dass bei dem Verfahren schmutzige Wäsche gewaschen wird, zumal Brühl und seine Nachkommen darauf verweisen konnten, dass alles, was in Sachsen und Polen geschehen ist, nur mit Wissen und Billigung des Landesherrn erfolgte. Brühls sagenhafte Vermögen und seine Kunstschätze fielen an den sächsischen Staat. Am „Hungertuch“ mussten die Nachkommen des Ministers nicht nagen.

Der Spielsucht verfallen
Friedrich Adolf von der Marwitz hatte sich mit seinem Zustand abgefunden. Doch das Ende seines Lebens habe nicht dem ruhmreichen Anfang entsprochen, schreibt Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Er entwickelte Friedersdorf zu einem landwirtschaftlichen Mustergut und baute unter der großen Linde hinter dem Haus eine Laube, in der er schon am Morgen mit seinen Freunden - vermutlich - um Geld spielte. „Dann wurde mit großem Aufwande getafelt, viel, gut und lange getrunken, bis der Abend die Beschäftigung des Morgens wieder aufnahm. Er besaß eine höchst wertvolle Bibliothek, die sich noch jetzt im Friedersdorfer Schloss befindet. Alle diese Bücher hatte er, partienweise, den Quintus Icilius im Spiel abgewonnen und sich dadurch nachträglich und auf dem Wege Rechtens in Besitz derselben Bibliothek gesetzt, deren Fortführung aus Schloss Hubertusburg er, als unwürdig eines Marwitz und Obersten der Gendarmes verweigert hatte.“
Dass Friedersdorf Wohnsitz eines Offiziers war, der seinem König mutig die Stirn bot und sich nicht an den damals üblichen Raubzügen beteiligte und der als Vorbild des zivilen Ungehorsams Beachtung fand, nutzte dem Schloss nichts. Unter dem Motto „Krieg den Schlössern – Frieden den Hütten“ und „Junkerland in Bauernhand“ wurden nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschen Osten im Zuge der so genannten Bodenreform von 1945/6 und danach Gutshäuser und Landschlösser abgerissen. Auch das im 19. Jahrhundert nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel umgebaute Schloss Friedersdorf wurde dem Erdboden gleich gemacht. Einige Nebengebäude blieben erhalten und dienen der nach 1990 zu ihren Ursprüngen zurückgekehrten Familie als Wohnsitz und als Zentrum einer florierenden Landwirtschaft.

19. April 2026