Buhlschaft mit dem Teufel - Unzählige Frauen, Männer und sogar Kinder fielen vor dem Hexenwahn zum Opfer

Eine wichtige Grundlage für die Hexenverfolgung war das 1486/7 in Straßburg veröffentlichte und durch viele Auflagen verbreitete Buch „Malleus maleficarum“ (Hexenhammer). Die von Kaiser Karl V. erlassene Halsgerichtsordnung von 1532 schrieb vor, wie Diebe und Mörder, Ehebrecher und Kinderschänder bestraft werden sollen und dass auch Hexen und andere Teufelsbündner auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen sind.

Hexen kochen aus menschlichen Gebeinen und teuflischen Zutaten eine Salbe, die ihnen übermenschliche Kräfte verleiht. Wer dem Teufel den Hintern küsst, ist des Teufels und muss verbrannt werden, lautet die Botschaft der Grafik aus dem 16. Jahrhundert, die auch zeigt, wie „Teufelskinder“ in den Scheiterhaufen geworfen werden.

Öffentliche Hinrichtungen waren nicht nur so etwas wie Volksfeste, sondern dienten auch der Einschüchterung der Zuschauer, die das grausige Spektakel weiter erzählten. Diese Art der Weiterverbreitung in Bild und Wort lag im Interesse der Obrigkeiten und Justiz, die immer nur einschüchtern wollte.

Das Bernauer Hexendenkmal ist eines von vielen Beispielen in Deutschland, wie man an die damals getöteten Frauen, Männer und auch Kinder erinnert.

Eltern liefern auf dem Holzschnitt ihre Kinder dem Satan aus. Die so genannte Wasserprobe, hier dargestellt auf einer volkstümlichen Grafik, konnte wie andere Foltermethoden nur tödlich ausgehen.

Ernst Barlach schildert auf dem Holzschnitt seine Sicht auf den apokalyptischen Hexenritt..Albrecht Dürer zeigt, wie er sich den Flug einer Wetterhexe, die verkehrt auf einem Ziegenbock sitzt, vorstellt. Der um 1500 entstandene Kupferstich mit dem seitenverkehrten D im Monogramm des Meisters wird als ironischer Kommentar für Hexenwahn und die Inquisition gedeutet. H
Fotos
Fotos/Repros: Caspar
Hexenverfolgung und Angst vor Hexen und Zauberern waren kein Phänomen des europäischen Mittelalters und frühen Neuzeit. Die Ausgrenzung und Tötung von Frauen und von Männern endete erst im Zuge der Aufklärung während des 18. Jahrhunderts. Wenn jemand nachgesagt wurde, im Bund mit dem Herrn der Finsternis, also mit dem Teufel, zu stehen, und als Giftmischer, Besenreiter, Nachtungeheuer, Angehöriger einer satanischen Sekte und Verantwortlicher für Missernten und Hunger, Viehsterben, Kälte und Fluten und was sonst noch an Unerklärlichem und Geheimnisvollem geschah, denunziert wurde, lebte gefährlich.
Den angeblich Zauberkundigen und Teufelsbündnern wurde die Schuld an Naturkatastrophen, Krankheiten und Missgeburten angedichtet. Auf sie richtete sich, ähnlich wie auf Juden, die Volkswut, sie wurden als Sündenböcke ausfindig gemacht und durch Anwendung von Folter zu Geständnissen gepresst. Wenn ein Mann seine Ehefrau wegen einer Geliebten los werden wollte oder einen Menschen, dem er etwas schuldete, konnte der Hinweis, es handle sich um eine Hexe oder einen Hexer handeln, durchaus Erfolg haben und die Verfolgungs- und Mordmaschine in Gang setzen. Besonders gefährdet waren Frauen mit roten Haaren, helle Augen bei dunkler Haut oder einem Buckel. Bei Warzen glaubte man, an ihnen würden Teufel oder Dämonen saugen. Manchmal wurden Verdächtige gewogen, und wenn sie besonders dünn und leicht waren, galt das als Indiz, dass sich diese Personen bei Nacht auf dem Besen reitend in die Lüfte erheben. Wenn sie bei der Hexenprobe im Wasser wieder auftauchten, sah man das als „Beweis“ an, dass es sich um Verbündete des Satans handelt, die zu verbrennen sind.
