Europas Bezwinger dem Spott ausgesetzt - Napoleon I. hätte Zeichner bissiger Karikaturen am liebsten aufgehängt

Prunkvoll ist der Kaiser der Franzosen auf Staatsgemälden dargestellt. Am Ende wird er vom Satan geholt und muss in der Hölle schmoren. Aus seinen ängstlich aufgerissenen Augen kullern dicke Tränen nicht der Reue, sondern der Angst vor dem Gericht der Völker.

„General Frost“ lässt den Kaiser der Franzosen und Herrn über die Grande Armée im vereisten Russland schlottern und erstarren (William Elmers, 1812).

Napoleon, dem Herrscher der Welt, schlägt bald die letzte Stunde sieht Johann Gottfried Schadow 1813 voraus.

Ein russischer Kosak schneidet „Little Boney“, der sich an der „Leipziger Nuss“ die Zähne ausbeißt, den Lebensdocht ab (George Cruikshank, 1814).

Ob Napoleon I. über seine Taten und Untaten mit dem auf einer Kanone sitzenden Tod diskutiert hat und mit sich selbst ins Gericht gegangen ist, wie es die Karikatur von Thomas Rowlandson von 1813 glauben macht, ist nicht überliefert. Selbstzweifel plagten den Emporkömmling aus der fernen Insel Korsika offenbar nicht.
Repros aus dem Katalog von 2006 zur Ausstellung „Napoleon – Genie und Despot“
Englische Karikaturisten und Satiriker hatten im frühen 19. Jahrhundert ein Thema: Napoleon I., Kaiser der Franzosen und König von Italien, Europas, starker Mann und größter Feind der Briten. Diese wünschten dem aus Korsika stammenden Emporkömmling, der sich binnen weniger Jahre halb Europa untertan gemacht hatte und auf dem Sprung war, die andere Hälfte einschließlich Englands zu erobern, in die Hölle. Wenn es nach den Briten gegangen wäre, hätten sie den Kaiser gevierteilt und seinen Kopf auf einer Mistgabel durch London getragen. Grell kolorierte Karikaturen schildern, wie man sich die Abrechnung mit dem als Thronräuber, Ungeheuer und Blutsäufer verunglimpften Imperator vorstellte.
Riesiger Hut und Schwert
Zumindest außerhalb des Machtbereichs von Napoleon Bonaparte, der sich am 2. Dezember 1804 zum Kaiser in Paris zum Kaiser krönte und Napoleon I. nannte, waren Bilder gegen „Little Boney“ der große Renner. Die Drucke fanden reißenden Absatz, gingen von Hand zur Hand und wurden kopiert und nachgeahmt. Durch seine Spione kannte der Kaiser den Inhalt der Karikaturen und Streitschriften gegen ihn. Um sein Prestige besorgt und bemüht, in der Riege der alteingesessenen Dynastien einen geachteten Platz einzunehmen, ärgerte er sich maßlos über die Frechheiten, die sich Zeichner wie John Crawse, William Elmers, James Gillray, Percy Roberts, Thomas Rowlandson, Chris Williams und Georg Moutard Woodsward und andere erlaubten. Sie machten den Herrscher immer wieder mit riesigem Hut und Schwert madig und zeigten, wie er Befehle erteilt und von seinen Leuten angehimmelt wird. Am liebsten hätte der Kaiser der Franzosen die Spötter am nächsten Laternenpfahl aufgeknüpft. Doch reichte seine Macht nicht aus, sie mundtot zu machen oder ganz auszulöschen.
Als der Kaiser den von ihm abhängigen Künstlern befahl, auf ähnlich drastische Weise gegen die Briten vorzugehen, geschah das mit mäßigem Erfolg. Denn geschriebene, gesprochene und gemalte Satire gedeiht nur in einem geistig freien Klima. Von dem aber waren das napoleonische Frankreich und seine Satellitenstaaten meilenweit entfernt. Dort galt nur, was der Kaiser für gut und nützlich befand. Wer gegen diesen Grundsatz verstieß und die Taten und Untaten des Imperators kritisch hinterfragte, bekam es mit der Polizei und der Justiz zu tun.
Zeitungen unter Druck
