Im Schatten des großen Bruders - Der vor 300 Jahren geborene Prinz Heinrich von Preußen spielte nur die zweite Geige



Das Rheinsberger Schloss diente in DDR-Zeiten als Sanatorium. Das führte Umbauten und Beschädigungen, die nach 1990 beseitigt wurden. Die originale Ausstattung ist verloren, wurde aber von der Schlösserstiftung aus ihrem Fundus so gestaltet, dass man gut sehen kann, in welch edel gestalteten Räumen Prinz Heinrich und sein Hof lebten.



Bei den Hohenzollern hatte König Friedrich II. den Hut auf; nichts ging ohne seine Genehmigung. August Wilhelm, auf den Friedrich zeigt, starb bereits 1758, Heinrich (rechts) wurde 76 Jahre alt und starb 1802. Die Ehe von Wilhelmine und Heinrich bestand nur pro forma, denn Heinrich liebte Männer und wollte von seiner Frau nichts wissen.



Zeit seines Lebens stand Prinz Heinrich im Schatten seines Bruders (links Holzstich von Adolph Menzel).



Als Feldherrn hat man Heinrich zu seinen Lebzeiten auf Gemälden und Kupferstichen dargestellt; seine Reiterfigur schmückt den Sockel des Friedrich-Denkmals Unter den Linden in Berlin.



Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten stellt den Prinzen Heinrich von Preußen in den Mittelpunkt des Jubiläumsjahrs 2026 und zeigt, wie sehr er die Rheinsberger Schlösser- und Stadtlandschaft geprägt hat, und wie seine Strahlkraft bis in die Gegenwart reicht. Die Schlossräume wurden mit Kunstwerken und Möbeln aus anderen Schlössern ausgestattet. Nur wenige Objekte stammen noch aus Heinrichs Zeiten.



Ungeachtet naher Familienbande mischte sich Friedrich II., - das Bronzedenkmal vor dem Rheinsberger Schloss zeigt ihn als Kronprinzen - in die Angelegenheiten des jüngeren Bruders ein, was zu Reibereien führte.



Das Porträt auf der Pyramide im Rheinsberger Schlosspark zeigt den Prinzen August Wilhelm, dem Friedrich II. zu Unrecht Versagen zu Beginn des Siebenjährigen Krieg (1756-1763) als Befehlshaber vorwarf.



Bestattet wurde der Prinz 1802 in einer Pyramide unweit seines Schlosses. Ihre abgebrochene Spitze ist ein Sinnbild für das Leben, das unvollkommen und unvollendet bleibt. n

Fotos/Repro: Caspar

Er war der kleine Bruder des großen Friedrich
und 14 Jahre jünger als dieser, ein Mann, der selbst in seiner Residenz Rheinsberg lange Zeit kaum bekannt war. Die Rede ist vom Prinzen Heinrich von Preußen, der vor 300 Jahren, am 18. Januar 1726, als Sohn des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. geboren wurde. Schloss und Park Rheinsberg nördlich von Berlin waren Heinrichs Refugium und Lebensmittelpunkt, obwohl er einen großen Palast in Berlin unter den Linden besaß, die heutige Humboldt-Universität. Nach seiner Thronbesteigung 1740 überließ Friedrich II., der Große, vier Jahre später Schloss und Park Rheinsberg seinem erst 18 Jahre alten Bruder Heinrich, der sich als Freund alles Französischen Henri Louis nannte. Der Prinz machte aus Friedrichs Sommersitz einen berühmten Musenhof.

