„Tendenzen des Verfalls und Zersetzung“ - Unangepasste Künstler hatten es in der DDR nicht leicht; wer konnte, verließ das Land (SED-Geschichte Teil 5)

  

Dass das Berliner Schloss und das Potsdamer Stadtschloss, aber auch in reduzierter Form die Garnisonkirche und die Leipziger Universitätskirche nach der Wiedervereinigung mit den alten Fassaden und neuem Innenleben aufgebaut wurden, ist eine späte Wiedergutmachung für Ulbrichts Kahlschlagpolitik.

  

Das Holländische Viertel war in DDR-Zeiten so weit heruntergekommen, dass flächenhafte Abrisse geplant waren. Ähnlich wollte man auch in anderen Altstädten vorgehen, nach dem Ende der DDR aber nicht verwirklicht.

  

Heroisierung der deutschen Arbeiterbewegung – hier der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann bei Arbeitern – oder auch Brigadefeiern waren ganz nach dem Geschmack der SED-Führung und sicherte den Malern Anerkennung und Einkommen. Solche Werke fristen seit dem Ende der DDR in Museumsdepots ein einsames Dasein, manche werden mit ironischen Kommentaren versehen öffentlich gezeigt.

Foto/Repros: Caspar

Einen sehr speziellen Kunstgeschmack
hatten Walter Ulbricht und ab 1971 sein Nachfolger Erich Honecker. Alles was nicht dem Lob des Sozialismus diente, wurde abgelehnt, in die Ecke gedrängt oder als „amerikanischer Mist“ abgetan. „Maul halten, parieren und schreiben, wie wir es wollen“, war die Parole. Wer zum Beispiel Häuser entwarf, die sich an die Architektur des als dekadent verteufelten Bauhauses aus den 1920er und frühen 30er Jahren orientierten, musste zusehen, wie seine Entwürfe verworfen und durch protzige Bauten im Stil der Moskauer Stalinarchitektur ersetzt wurden. Am Beginn der Stalinallee, heute Karl-Marx-Allee, stehen schmucklose Laubenganghäuser, die nicht ins Konzept der DDR-Oberen passten und heute als Beispiel für die Nachkriegsmoderne gelobt werden.

Gespaltenes Verhältnis zum kulturellen Erbe
Überhaupt hatte der ehemalige Tischler Ulbricht ein gespaltenes Verhältnis zur Architektur und zum kulturellen Erbe. So ließ er im Zweiten Weltkrieg zerstörte oder beschädigte preußische Königsschlösser abreißen, um Platz für Militärparaden und Aufmärsche jubelnder Untertanen zu gewinnen. Traurige Beispiele hierfür sind das Berliner Hohenzollernschloss und das Stadtschloss in Potsdam. Die Kriegsruinen hätten bei gutem Willen wieder aufgebaut werden können, so wie man es in Dresden tat, als die sächsische Residenz einfach als Ruine stehen blieb und nach dem Ende der SED-Herrschaft in alter Schönheit wieder aufgebaut wurde. Proteste gegen ihre politisch-ideologisch begründete Beseitigung ungeliebter Sakral- und Profanbauten nach dem Motto „Krieg den Schlössern, Frieden den Hütten“ verhallten ungehört. Der Widerstand gegen den Abriss von Kirchen wie der Garnisonkirche in Potsdam und der Universitätskirche in Leipzig, um zwei prominente Beispiele zu nennen, reichte nicht aus, um den selbstherrlichen Partei- und Staatschef, unerlaubt „Spitzbart“ genannt, umzustimmen.
Man könnte die DDR von Rügen bis Eisenach, von Frankfurt an der Oder bis an die Elbe durchgehen und würde überall Beispiele für die ideologisch geprägte Kunst- und Kulturbarbarei unter beiden SED-Herrschern, Ulbricht und Honecker, finden. Was nicht in ihr Konzept passte wie verwahrloste Altstädte und einzelne Bauwerke wurde beseitigt oder erhielt so wenig Pflege, dass der Abriss unumgänglich war. In Potsdam war das Holländische Viertel aus der Zeit des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. so weit heruntergekommen, dass die Häuser mit den roten Backsteinfassaden bis auf wenige Eckgebäude abgerissen werden sollten. In die Lücken wollte man Plattenbauten setzen, weil sie schnell errichtet werden konnten. Denkmalgerechte Sanierung war teuer und kam nur in Einzelfällen vor. In den 50er Jahren entspannt sich die sogenannte Formalismusdiskussion, bei der alles als amerikanisch beeinflusste Unkunst verdammt wurde, was nicht dem kleinbürgerlich-piefigen Geschmack der SED-Führer entsprach.

