Brand im Hause Mommsen - Berühmter Althistoriker verlor 1880 durch Unachtsamkeit seine wertvolle Bibliothek

Das Porträt lässt ahnen, wie es im Arbeitszimmer des berühmten und streitbaren Altertumsforschers Theodor Mommsen aussah. Sein Marmordenkmal im Ehrenhof der Humboldt-Universität ist ein Werk des Bildhauers Adolf Brütt und wurde am 1. November 1909 im Rahmen der Hundertjahrfeier der Berliner Universität eingeweiht.

Der Charakterkopf von Theodor Mommsen ist nicht auf Gedenkmünzen, sondern auf Bronzeplaketten abgebildet.

Die Porzellantafel am Haus Marchstraße 8 unweit der Straße des 17. Juni erinnert an den berühmten Bewohner.

Zahlreiche Fundstücke, die wie die eiserne Schutzmaske und Münzen aus der Zeit des Kaisers Augustus auf die Varusschlacht weisen, sind im 2002 eröffneten Museum Kalkriese ausgestellt.

An die Schlacht im Teutoburger Wald erinnert das 1875 im Beisein Kaiser Wilhelms I. und zahlreicher anderer Fürsten enthüllte Hermannsdenkmal südlich von Detmold zur Erinnerung an Hermann (Arminius) den Cherusker. Hier ein Blick in die Gießerei, in der das Monument nach einem Modell von Ernst von Bandel gefertigt wurde.