Dunstglocke der Angst
Der Hexenverfolgung fielen, wie Kai Lehmann in seinem neuen Buch „Hexen vor Gericht. Krisen, Angst und Massenmedien vor 1800“ schreibt und an schrecklichen Schicksalen quer durch das Römisch-Deutsche Reich belegt, tausende Menschen zum Opfer. Die Zahl lässt sich nicht genau bestimmen, denn viele Akten über die Hexenprozesse sind im Laufe der Jahrhunderte systematisch vernichtet worden oder gingen auf andere Weise verloren. Das mit Bildern von Exekutionen auf dem Scheiterhaufen und solchen von Hexentanzplätzen sowie einem umfangreichen Literatur- und Quellenverzeichnis ausgestattete Buch erschien 2026 im Herder Verlag Freiburg im Breisgau, hat 432 Seiten und kostet 28 Euro (ISBN 978-3-534-61196-6). Der Verfasser geht bis ins Detail der Frage nach, was sich unter der Dunstglocke der Angst im Zusammenhang mit dem Ausnahmeverbrechen der Hexerei und der Unzucht mit dem Bösen abspielte und wie der Hexenwahn als Ideologie genutzt wurde, um weltliche Machtgelüste und Eroberungspläne zu rechtfertigen.
Höhepunkt der Hexenverfolgung und -prozesse war nicht, wie man immer annimmt, das angeblich finstere Mittelalter, sondern die frühe Neuzeit nach 1550, also die Zeit von Reformation und Gegenreformation. Nach sorgfältigen Recherchen in alten Akten haben Historiker für die Zeit vom 15. bis 18. Jahrhundert rund 60 000 Hexenverbrennungen nachgewiesen. Da die Dunkelziffer nicht bekannt ist, muss man mit weiteren Opfern rechnen. Hinter jedem Fall stecken Ängste der Mehrheitsgesellschaft vor Unbekanntem und Unverständlichem.
Denunziation, Folter, Scheiterhaufen
Vielen Anklagen gingen Denunziationen und schreckliche Drangsalierungen, aber auch Folter oder wenigstens das Vorzeigen der dazu verwendeten Werkzeuge voran. Natürlich gab es auch Lockangebote, das Verfahren durch Geständnisse und tätige Reue abzukürzen, etwa wenn Delinquenten Komplizen nannten. Am Ausgang der Verfahren haben, wie Kai Lehmann schildert, solche Zuweisungen in der Regel wenig geändert. In der Zeit der Aufklärung ab Mitte des 18. Jahrhunderts hatte der durch Flugschriften mit drastischen Bildern angeheizte Hexenwahn ein Ende, die letzte Hinrichtung einer angeblichen Hexe im deutschsprachigen Raum fand 1782 statt. Aus den Köpfen aber war das Thema damit aber noch lange nicht verschwunden.
Im „Hexenhammer“, dem Grundlagenbuch für die Hexenverfolgung aus dem späten 15. Jahrhundert, beschreibt der Dominikanermönch Heinrich Kramer (Henricus Institoris), was er unter Hexen und Hexerei versteht und wie man Prozesse gegen sie führt. Da man Frauen als angeblich schwaches Geschlecht unterstellte, sie seien weniger stark im Glauben wie die Männer, nährten solche Bücher und abenteuerliche Geschichten und Mythen den Generalverdacht, alles Feminine würde sich leicht und ohne Bedenken dem Bösen hingeben, ausgenommen natürlich die Muttergottes und heilig gesprochene Frauen.
Dämon geht in Rauch auf
Nicht nur die katholische Kirche betrieb, wie Kai Lehmann an zahlreichen Beispielen aus großen und kleinen Fürstentümern und deutschen Städten belegt, massive Macht- und Einschüchterungspolitik durch Erzeugung von Angst vor vermeintlichen Hexen und Zauberern. Auch in protestantischen Ländern wie etwa Kurbrandenburg und Sachsen wurden Frauen und – zu einem Viertel auch Männer - der „Buhlschaft mit dem Teufel“ angeklagt und nach quälenden Verhören und Prozessen zum Feuertod verurteilt. Die erhalten gebliebenen Akten sind voll von Geständnissen, die nur unter Anwendung von schrecklicher Folter erpresst wurden. Die Ergebnisse der peinlichen Verhöre und Gutachten von Juristen brachten die Gerichte zur Überzeugung, dass es verbotene Beziehungen von Frauen und Männern mit dem Teufel gegeben hat. So konnte der Henker ans Werk gehen. Durch Verbrennung auf dem Scheiterhaufen wollte man erreichen, dass der im Körper der Verurteilten wohnende Dämon in Rauch aufgeht.
