Künstler im Visier der Stasi - Filmdrama „Das Leben der Anderen“ von 2006 sagt mehr als hundert Abhandlungen über die DDR

Mit einem Oskar wurde das Filmdrama von 2006 „Das Leben der Anderen“ ausgezeichnet. Ulrich Mühe hört als Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler den Schriftsteller Georg Dreymann und seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Christa Maria Sieland, vom Dach ihres Wohnhauses ab und erkennt, wie Künstler in der DDR jenseits von ideologischer Gängelung leben und was sie vom „Sozialismus auf deutschem Boden“ halten, wie Honecker formulierte.

Allein das Tragen des Emblems „Schwerter zu Pflugscharen“ war ein Grund, dass jemand als „feindlich-negativ“ abgestempelt wurde.

Die DDR-Staatssicherheit verstand sich nach sowjetischem Vorbild als „Schild und Schwert der Partei“, als verlängerter Arm der SED und ihrer keinen Widerspruch duldenden Diktatur.

In der Stasi-Gedenkstätte „Runde Ecke“ in Leipzig kann man sehen, wie die Messestadt rund um die Uhr von Geheimdienstlern überwacht wurde. Von Leipzig aus breitete sich 1989 die friedliche Revolution aus, die das marode SED- und Stasisystem zu Fall brachte.