Die Zahl der in Frankreich verbreiteten antinapoleonischen Karikaturen war nicht gering. Urheber waren royalistische Kreise, denen der kometenhafte Aufstieg von Napoleon Bonaparte zum Kaiser der Franzosen nicht behagte. Nach seiner Krönung am 2. Dezember 1804 in Notre Dame in Paris standen ihm bessere Mittel zur Verfügung, um missliebige Publikationen zu unterdrücken. Seinen Polizeiminister Josef Fouché wies er an: „Mein Wunsch ist, dass Sie den Redakteuren klar machen, dass ihre Zeitungen nicht lange überleben werden, wenn sie weiter nichts anderes als Übersetzungen von englischen Zeitungen und Bulletins bleiben; dass die Revolution vorbei ist und dass es nur noch eine Partei in Frankreich gibt, und dass ich niemals zu lassen werde, dass die Zeitungen etwas gegen meine Interessen sagen oder tun.“ Um seinen Willen zu bekräftigen, soll Napoleon geplant haben, eine Vereinbarung in den 1802 geschlossenen Friedensvertrag von Amiens zwischen Frankreich, England, Spanien und der Batavischen Republik (dem späteren Königreich Holland) aufzunehmen, die es ihm ermöglicht, regimekritische Karikaturisten ähnlich wie Mörder oder Fälscher zu bestrafen und ihre Auslieferung an Frankreich zu erzwingen. Da der Arm des Ersten Konsuls bzw. Kaisers der Franzosen zu kurz war, konnte er die Flut der gegen ihn gerichteten Karikaturen nicht eindämmen.
Genie und Despot
Was dabei entstand, konnte man 2006 in einer sensationell zu nennenden Ausstellung der Stiftung Brandenburger Tor Berlin im Max-Liebermann-Haus neben dem Brandenburger Tor besichtigen. Zu sehen waren Blätter aus dem Besitz des Berliner Sammlerehepaares Sabine und Ernst Scheffler, die 2003 von der Stiftung Niedersachsen erworben und dem Wilhelm-Busch-Museum Hannover übergeben worden waren. Die Ausstellung „Napoleon – Genie und Despot“ mit einem hervorragenden, von Gisela Vetter-Liebenow verfassten Katalog wurde auch in Hannover und Oberhausen gezeigt. Anlass der Präsentation war der 200. Jahrestag des triumphalen Einzugs des Kaisers und seiner Truppen nach der Schlacht von Jena und Auerstedt im Oktober 1806 durch das Brandenburger Tor. Es begann eine Zeit der Unterdrückung und Auszehrung, die erst mit den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 beendet wurde. In dieser Zeit formierte sich Widerstand gegen die Besatzer, und dieser fand auch in deutschen Karikaturen seinen Niederschlag. Johann Gottfried Schadow schuf Blätter, die zum Besten gehören, was damals entstanden ist. Der Berliner Bildhauer, Zeichner und Akademiepräsident signierte sie mit „Gilrai“, und er zeigt die auf einem Wildschwein verkehrt sitzende Siegesgöttin, die Aufteilung der Welt durch den von aufgeblasenen Militärs flankierten Franzosenkaiser und den Kampf der Berliner gegen die Besatzer.
Der Teufel holt „Little Boney“
Im Unterschied zu den deftigen Karikaturen aus England, die die Dinge sofort auf den Punkt bringen, befleißigen sich die Schadow’schen Blätter einer feinsinnigen Bildersprache, die sich erst erschließt, wenn man sich genau mit den Details befasst. Auf Karikaturen anderer Künstler wird gezeigt, wie sich der Kaiser am selbst entfachten Feuer die Finger verbrennt, sich an der „Leipziger Nuss“ die Zähne ausbeißt oder nach der Niederlage von 1812 in Russland von einem Kosaken attackiert wird. Little Boney, dem die Mächtigen dieser Erde in besseren Tagen die Stiefel küssten, wird irgendwann vom Teufel geholt, und aus seinen ängstlich aufgerissenen Augen kullern dicke Tränen, nicht die der Reue, sondern die der Angst vor dem Gericht der Völker.