Die Meinungen über den Sinn solcher Prozesse hatte sich nach dem Dreißigjährigen Krieg gedreht. Preußens Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. befahl 1714, dass Folter oder auf dieser beruhende Urteile der landesherrlichen Zustimmung bedürfen. Außerdem wurde angeordnet, alle noch im Land vorhandenen Brandpfähle abzuräumen, was einem Verbot der Hexenprozesse und -verbrennungen gleich kam. In den Augen des Monarchen waren sie die gefährlichsten aller Kriminalverfahren. Dessen ungeachtet gab es noch 1721 einen solchen Prozess gegen eine Berliner Müllerstochter, die man des verbotenen Umgangs mit dem Teufel beschuldigt hatte. Da man sie aber nicht als Hexe anklagen und schon gar nicht wegen Hexerei verurteilen konnte, steckte man sie wegen Irrsinns ins Spandauer Spinnhaus, was einem Todesurteil gleich kam. Der König sei mit seinen Ansichten über Zauberei seiner Zeit voraus gewesen, schrieb Stadthistoriker Adolf Streckfuß, denn das Volk habe dem Aberglauben noch lange angehangen.
Schreiendes Unrecht in Bernau
Was sich auf diesem Gebiet in der märkischen Kleinstadt Bernau abspielte, ist Thema einer Gedenkstätte unweit des so genannten Henkerhauses an der mittelalterlichen Stadtmauer. Nachforschungen ergaben Namen und Schicksale von 25 Frauen und drei Männern, die zwischen 1536 und 1658 in der Kleinstadt bei Berlin wegen angeblicher Hexerei denunziert, gefoltert und bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Als 1617 Kurfürst Sigismund Bernau besuchte, sollen alle Pferde tot umgefallen sein. Da man das Unglück mit Hexerei in Verbindung brachte, hat man 22 Bewohner der Stadt unter der Anschuldigung, mit dem Teufel im Bunde zu stehen, zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt und unter allgemeinem Gelächter des Publikums verbrannt. Die Historikerin Birgit Schädlich ist sich sicher, dass in Bernau noch viel mehr Menschen als Hexen denunziert und getötet wurden, als es die Stadtchronik belegt. Dass das schreiende Unrecht der Hexenverfolgung und -verbrennung heute bei Volksfesten nachgespielt wird, hat die Malerin und Glaskünstlerin Annelie Grund so gestört, dass sie Befürworter für das mit den Namen der getöteten Frauen und Männer versehene Denkmal mit den Namen der Getöteten in Bernau fand und es Ende 2005 aufrichten konnte. Es ist fast drei Meter hoch und besteht aus zwei rostig-braunen Stahlstelen. Sie tragen jeweils einen zerbrochenen Glasflügel, die den Schmerz und die Verletzlichkeit der Getöteten symbolisieren. Wer sucht, findet überall in Deutschland Denkmäler und Tafeln, die an die Hexenverfolgung vor über 300 Jahren erinnern und zum Kampf gegen Aberglauben und Unmenschlichkeit aufrufen.