Bloß nicht malen wie Picasso
Das betraf nicht nur die Dichtkunst, sondern auch die bildende und darstellende Kunst, die sich um neue Formen und Inhalte bemühte. Am 20./21. Januar 1951 meldete sich ein gewisser Nikolai Orlow in der „Täglichen Rundschau“, dem Blatt der Sowjetischen Besatzungsmacht, zum Thema Moderne zu Wort. Hinter dem Pseudonym verbarg sich Wladimir S. Semjonow, seines Zeichens politischer Berater der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland und später Hochkommissar und sowjetischer Botschafter in der DDR. Sein Angriff war von ganz oben, von Stalin, dem Erfinder des „sozialistischen Realismus“, gedeckt. „Leider sind in einigen Kunstzweigen der DDR noch Tendenzen des Verfalls und der Zersetzung, des Mystizismus und Symbolismus, die Neigung zu einer verzerrten und unrichtigen Darstellung der Wirklichkeit sowie ein flacher und vulgärer Naturalismus festzustellen. Sie gehen darauf aus, den schlechtesten Geschmack zu befriedigen, und grenzen zuweilen an groben Unfug. […] Wenn die Malerei aufhört, die Wirklichkeit darzustellen, und der Maler an Stelle von Menschen stereometrische Figuren, Linien, Punkte und anderen Unsinn in Würfelform zeichnet, dann ist das das Ende der Malerei, ihre Liquidierung, ihre Zerstörung. Alle diese Bilder sind nichts als Absurditäten“.
Der Artikel warnt ostdeutsche Künstler davor, sich hinter Picasso zu verstecken, dessen „formalistische Verrenkungen“ Vergeudung seiner außerordentlichen Begabung bedeute. Entartung und Zersetzung seien charakteristisch für eine ins Grab steigende Gesellschaft, glaubte Orlow/Semjonow zu wissen und fügte schwärmerisch hinzu: „Das Schöne ist das Leben, das freie Leben eines Volkes, das eine neue Gesellschaft aufbaut – das ist die echte Devise der Ästhetik einer echt demokratischen Kunst“.

Fleißige Arbeiter und Bauern und strahlende Sonne
Wer zählt die Filme, Romane und Erzählungen, die Gemälde und Skulpturen, die diesem Dogma geopfert wurden oder gar nicht erst geschaffen wurden. Solange es ging, flohen Künstler und Wissenschaftler in den Westen. Wie schon die Nationalsozialisten verteufelten Ulbricht und Genossen die im Westen beliebte abstrakte Kunst als Unkunst und entartet, ohne dieses Wort zu explizit benutzen. Fleißige Arbeiter und Bauern, strahlende Sonne über Städte und Landschaften, feiernde Kollektive, Menschen mit roten Fahnen, Helden der Arbeit und überall bunte Blumen - sie waren ganz nach dem Geschmack der „roten Bonzen“ und ihres großen Vorbilds Josef Stalin auch lange nach seinem Tod 1953. Parteiamtlich wurde den Künstlern und Wissenschaftlern verordnet, sich an diese Vorgaben zu halten und nur das zu erforschen, zu lehren und zu schreiben, was dem kommunistischen Dogma entsprach. Aus Berichten von Leuten, die der politischen Elite der DDR nahe standen, wissen wir, dass deren Bildungsstand niedrig war und ihre Vorstellung von Kunst und Kultur eine Art Kindergarten-Niveau hatte.

