Fraktur als „Judenschrift“ verteufelt - Mitten im Zweiten Weltkrieg befand Hitler, dass bisher verwendete Buchstaben unbrauchbar sind



Das Nürnberger Hetzblatt „Der Stürmer“ und viele andere Druckerzeugnisse verwendeten die Fraktur, bis sie 1941 wegen ihre angeblich jüdischen Ursprungs verdammt und abgeschafft wurde.



Millionen Münzen kursierten mit gotischer Schrift, das seltene 50-Kopeken-Stück von 1943 des Reichskommissariats Ukraine zeigt die so genannte Normalschrift.

  

Offizielle Verlautbarungen des NS-Regimes, Zeitungen und Bücher wurden nach 1941 nicht mehr mit der gewohnten und bis dahin als besonders „deutsch“ geschätzten Fraktur gedruckt, sondern in der für die ganze Welt bestimmten Antiqua.

Repros: Caspar

Der Rassismus der Nationalsozialisten
ging so weit, die seit dem 15. Jahrhundert verwendete und auch lange Zeit von ihnen benutzte so genannte deutsche Schrift als „undeutsch und jüdisch“ zu verteufeln. Seit ewigen Zeiten gedruckt, gehört die „gebrochenen Schrift“ zur Klasse der Fraktur, die sich in ihrem unverkennbar gebrochenen Duktus klar von den lateinischen Lettern unterscheidet. Über ihren Gebrauch in deutschen Amtsstuben, offiziellen Drucksachen, in den Zeitungen und Zeitschriften sowie in Universitäten, Schulen und an anderen Orten gab es schon vor der Errichtung der Nazidiktatur 1933 einen heftigen Streit über Vorteile und Eigenheiten im Vergleich zu der überall verwendeten lateinischen Antiqua. Der Disput wurde von Hitler 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, radikal zugunsten der besser lesbaren und international bekannten Antiqua entschieden. Das verwundert, wurde doch beim wichtigsten Buch der Hitler-Ära, nämlich „Mein Kampf“, dem Nazi-Zentralorgan „Völkischer Beobachter“ und vielen anderen Drucksachen die Fraktur verwendet.

Deutsch soll international werden
Die Umstellung war teuer und brauchte einen gewissen Vorlauf. Sie war schneller gefordert als durchgesetzt. Hitler gab sich, wenn es ihm in den Kram passte, als besonders modern aus, wenn er „jene Rückwärtse“ attackierte, die die „teutsche Kunst“ pflegen. Auf auf dem Nürnberger Parteitag von 1934 sagte er, die „vermeintliche gotische Verinnerlichung“ seiner Anhänger passe nicht in das Zeitalter von Stahl und Eisen, Glas und Beton, von Frauenschönheit und Männerkraft, von hochgehobenem Haupt und trotzigem Sinn. „Unsere Sprache wird in hundert Jahren die europäische Sprache sein. Die Länder des Ostens, des Nordens wie des Westens werden, um sich mit uns verständigen zu können, unsere Sprache lernen. Die Voraussetzung dafür: An die Stelle der gotisch genannten Schrift tritt die Schrift, welche wir bisher die lateinische nannten.“ Um Unsicherheiten ein für allemal zu beenden, fällte Hitler am 3. Januar 1941 seine keinen Widerspruch duldende Entscheidung: Die gotischen Schriften seien sämtlich zugunsten der „Normalschrift“ aufzugeben. Der Führerbefehl wurde missmutig zur Kenntnis genommen und ebenso ausgeführt.

Führerbefehl mit Folgen
Die Umsetzung des Füherbefehls von einem Tag zum anderen war aus wirtschaftlichen und logistischen Gründen nur schwer möglich. Mitten im Krieg konnte man die Schriften für Zeitungen, amtliche Verlautbarungen und Schulbücher nicht ohne weiteres austauschen, dazu brauchte man einen längeren Vorlauf sowie viel Geld für Investitionen. Reichsleiter Martin Bormann bestimmte im Auftrag seines Führers: „Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien, und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern. Am heutigen Tage hat der Führer in einer Besprechung mit Herrn Reichsleiter Amann und Herrn Buchdruckereibesitzer Adolf Müller (bei dem unter anderem das Parteiblatt „Völkischer Beobachter“ sowie Hitlers „Mein Kampf“ gedruckt wurden, H. C.) entschieden, dass die Antiqua-Schrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei. Nach und nach sollen sämtliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden. Sobald dies schulbuchmässig möglich ist, wird in den Dorfschulen und Volksschulen nur mehr die Normal-Schrift gelehrt werden. Die Verwendung der Schwabacher Judenlettern durch Behörden wird künftig unterbleiben; Ernennungsurkunden für Beamte, Straßenschilder u. dergl. werden künftig nur mehr in Normal-Schrift gefertigt werden.“ Die der Naziideologie geschuldete Bezeichnung „Schwabacher Judenlettern“ ist historisch falsch, weil nach der Erfindung der beweglichen Druckbuchstaben durch Johannes Gutenberg nur Christen als Drucker tätig werden durften.