Im Haus 1 des ehemaligen MfS an der Ruschestraße im Berliner Bezirk Lichtenberg werden Geräte zum Öffnen von Briefen „unter Dampf“, zum Abhören von Telefonen mithilfe von „Wanzen“ und weitere Schnüffeltechnik gezeigt. Auf diesem Gebiet hatte die Stasi „Weltniveau“ erreicht; da machte ihr kaum jemand etwas vor.
Fotos/Repros: Caspar
Feindlich-negative Personen waren im Jargon der Staatssicherheit der DDR ein von imperialistischem Ungeist durchdrungener Mensch, bei dem Hopfen und Malz verloren ist. In den Verdacht, ein Staatsfeind zu sein, konnte man schnell kommen, etwa durch regimekritische Äußerungen, illegale Verbindungsaufnahme mit Westjournalisten, unerlaubter Kontakte in die Bundesrepublik Deutschland und weitere „kapitalistische Länder“, Fluchtversuche, das Erzählen von Witzen und die Lektüre verbotener Bücher wie „1984“ von George Orwell oder „Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn. In den Augen der Stasi waren Leute auch dann „feindlich-negativ“ und zu bekämpfen, die nur den Aufnäher Schwerter zu Pflugscharen an der Jacke trugen oder an ihre Autoantenne eine weiße oder schwarze Schleife als Kennung für die Abgabe eines Ausreiseantrags banden.
Filme sagen manchmal mehr als tausend gelehrte Abhandlungen, und sie erreichen ein Millionenpublikum, das sich kaum mit diffizilen Fragen von Macht und Machterhalt befasst und im Falle der DDR manchmal bereit ist, nur noch deren Schokoladenseite zur Kenntnis zu nehmen. Im Film „Das Leben der Anderen“ von 2006 wird deutlich, wie es in einem Überwachungsstaat zugeht, und man verlässt das Kino in Dankbarkeit, dass es einem nicht so ergangen ist wie den vom Geheimdienst terrorisierten Leuten aus der nicht ganz linientreuen Künstlerszene. Die Wohnung des bekannten Schriftsteller Georg Dreymann (gespielt von Sebastian Koch) in einem Berliner Altbauviertel ist total verwanzt. Die Straße wurde für den Film hergerichtet, dass sie so aussieht wie zu DDR-Zeiten mit wenigen Autos und alles grau in grau. Die Stasi weiß alles, jedes Wort wird von Wiesler und einem anderen Stasimann aufgezeichnet und weitergegeben.
Dreymann verliert durch Selbstmord einen guten Freund, einen seit sieben Jahren mit Arbeitsverbot belegten Regisseur. Er geht der Frage nach, wie es in der DDR zu so vielen Selbstmorden kommt und warum die Statistiken dazu schweigen. Durch Freunde in Ost und West ermuntert, verfasst er heimlich für das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL einen Bericht und tippt das Manuskript auf einer kleinen Reiseschreibmaschine, die er in unter einer Holzsschwelle in seiner Wohnung versteckt. W i e er an die wie ein Staatsgeheimnis gehüteten Zahlen und Fakten kam, lässt der Film offen, und auch, warum das Hamburger Nachrichtenmagazin einen anonymen, sich in große Gefahr begebenden Autor aus dem Osten braucht, um das hochbrisante, für das SED-Regime peinliche Thema an die Öffentlichkeit zu bringen.
Nach Veröffentlichung des Berichts im SPIEGEL mit einer Schlinge auf dem Titelblatt dringt die Staatssicherheit überfallartig in die Wohnung von Dreymann und Sieland ein, findet aber keine Beweise für seine, wie es hieß, Agententätigkeit und unerlaubte Verbindungsaufnahme mit dem Westen. Die Schauspielerin wird unter Druck gesetzt und von der Stasi als IM, also inoffizielle Mitarbeiterin, angeworben. Sie erzählt, was ihr als leichtlebig, lässig, unangepasst und frei denkend geschildeter Geliebter tut und dass er der Verfasser jenes Berichts ist. Wie Mielkes Männer die Frau dazu bringen, mit ihr zusammenzuarbeiten, ist nicht ganz klar. Fest steht aber, dass sie beim SPIEGEL einen Spion haben, der wichtige Hinweise gibt, wohl aber den Namen des Autors nicht kennt.
Die Stasileute kommen noch einmal in die Wohnung und schauen auch unter der Türschwelle nach. Doch da die Schreibmaschine verschwunden ist, ziehen sie wieder ab. Nach Bekanntwerden ihrer Spitzelarbeit in Bedrängnis geraten, läuft die Schauspielerin während der Aktion auf die Straße, wird von einem Auto erfasst und stirbt in Dreymanns Armen. Wiesler schaut entsetzt zu. Sein Vorgesetzter wirft ihm vor, den Schriftsteller und seine Kontakte zum Westen nicht richtig „eingeschätzt“ und unterbunden zu haben. Der tiefere Grund war, dass der Stasihauptmann vom ungebundenen Leben des Künstlers und Bohemiens zunehmend fasziniert wurde und die Schreibmaschine vor der zweiten Durchsuchung verschwinden ließ. Dass sich Wieslers Vorgesetzte mit dem Misserfolg ihrer Suche zufriedengaben, ist unwahrscheinlich. Der Film aber geht der Frage nicht mehr nach.