Feldherr, Kunstsammler, Denker
Heinrichs 300. Geburtstag ist für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, für Rheinsberg und das Land Brandenburg ein willkommener Anlass, im Jubiläumsjahr 2026 zu zeigen, wer dieser Hohenzollernspross war, der immer nur die zweite Geige spielen durfte. Es wird gezeigt, welche Spuren er hinterlassen hat und warum er als Feldherr, Kunstsammler, Denker und Gastgeber illustrer Personen die großen Zahl von Leuten seines Standes überragt hat. Das Festprogramm richtet sich sowohl an Gäste jeden Alters als auch an Historiker und Kunstfreunde aus Deutschland und der Welt. Angekündigt sind Konzerte, Lesungen, Workshops, Ausstellungen und Theateraufführungen, die Bezüge ins 18. Jahrhundert und in unsere Gegenwart herstellen und Heinrichs Leben und Schaffen sichtbar machen. Nicht verschwiegen werden die Spannungen zwischen Friedrich und Heinrich, die aber um den lieben Familienfriedens willen nie offen ausgetragen wurden.
Heinrich war er ein bedeutender Feldherr und Diplomat, gern gesehener Gast an den Höfen in Paris, Sankt Petersburg und Stockholm, ein Förderer der Künste und mehr als ein halbes Jahrhundert Herr über den Rheinsberger Musenhof. Getrieben von Ruhmsucht und dem Willen, durch Heldentaten in die Geschichtsbücher zu gelangen, setzte sein großer Bruder, König Friedrich II., in den Schlesischen Kriegen die Existenz seines Landes aufs Spiel. Unterordnung unter seinen Willen war oberstes Gebot; sie verlangte der König auch von seinen Brüdern August Wilhelm, Heinrich und Ferdinand.

Konkurrenz unter Brüdern
Der sich feinsinnig und tolerant gebende Friedrich II., den manche einen „Philosophen auf dem Thron“ nannten, wurde gelegentlich ausfallend, wenn ihm etwas bei seinen Brüdern nicht in den Kram passte oder sie sich in einer Konkurrenzsituation zu ihm, dem im Kleinen wie im Großen diktatorisch regierenden Oberhaupt der Familie und Landesvater, befanden. „Es gibt eine Art Zwitterwesen, die weder Herrscher noch Privatleute sind und die sich bisweilen sehr schwer regieren lassen: Das sind die Prinzen von Geblüt“, schrieb der König in seinem Politischen Testament von 1752, in dem er sich als Diener seines Staates beschrieb, und stellte damit seinen Brüdern ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis aus. „Ihre hohe Abstammung flößt ihnen einen gewissen Hochmut ein, den sie Adel nennen. Er macht ihnen den Gehorsam unmöglich und jede Unterwerfung verhasst. Sind irgendwelche Intrigen, Kabalen und Ränke zu befürchten, von ihnen können sie ausgehen. In Preußen haben sie weniger Macht als irgendwo sonst. Aber das beste Verfahren ihnen gegenüber besteht darin, dass man den ersten, der die Fahne der Unabhängigkeit erhebt, energisch in seine Schranken weist, alle mit der ihnen gebührenden Auszeichnung behandelt, sie mit allen äußeren Ehren überhäuft, von den Staatsgeschäften aber fernhält und ihnen nur bei genügender Sicherheit ein militärisches Kommando anvertraut, das heißt, wenn sie Talent und einen zuverlässigen Charakter besitzen“.
Da Friedrichs Brüder mitunter die „Fahne der Unabhängigkeit“ schwenkten, wurden sie konsequent von allen Staatsgeschäften ferngehalten. Hätte der König sie zu Wort kommen lassen, wären den Völkern vielleicht große Opfer an Gut und Blut erspart geblieben. Um Heinrich zu besänftigen, vermachte der König ihm im Testament von 1769 200 000 Taler, 50 Eimer Ungarwein, einen schönen Kronleuchter aus Bergkristall in Potsdam, den grünen Diamanten, den er am Finger trägt, zwei Handpferde mit Zubehör und ein Gespann von sechs preußischen Pferden. Damit war die Existenz des Rheinsberger Hofs für längere Zeit gesichert.