"Wartet nicht auf bessre Zeiten"
Der Liedermacher Wolf Biermann ging schon lange den SED-Politbürokraten auf die Nerven. Erich Honecker nahm 1976 einen spektakulären Auftritt des in der DDR verfemten Künstlers in Köln zum Anlass, ihm die Wiedereinreise in das „gelobte Land der Arbeiter und Bauern“ zu verweigern und die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Dem aus einer kommunistischen Familie stammenden Biermann wurde "grobe Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten" vorgeworfen. Er hatte in Köln die Verhältnisse in der DDR scharf kritisiert und seinen begeisterten Zuhörern ans Herz gelegt:
„Wartet nicht auf bessre Zeiten / Wartet nicht mit eurem Mut / Gleich dem Tor, der Tag für Tag / An des Flusses Ufer wartet / Bis die Wasser abgeflossen / Die doch ewig fließen / die doch ewig fließen." (Erklärung einer KI: Die Zeilen beschreiben ein Sinnbild für Passivität und vergebliche Hoffnung. Sie bedeuten, dass es töricht ist, untätig darauf zu warten, dass sich Probleme von alleine lösen oder die Bedingungen perfekt werden. Der Spruch geht auf eine antike Fabel von Äsop zurück: Ein Bauer (oder Tor / Narr) steht am Flussufer und will den Fluss überqueren. Er weigert sich jedoch, hineinzugehen, und wartet stattdessen darauf, dass das gesamte Wasser vorbeigeflossen ist, damit er trockenen Fußes hinübergehen kann. Da ein Fluss aber unaufhörlich fließt, wird dieser Moment niemals eintreffen. Der Mann wartet also bis an sein Lebensende vergeblich.)
Die Staatssicherheit hatte Künstler schon lange im Visier, befasste sich intensiv mit der Frage, wie sie und ihre Freunde „zersetzt“ und seine Lieder und Gedichte, Bilder und Skulpturen unterdrückt werden können. Über Biermann wurde ein befristetes Auftrittsverbot verhängt, dessen ungeachtet konnte er ab und zu im Westen auftreten und auch publizieren. Im September 1976 gelang ihm, dank eines Fehlers der Überwachungsorgane, nach elf Jahren des Verbots in Prenzlau sein einziges und letztes Konzert vor dem Ende der DDR zu geben.

Unbequemlichkeit gelassen ertragen
Viele Prominente in Ost und West protestierten gegen Biermanns Ausbürgerung. Am 17. November 1976 verfassten zwölf namhafte DDR-Schriftsteller einen von Stephan Hermlin initiierten offenen Brief an die DDR-Führung und forderten Biermanns Ausbürgerung zurückzunehmen. „Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter - das hat er mit vielen Dichtern der Vergangenheit gemein. Unser sozialistischer Staat […] müsste im Gegensatz zu anachronistischen Gesellschaftsformen eine solche Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen können", heißt es in dem von Sarah Kirsch, Christa Wolf, Volker Braun, Franz Fühman, Stephan Hermlin, Stephan Heym, Günter Kunert, Heiner Müller, Gerhard Wolf, Jurek Becker, Erich Arendt, Rolf Schneider und anderen unterzeichneten Brief. Um die Veröffentlichung sicherzustellen, übergab die Gruppe den Brief nicht nur dem Neuen Deutschland, von dem sie wussten, dass er ignoriert wird, sondern auch der französischen Nachrichtenagentur AFP, die ihn sogleich publizierte.
Dem Protest schlossen sich rund einhundert weitere Schriftsteller, Schauspieler und bildende Künstler an, doch gab es auch Bekundungen von Wissenschaftlern und anderen Prominenten gegen scheinheilige Loyalitätserklärungen an die Adresse der SED und Regierung. Ein markantes Beispiel war Manfred Krug. Der beliebte Schauspieler hatte es gewagt, sich im Film „Die Spur der Steine“ über Volkspolizei und Funktionäre lustig zu machen. Als sein Freund Biermann wegen systemkritischer Lieder ausgebürgert wurde und sich Künstler mit ihm solidarisch erklärten, verloren Krug und andere Aufträge und berufliche Karrieren. Manfred Krug wanderte aus und setzte seine Laufbahn im Westen mit neuer Kraft und ohne ideologische Fesseln erfolgreich fort. Ähnlich erging es anderen Künstlern, aber nicht allen.

26. September 2026