Umstellung kostet Millionen
Die Antiqua wurde von den Nationalsozialisten zunächst als Schrift einer überholten Dekadenz deklassiert. Je näher aber für Hitler die Möglichkeit einer Herrschaft über Europa rückte, desto mehr erwies sich die internationale Antiqua als unentbehrlich. Die Umstellung auf die Normalschrift in der Schule und in Lehrmaterialien, in Behörden und den Medien erfolgte unter den Kriegsbedingungen nach und nach recht uneinheitlich. Die schwer lesbare Frakturschrift mit langem und kurzem „s“ verschwand nach 1945 fast ganz aus der Öffentlichkeit und wird heute gelegentlich in der Werbung und zu besonderen Anlässen nur noch als nostalgischer Gag angewandt. Josef Wulff hat in seiner Dokumentation „Literatur und Dichtung im Dritten Reich“ (Gütersloh 1962) einen Abschnitt der neuen „Normalschrift“ in Büchern, Zeitungen, Formularen und weiteren Druckerzeugnissen gewidmet. Das Reichswirtschaftsministeriums und die Wirtschaftsgruppe Druck gaben zu bedenken, dass die Umstellung ungefähr 400 bis 500 Millionen Reichsmark kosten würde, davon würden etwa 200 Millionen Reichsmark auf Einbußen bei der nicht mehr benötigte Fraktur entfallen. Die Behauptung, es handle sich bei der bisher favorisierten „gotischen Fraktur“ um eine so genannte Judenschrift, spielte bei den Einwänden keine Rolle. Statt dessen wurde erklärt, selbstverständlich würde das Druckereigewerbe alles tun, um dem Befehl des Führers so schnell wie möglich nachzukommen. Zunächst sollten die wichtigsten Zeitungen und Zeitschriften, die auch fürs Ausland infrage kommen, im Laufe des nächsten halben Jahres ganz auf Antiqua umgestellt werden. Vorsichtig wurde darauf hingewiesen, dass die Umstellung etwa auf neue Formulare die Vernichtung alter Bestände bewirkt. Das wäre Papier- und Arbeitsverschwendung, und die Druckereien seien dem Bedarf von neuen Formularen nicht gewachsen. Doch alle diese Gegenargumente wurden vom Tisch gewischt, denn Führers Befehl war nun einmal Führers Befehl, da gab es keine Diskussion.

Antiqua als „linkes“ Markenzeichen
Die Umstellung auf die sogenannte Normalschrift kam nicht von heute auf morgen, sondern war schon längere Zeit im Gespräch. Die Antiqua galt bis 1933 als Markenzeichen linksliberaler Verlage und Publikationen, schreiben Beatrice und Helmut Heiber in ihrem Buch „Die Rückseite des Hakenkreuzes– Absonderliches aus den Akten des Dritten Reiches“ (Deutscher Taschenbuch Verlag 2001). Zunächst sollten alle Schilder von Landstraßen und weiteren Straßen grundsätzlich nur noch in Normalschrift ausgeführt wurden. Dem Oberbürgermeister von München, die man damals „Hauptstadt der (NS-)Bewegung“ nannte, wurde geraten, Straßenschilder abzuändern, beginnend mit den Hauptstraßen und allen neuen Straßen. Dass man sich damit bis heute viel Zeit ließ, zeigen Münchner Straßenschilder mit allen möglichen Schrifttypen. Wie es in dieser Hinsicht in anderen Städten aussieht, könnten Untersuchungen vor Ort ergeben.

Hitlers Umstellungsbefehl
wirkte sich außer auf die Druck- auch auf die Schreibschrift aus. Die bis 1941 in den Schulen gelehrte Sütterlinschrift war fortan verboten und wurde durch eine „lateinische“ Schrift ersetzt. Dies hatte zur Folge, dass Menschen, die damals zur Schule gingen, beide Handschriften beherrschen, was beim Lesen älterer Familienbriefe und -dokumente von Vorteil ist. Interessant mag hierbei noch sein, dass bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts Sütterlinbuchstaben in der Mathematik zur Bezeichnung von Vektoren verwendet wurden.

1. August 2026