Mann voller Widersprüche
Heinrich war ein Mann der Widersprüche, den die Strenge seines Vaters und die Dominanz und Ungeduld seines Bruders prägten. Da beide Brüder Männer liebten, waren ihre Ehen unglücklich und ohne Kinder. So genannte Favoriten nutzten die als „unschicklich“ bezeichnete, aber nicht verbotener Nähe zu dem in sie verliebten Prinzen, wie Theodor Fontane in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ schildert, für eigene Zwecke aus, etwa um auf der Karriereleiter hochzusteigen oder von ihm finanziell zu profitieren. Im Katalog zur großen Heinrich-Ausstellung von 2002 im Rheinsberger Schloss wird diese Seite in seiner Biographie nicht ausgespart. Der Prinz konnte charmant und liebenswürdig sein, wenn er junge Männer um und bei sich hatte. Doch wenn es um die eigene Gemahlin Wilhelmine von Hessen-Kassel ging, ließ er ähnlich wie Friedrich II. im Verhältnis zu seiner Gattin Elisabeth Christine jede Contenance fahren und sehr ungnädig sein.
Wenn man früher nach Rheinsberg kam, war meist vom Kronprinzen Friedrich die Rede, der hier einige glückliche Jahre verlebt hat, bis er 1740 König wurde. Das Bronzedenkmal des jungen Friedrich steht auf dem Schlossplatz; auf ihn konzentrieren sich alle Blicke. Dabei bewohnte der 14 Jahre jüngere Heinrich die Residenz über ein halbes Jahrhundert lang und hat hier bedeutende Spuren hinterlassen. Er hat das Schloss am Grienericksee verschönert sowie in der Nähe ein Theater und Bauten für seinen Hofstaat errichten lassen. Das Geld dafür erhielt er von seinem königlichen Bruder, der nur allzu gern den als Konkurrenten, was „Männersachen“ anlangt, angesehene Prinzen möglichst fern vom Hof in Berlin und Potsdam zu sehen wünschte.

Keine Hoffnung auf die Krone
Dieser Prinz ohne Hoffnung auf die preußische Krone durfte sich mit Friedrich dem Großen nicht anlegen, so lange er an der Macht war. Als der König am 17. August 1786 im Schloss Sanssouci 74jährig starb, konnte der Prinz die ihm angelegten Fesseln abstreifen und sich einen Traum erfüllen – die Errichtung einer Gedenksäule für Männer, die große Verdienste um Preußen und seine Armee erworben haben, aber nicht ausreichend vom König gewürdigt wurden, wie Heinrich befand. Die Säule oder, wie man besser sagt Pyramide, steht vis à vis vom Schloss am anderen Ende des Grienericksees und ist mit Inschriften aus kleinen Bronzebuchstaben bedeckt. In französischer Sprach werden Generale und Offiziere geehrt. Die Besonderheit an diesem Monument ist, dass der Name des königlichen Bruders fehlt. Das war Heinrichs Art, sich an seinem Herrscher und Bruder zu rächen.

Hier oben, da unten
„Prince Henri Louis, frère du Roi“, wie man Heinrich nannte, als wäre er nur ein Anhängsel des Königs, stand zu diesem in einem spannungsvollen Verhältnis. Beide waren Musensöhne, und beide waren Feldherren von Rang. Trotz freundschaftlicher Bekundungen brüderlicher Liebe gingen die beiden einander aus dem Weg. Wer in dieser Beziehung oben stand und wer sich mit der zweiten Stelle zufrieden geben musste, zeigt das von Christian Daniel Rauch geschaffene Reiterdenkmal Friedrichs des Großen Unter den Linden. Ganz oben reitet überlebensgroß der König, an der vorderen Ecke des Denkmalssockels sieht man den Prinzen Heinrich ebenfalls reitend, aber viel kleiner. Immerhin hat der Prinz einen prominenten Platz auf diesem bronzenen Kunstwerk bekommen. Als er 1802 mit 76 Jahren gestorben war, hat man ihn in der Grabpyramide unweit des Rheinsberger Schlosses beigesetzt und den Eingang zugemauert. Die dort eingelassene Inschrift charakterisiert den Prinzen in französischer Sprache als einen Mann, der „durch seine Geburt in die Wirbel jener eitlen Dünste hineingeschleudert (wurde), die der große Haufen Ruhm und Größe nennt“. Der Verstorbene sei oft Ziel von Verleumdung und Opfer von Ungerechtigkeit gewesen und sei durch den Tod geliebter Angehöriger und treuer zuverlässiger Freunde gebeugt worden. Die von Heinrich verfasste Eloge endet mit den Worten „Bin ich nicht der beste Mensch gewesen, so gehöre ich doch nicht zur Zahl der Schlechten. Lob und Tadel können dem im Grabe nichts mehr anhaben“.
Den Tod des nur noch als „Fossil“ aus einer vergangenen Epoche wahrgenommenen Prinzen nahmen die Verwandten und das Volk ohne größere Bewegung zur Kenntnis. Vom königlichen Hof Hof in Berlin und Potsdam kaum noch wahrgenommen, hatte der kleine Bruder des Großen Königs seine letzten Lebensjahre fast ausschließlich in Rheinsberg verbracht. Er pflegte seine Kunstsammlungen, Korrespondenzen und Bücher und empfing in seinen Rokoko-Räumen Gäste aus aller Welt. Obwohl er ein weitblickender Politiker und Diplomat war, haben Friedrichs Nachfolger, die Könige Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III., ihn nicht zu Beratungen über wichtige politische Themen vor und nach der für ganz Europa so wichtigen Revolution von 1789 in Frankreich gebeten.