Hauptmann Wiesler, der sich vom knallharten Kämpfer für die SED und die Stasi in einen heimlichen Bewunderer des „Lebens der Anderen“ gewandelt hatte, ist seine Karriere los und wird in einen Keller des Mielke-Ministeriums verbannt, wo er Briefe aus dem und in den Westen öffnen muss. Den Mauerfall am 9. November 1989 erlebt er bei dieser langweiligen Arbeit mit einem Dampfapparat. Wie der Geheimdienst „abgewickelt“ wird, zeigt der Film nicht. Zwei Jahre später verdient Wiesler kümmerlich seinen Lebensunterhalt als Austräger von Reklamezeitungen. In der Karl-Marx-Buchhandlung kauft er einen neuen Roman von Dreyer mit einer nur ihn betreffenden verschlüsselten Widmung. Zwischendurch sieht man im Film das komfortable Leben von Kultur- und Stasi-Funktionären und wie sie einander belauern und überwachen. Der Schriftsteller Dreymann, der sich eine Zeitlang der Gönnerschaft hoher Funktionäre erfreut, erfährt nach dem Ende der SED-Herrschaft so nebenbei von Wieslers ehemaligem Vorgesetzten, dass seine Wohnung durch und durch verwanzt war, weshalb selbst intimste Dinge klar registriert wurden. Wutentbrannt reißt er Drähte und Mikrofone aus den Wänden, und man sieht mit Schaudern, was alles unter Tapeten und in Lichtschaltern verborgen war.
Der Film in der Regie von Florian Henckel von Donnermark ist fiktiv, aber der Hintergrund sehr real. Die DDR ahndete unerbittlich regimekritische Publikationen in ausländischen Medien scharf. Der Paragraph des Strafgesetzbuches legte fest: „Wer in der Öffentlichkeit […] die staatliche Ordnung oder staatliche Organe, Einrichtungen oder gesellschaftliche Organisationen oder deren Tätigkeit oder Maßnahmen […] verächtlich macht oder verleumdet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung, Geldstrafe oder mit öffentlichem Tadel bestraft.“ Veröffentlichungen im Westen konnten auch als Spionage, landesverräterische Nachrichtenübermittlung und ungesetzliche Verbindungsaufnahme ausgelegt werden. Man musste sich sehr vorsehen, wenn man Kritisches über das Land der Arbeiter und Bauern sagte und bezweifelte, dass die Partei „immer Recht hat“, wie es ein Lied von 1950 behauptet. Überall hörten hauptamtlich und inoffizielle Spitzel und gaben weiter, was sie in Wohnungen und der Warteschlange, am Arbeitsplatz oder am Biertisch hörten. Zwar gab im Mielke-Ministerium eine Zentrale Auswertungsgruppe, die „Meinungen“ erfasste und an die Partei- und Staatsführung meldete. Die aber hatte kein Interesse, bei den kritisierten Missständen für Abhilfe zu sorgen oder gar die eigene Politik „zum Wohl des Volkes“, wie es immer hieß, zu ändern oder gar infrage zu stellen.
Mit durchschnittlich 31 Fällen im Jahr pro 100.000 Einwohner lag die Suizidrate der DDR europaweit an der Spitze. Das waren anderthalbmal bis doppelt so viele wie in der Bundesrepublik Deutschland. Das Thema war peinlich, denn die DDR nahm in Anspruch, dass im Sozialismus Alkoholismus, Kriminalität und Suizidalität ausgerottet sind. Da nicht sein durfte, was nicht sein konnte, passe der Freitod nicht zum neuen sozialistische Menschenbild. Die im Film thematisierte Selbstmordquote war nach Ungarn die zweithöchste in Europa. Die DDR hielt die Selbsttötungsstatistik schon seit 1963 geheim, 1977 wurde die Geheimhaltung verschärft. Anders als der Film suggeriert, lässt sich eine direkte Korrelation zwischen Diktatur und Selbsttötungen wissenschaftlich nicht belegen. Fälle, in denen das MfS Menschen in den Tod trieb, sind aber belegt.
Der SPIEGEL und andere Medien im Westen druckten hin und wieder Beiträge von DDR-Bewohnern, die sich kritisch mit diesem Land auseinandersetzten und dort nicht gedruckt wurden. Darunter waren „Gedächtnisprotokolle“ des Schriftstellers Jürgen Fuchs sowie systemkritische Dichtungen und Analysen von Wolf Biermann, Rudolf Bahro, Robert Havemann, Stefan Hermlin und anderen. Der Film „Das Leben der Anderen“ ließ sich auch vom „SPIEGEL-Manifest“ inspirieren, das im Januar 1978 erschien. Als Urheber wurde ein „Bund demokratischer Kommunisten Deutschlands“ genannt, hinter dem anonyme mittlere und höhere SED-Kader standen. Diese Schrift beklagte das Großmachtsgebaren der Sowjetunion und die schmarotzende, gegen das Volk handelnde DDR- und SED-Führung. Die Stasi vernahm und gängelte daraufhin den Hauptverfasser, den Wirtschaftswissenschaftler an der Humboldt-Universität, Hermann von Berg, und sorgte für sein Entlassung, ließ ihn aber, da er vor allem im Westen sehr bekannt war, nicht in einem Zuchthaus verschwinden, wie andere Dissidenten.
23. Juli 2026