Napoleon verfolgte Gegner seines Regimes mit brutaler Härte und schreckte im Falle des zu Unrecht der Verschwörung gegen ihn bezichtigten Herzogs von Enghien vor Mord nicht zurück. Das Mitglied des Hauses Bourbon-Condé wurde im Krönungsjahr 1804 aus dem Kurfürstentum Baden nach Paris entführt, vor ein Militärgericht gestellt, zum Tod verurteilt und hingerichtet. Die Reaktion war gewaltig und spiegelte sich auch in damaligen Karikaturen wider. Die offizielle Staatskunst arbeitete derweil an der Verherrlichung des Herrschers, der sich halb Europa untertan machte und auf dem Sprung war, die andere Hälfte einschließlich des ihm so verhassten Englands zu erobern. Wenn es nach den Briten gegangen wäre, dann hätten sie den Kaiser der Franzosen, der auch König von Italien war, gevierteilt oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Den Kopf von „Little Boney“, wie man Napoleon Bonaparte nannte, auf einem Spieß durch London zu tragen, wäre ein wahres Volksfest gewesen. Die grell kolorierten Zeichnungen machten schon mal vor, wie die Abrechnung mit dem als Ungeheuer und Blutsäufer charakterisierten Imperator aussehen könnte.
Kriegsdesaster im eisigen Russland
Dass mit Spottbildern massiv gegen den französischen Erzfeind vorgegangen wurde, lag ganz auf der Linie der englischen Regierung, die von den eigenen Leuten als freiheitlich und volkstümlich gelobt werden wollte. Das relativ liberale England kannte im Unterschied zu Frankreich, Preußen, Russland, Österreich, Spanien und anderen Monarchien keine Zensur und ging daher auch mit den eigenen Eliten nicht zimperlich um. Die antifranzösischen Karikaturen können auch als Antwort auf Missstände in England auf Korruption, Menschenverachtung, Überheblichkeit und das Unvermögen verstanden werden, die drängenden Fragen am Beginn des Industriezeitalters zu lösen. Auf verschiedenen Blättern wird gezeigt, wie alteingesessene Herrscher vor dem Kaiser kriechen und ihm die Stiefel küssen, wie seinen Armeen die Henkersknechte folgen und was aus der Parole von 1789 „Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit“ wurde.
Ein gefundenes Fressen für die Karikaturisten waren die Krieger der Franzosen und ihre Verluste. Man sieht, die wie der Kaiser eroberte Länder an Mitglieder seiner Familie, aber auch an aufgeblasene Marschälle und korrupte Hofschranzen verteilt, wie er seine blutbefleckten Gehilfen, auf einem Berg von Todesschädel sitzend, mit Titeln und Orden auszeichnet und sie im Beisein des Teufels üppig bewirtet. Selten haben deutsche Künstler antinapoleonische Zeichnungen geschaffen. Die Furcht vor Repressalien durch die Besatzer war zu groß. Das Blatt wendete sich, als Napoleon eine krachende Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 einstecken musste, sich fluchtartig nach Frankreich zurückzog und alsbald seinen Thron verlor. Da bedurfte es auch in Deutschland keines großen Mutes mehr, ihm mit Hilfe von Karikaturen und Spottgedichten noch einen Tritt zu versetzen und ihm ein schmähliches Ende unter dem Schafott zu wünschen.
In Frankreich sah man die Rolle von „Napoleon le Grand“ ganz anders. Da hat man ihm wenige Jahre nach seinem einsamen Tod 1821 auf der Insel Sankt Helena Lorbeerkränze gewunden und im Pariser Invalidendom ein prunkvolles Ehrengrab bereitet. Bissige Bilder französischer Karikaturisten auf den Nationalhelden sind nicht bekannt. Die Bewunderung für die von ihm veranlasste, in die Moderne weisenden Reformierung des Staates ist ungebrochen. Die Verurteilung der vom Kaiser geführten Eroberungskriege tritt in dieser Bewertung in den Hintergrund.
10. Juni 2026