Nachlass in alle Winde verstreut
Warum Heinrich bald nach seinem Tod vergessen war, hat sicher damit zu tun, dass sein in jeder Hinsicht bedeutender Nachlass in Form von französischen Gemälden und Skulpturen sowie Büchern, Handschriften, Briefen und Landkarten, aber auch Möbeln, Porzellanen, und Silbersachen schon bald verkauft und in alle Winde verstreut wurde. Universalerbe war Heinrichs Bruder Ferdinand, der mit dem Nachlass unsensibel umging. Für die eigene Gemahlin Wilhelmine sorgte Heinrich so gut er konnte. Er hege keinerlei Gefühle des Hasses ihr gegenüber, die Staatsräson und für sehr traurigen Umstände hätten ihn genötigt, fern von ihr zu leben. „Ich entferne jedes Ärgernis aus meinem Gedächtnis, indem ich ihr Ruhe wünsche und den Genuss all dessen, wessen sie sich in ihrem Alter erfreuen kann. Ich bestätige alles, was ihr durch meinen Ehevertrag versprochen wurde.“ Eigentlich hätte Wilhelmine hätte Rheinsberg als Witwensitz zugestanden, aber sie blieb im Berliner Palais, wo sie 1808 starb.

In einen Dornröschenschlaf verfallen
Die Plünderung des Rheinsberger Schlosses ging einher mit dem Abriss zahlreicher Parkarchitekturen, womit das Anwesen seine Authentizität verlor. 1892 bedauerte Paul Seidel ,der Direktor des Hohenzollernmuseums im Berliner Schloss Monbijou, dass von den Kunstsammlungen des Prinzen nichts von Belang übrig geblieben sei. Nach Heinrichs Tod hatten die Verwandten nichts besseres zu tun, als seinen Nachlass meistbietend zu verkaufen und auch Heinrichs Palais auszuschlachten. Rheinsberg verfiel in einen Dornröschenschlaf, und wenn man die Stadt und das Schlösserreich des Prinzen Heinrich besuchte, wie es Theodor Fontane tat, war nicht von ihm, sondern von König Friedrich II. die Rede. Kurt Tucholsky machte 1912 mit seiner Erzählung „Rheinsberg – Ein Bilderbuch für Verliebte“ auf den verschlafenen Ort in der Mark Brandenburg aufmerksam. Und vieles, was das Pärchen aus Berlin damals sah und erlebte, ist noch heute vorhanden. Nur hat sich Rheinsberg in ein gut besuchtes Touristenziel verwandelt.
Da das Schloss nach 1945 als Sanatorium genutzt wurde, fiel es nicht der von den Kommunisten ausgerufenen Bilderstürmerei und der Aktion „Krieg den Schlössern“ zum Opfer. Es dauerte lange Zeit, bis der Prinz quasi aus der Versenkung geholt und sein in DDR-Zeiten als Sanatorium benutztes Schloss und der Park zu neuem Leben erweckt wurde. Das geschah 2002 zum 200 Todestag des Prinzen und ist in Form eines großartigen Katalogs dokumentiert. Den Jubiläumsveranstaltungen 2026 darf man viel Erfolg und Resonanz wünschen. Denn der aus dem Schatten seines großen Bruders geholte „Herr von Rheinsberg“ hat es verdient, dass man sich seiner freundlich und aufgeschlossen erinnert.

25. März 2026