Kai Lehmanns Buch verdient Aufmerksamkeit auch deshalb, weil es auf die damals neuen Massenmedien wie die Hexenzeitungen eingeht, die eine Menge von Sensationsmeldungen „mit Schauderwert und Gruselfaktor“verbreiteten und das Verlangen der Leute nach immer neuen Meldungen und Bildern bedienten. Für diese Drucke gab es einen großen Markt, der nach immer neuen Auflagen und Sensationsnachrichten rief. Die Leser und Betrachter haben sie gierig aufgesogen, aber sie versetzen sie auch in einen Schockzustand der Angst, schreibt Lehmann. Über der ganze Gesellschaft habe sie wie eine Dunstglocke gelastet und nach Vergeltung geschrien und eine Pogromstimmung gegen die vermeintlich an allem Übel schuldigen Menschen erzeugt. Das verängstigte Volk habe, so Lehmann in seinem Resümee weiter, überall im Römisch-Deutschen Reich verlangt, dass die teuflische Sekte verfolgt und ausgerottet wird. Die Obrigkeit habe dem Druck der Straße zumeist nachgegeben, denn schließlich erfüllte sie damit nach ihrer Meinung einen göttlichen Auftrag. Durch Angstmacherei ließ es sich leichter herrschen. „Wer die Macht über das Recht hat, hat die Macht über seine Untertanen. Und wenn die Herrschaft sich daran machte, Hexen und Unholde zu verfolgen, dann stets unter einem medialen Dauerfeuer. Die Medien machten die Untertanen zu willigen Handlangern.“
Unfassbar ist, zu welcher Niedertracht Menschen damals in ihrem Hexenwahn und Wunderglauben fähig waren und wie sich Juristen und Geistliche zu willigen Helfern der Henker und Folterer machten. Leider behandelt Kai Lehmann nicht, was nach 1800 aus der Hexenverfolgung und Teufelsaustreibung wurde und wie sie heute in Afrika und anderen Ländern fortlebt. Er notiert als Merkmale des Hexereibegriffs den Teufelspakt, bei dem Gott abgeschworen und ein Vertrag mit dem Teufel eingegangen wird. Ferner gibt es die Teufelsbuhlschaft, bei der Hexen den Pakt mit dem Teufel durch den Geschlechtsakt besiegeln. Beim Hexentanz stellte man sich vor, dass Hexen auf einem Besenstiel durch die Luft fliegen und sich mit deren Hexen zum Tanz treffen. Dort planen sie gemeinsam weitere wollüstigen Vereinigungen mit teuflischen Dämonen. Schließlich gab es noch den Schadenszauber, der Mensch und Tiere krank macht und auch unerklärliche Wetterereignisse herbeiführt, um Ernten zu zerstören und Überschwemmungen herbeizuführen.
Verfolgung und Ermordung der „Anderen“
Die Furcht vor Hexen und Dämonen ließ sich nie ganz ausrotten. Selbst in unseren Tagen hat es immer wieder Fälle von Exorzismus gegeben. Mit der Teufels- oder Dämonenaustreibung wird der Versuch bezeichnet, vermeintlich besessene Menschen und Tiere, aber auch verfluchte Orte und Gegenstände von bösen Geistern zu befreien. Exorzisten treten mit beschwörende Formeln in Kontakt mit dem vermeintlichen Dämon und versuchen, ihn zum Verlassen des Körpers oder Gegenstand zu bewegen. Martin Luther war die Lehre und Praxis des Exorzismus nicht fremd. In seinem Taufbüchlein von 1526 heißt es: „Fahre aus, du unreiner Geist, und gib Raum dem Heiligen Geist“ und verlangt einen durch die Taufe bewirkten Herrschaftswechsel vom Machtbereich des Teufels in den Gottes.
Die Verfolgung und Ermordung der „Anderen“ und die Angstmache durch Hetze und Todesurteile war nicht auf die Zeit der Hexenverfolgung beschränkt waren, sondern auch in späteren Jahrhundert mit anderen Mitteln und Begründungen weiter stattfanden. Denken wir nur an das, was im so genannten Dritten Reich den Juden und anderen, nicht in das weltanschauliche Bild der Nationalsozialisten passende Gruppen angetan wurde, und wie der durch die Lehren von Marx, Engels, Lenin und Stalin befeuerte Klassenkampf in Ostdeutschland nach 1945 verlaufen ist.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Reichsführer SS Heinrich Himmler an der Hexenverfolgung stark interessiert war. Das hatte mit dem Kampf der Nationalsozialisten gegen die Kirche und Geistliche zu tun, die sich nicht dem Rassenwahn der Naziführung und ihrem „Deutschen Christentum“ anschließen wollten. Angeblich haben die Teufelsbündner auf das „germanische Blut“ abgesehen, so die damalige Lesart, und sie haben versucht, „völkischen Instinkte“ und „nordisches Wissen“ auszurotten. Himmler und seine Hexenforscher vermuteten Juden als Hintermänner der massenhaften Verfolgung und Verbrennung von Hexen und Hexenmeistern. Sich selbst sah der Reichsführer SS als Nachfahre einer Hexe. Eine von seinen Leuten angelegte Kartothek enthält mehr als 30.000 Karteikarten über Hexenverfolgungen und -verbrennungen. Die Forschungen, die auch der Gründung einer neue antichristlichen und „deutschgläubigen“ Religion diente und aus Hexen altgermanische Priesterinnen machten, waren geheim. Ihre Ergebnisse werden im polnischen Posen aufbewahrt.
15. Mai 2026