Der Maler, Bildhauer und Architekt Ernst von Bandel wird auf der zur Weihe des Monuments bei Detmold geprägten Medaille von 1875 gewürdigt.
Fotos/Repros: Caspar
Heute unvorstellbar war es zur Zeiten von Theodor Mommsen (1817-1903) noch möglich, wertvolle Bücher und Handschriften aus Bibliotheken und Archiven zu Studienzwecken nach Hause zu nehmen. Die Tochter Adelheid des berühmten Berliner Althistorikers notierte, am 12. Juli 1880 sei durch die Unachtsamkeit ihres Vaters in dessen Haus an der Marchstraße 8 im heutigen Bezirk Tiergarten ein verheerender Brand ausgebrochen, der die gesamte Bibliothek und die Früchte langer, mühevoller wissenschaftlicher Arbeit zerstörte. Bei dem Feuer gingen auch zwei mittelalterliche Handschriften verloren.
Mommsen arbeitete gerade an dem Heidelberger Codex „De origine actibusque Getarum“ (Von Ursprung und Taten der Goten). Das Hauptwerk des römisch-gotischen Gelehrten und Geschichtsschreibers Jordanes aus dem 6. Jahrhundert über die Geschichte der Goten war für Mommsen als Quelle für seine Publikationen über „Römische Geschichte“ wichtig. 1902 erhielt Mommsen für dieses Standardwerk den Nobelpreis für Literatur. Er spendete vom Preisgeld die damals gewaltige Summe von 5000 Mark an den Magistrat der noch selbstständigen Stadt Charlottenburg zur Weitergabe an die Volksbibliothek, zwei Gymnasien und arme Leute. Zum Glück erhoben die Bibliotheken keine Regressforderungen. Doch revidierten sie und andere Sammlungen die lang geübte Praxis der Ausleihe von seltenen Handschriften und Büchern. Zu beklagen waren auch Mitschriften von Vorlesungen, die Mommsen für seine Forschungsarbeit wichtig waren.
Schaden durch Feuer und Wasser
Zunächst hatten Arbeiter der nahe gelegenen Porzellanfabrik das Feuer entdeckt. Sie rückten mit Spritzen an und bekämpften mit Feuerwehrleuten den Brand im Hause Mommsen. Das Feuer konnte sich so schnell ausbreiten, weil dort überall Bücher und Manuskripte lagen. Ein großer Teil der gerade in Arbeit befindlichen Handschriften lag an jenem Unglückstag auf dem Schreibtisch und ging sofort in Flammen auf. Warum das Feuer ausbrach, konnte nicht festgestellt werden. Da der bis nach Mitternacht arbeitende Gelehrte Kerzen, Petroleum oder Gas zur Beleuchtung verwendete, dürften diese die Brandursache gewesen sein.
Die Anteilnahme an dem Unglück, bei dem niemand zu Schaden kam, war groß, und die Hilfsbereitschaft der Menschen, den Schaden durch Bücherspenden auszugleichen, erstaunlich. Eine russische Zeitung schrieb, wenn auch der Brand bald gelöscht wurde, so sei doch von der Bibliothek und den Manuskripten vieles vernichtet. Die Verluste für die Wissenschaft und den berühmten Historiker seien viel zu viel. Er habe mit der ganzen Liebe des Gelehrten an seinen Schätzen gehangen und sei naturgemäß über ihren plötzlichen Verlust „auf das Tiefste niedergebeugt.“ Professor Mommsen habe bei seinen Rettungsversuchen leichte Brandwunden davon getragen haben. Was das Feuer vernichtete, habe das Löschwasser verdorben. Kaum waren die Brände von außen gelöscht, so heißt es weiter, da glimmte das Feuer von innen wieder hervor. Mehrere junge Doktoren suchten im Schutt nach Büchern und Wertobjekten. Nicht gefunden wurden Leihgaben aus der Palatinischen Bibliothek in Heidelberg und solche aus der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Einige in Schweinsleder gebundene Folianten wurden nur teilweise verletzt.
Marmordenkmal im Hof der Universität
Drei Jahre nach dem Tod des berühmten Gelehrten (1903) wurde ein Wettbewerb für ein Denkmal aus Marmor ausgeschrieben. Mommsen sollte sitzen und ähnlich wie die beiden Humboldt-Figuren vor der Universität dargestellt werden. Der Althistoriker ist mit einem langen Mantel bekleidet, ohne den man sich damals einen solchen Geistesriesen, wie man sagte, nicht vorstellen konnte. Er strahlt Würde und Ruhe aus, die linke Hand ruht auf einem aufgeschlagenen Buch. Der rechte Arm lehnt über die Seitenwand seines Sessels. Brütt hatte Mommsens Totenmaske abgenommen und schuf danach ein vorzüglich gelungenes Altersbildnis des Mannes, der sich in der Revolution von 1848/49 mit dem preußischen Staat angelegt und sein Lehramt in Leipzig verloren hatte. Nachdem er zeitweilig in Zürich und Breslau tätig war, folgte er 1859 einem Ruf nach Berlin.
Im Preußischen Abgeordnetenhaus beziehungsweise Deutschen Reichstag legte sich der Mitgründer der liberalen Deutschen Fortschrittspartei mit Reichskanzler Otto von Bismarck an. In der von ihm gegründeten Freien Wissenschaftliche Vereinigung sammelte er Persönlichkeiten, um mit ihnen gegen Reaktion und Antisemitismus vorzugehen. Mit großer Energie und Anfeindungen nicht scheuend, trat er gegen seinen erzkonservativen Kollegen Heinrich von Treitschke auf, der sich als preußischer Staatshistoriker verstand und antisemitische Positionen vertrat. Die Nationalsozialisten verwendeten Treitschkes Parole „Die Juden sind unser Unglück“ als Motto für ihr Hetzblatt „Der Stürmer“.
„Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder“
Theodor Mommsen ging als Autor bedeutender Werke über die Antike in die Geschichte ein und schrieb mit der Sammlung lateinischer Inschriften (Corpus Inscriptiorum Latinarum) und dem Griechische Münzwerk Wissenschaftsgeschichte, an denen bis heute an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gearbeitet wird. Im Rahmen seiner Forschungen befasste sich Mommsen auch mit der so genannten Varusschlacht oder Schlacht im Teutoburger Wald 9 Jahre nach Christus. Der römische Feldherr Publius Quinctilius Varus hatte den Auftrag, die germanischen Gebiete bis zur Elbe in eine römische Provinz zu verwandeln, die Steuereintreibung zu organisieren und das Römische Recht durchzusetzen. Dagegen erhoben sich, geleitet von dem Cheruskerfürsten Arminius, die Cherusker, Brukterer, Marser und Chatten. Mit ihrem historischen Sieg vereitelten sie den Versuch des Kaisers, seine Macht auf Innergermanien auszudehnen. Der glücklose Varus entzog sich durch Selbstmord der Gefangennahme. Die Nachricht von der Niederlage im fernen Germanien löste in Rom Panik aus. Augustus, der schon den Feind vor den Toren der Stadt wähnte, soll gerufen haben „Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder“. Der Ausspruch ist heute im internationalen Zitatenschatz lebendig.
Museum in Bramsche-Kalkriese
Weniger umstritten wie jener Verzweiflungsschrei des Augustus ist der Ort der Schlacht im Teutoburger Wald. Seit Jahrhunderten und auch heute sind verschiedene Stätten in der Diskussion. Schon in der Renaissancezeit hatte sich analog zur lateinischen Bezeichnung „Saltus teutoburgensis“ der Name Teutoburger Wald für das Gebiet einbürgert. In den vergangenen Jahren konnten das Schlachtfeld näher lokalisiert werden. So haben Fachleute aufgrund von Ausgrabungen, der Analyse von militärischen Ausrüstungsgegenständen und von zahlreichen Münzen Kalkriese bei Osnabrück als Ort der Varusschlacht ausgemacht.
Die Geldstücke stammen aus der Zeit des Kaisers Augustus, der von 44 vor bis 14 nach Christus regierte. Sie sind, wie die ausgegrabenen Waffen, Beschläge und andere Gegenstände meist aus Metall herausragende Geschichtszeugnisse und helfen bei der zeitlichen Einordnung der dramatischen Auseinandersetzung zwischen Römern und Germanen. Historiker, Archäologen, Museologen und Politiker mussten sich gegen Ansprüche anderer Kommunen zur Wehr setzen, die den Ort der Varusschlacht für sich reklamieren. Die Frage, wo denn die Schlacht stattgefunden hat, ist nicht unwichtig, denn das in Bramsche-Kalkriese 2002 eingerichtete Museum und die ganze Gegend locken erhebliche Besucherströme an.
Römer im Inneren Germaniens
Ausgrabungen im niedersächsischen Landkreis Northeim zufolge, gelangten römische Legionäre etwa 200 Jahre nach der Varusschlacht in das Innere Germaniens und waren in einer Schlacht an der Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert nach Christus offenbar siegreich. Darüber hatte es bisher keine Nachrichten gegeben. Äußerungen eines Kaisers über diesen Erfolg sind bisher nicht bekannt. Die Datierung der Schlacht ist möglich durch eine bei den Ausgrabungen gefundene Münze des Kaisers Commodus, der von 180 bis 192 nach Christus regierte, aber auch von Waffen und Ausrüstungsgegenständen, die in diese Zeit gehören und als ungewöhnlich gut erhalten charakterisiert werden. Die zeitliche Einordnung wird durch Messungen nach der C-14-Methode gestützt. Möglich ist, dass die von Fachleuten nach Auskunft der Fundstücke als dramatisch geschilderte Schlacht im Vorfeld eines Feldzuges geschah, den Kaiser Maximilians Thrax im Jahr 235 ins Innere Germaniens unternahm. Die sensationellen Funde in einem Waldstück am Rand des Harzes werden die Historiker veranlassen, über das Verhältnis der Römer und der Germanen nach der Zeitenwende nachzudenken und die schriftlichen und gegenständlichen Quellen zu diesem Thema neu zu interpretieren. Es wäre nicht das erste Mal, dass Neufunde Theorien und althergebrachtes Wissen über Bord werfen.
1. September 2026