Des Großen Bruders Wille ist oberstes Gesetz - Ein Leser des in der DDR verbotenen Zukunftsromans „1984“ kam ins Zuchthaus Waldheim

Der englische Schriftsteller George Orwell (eigentlich Eric Arthur Blair) warnt in seinen gesellschaftskritischen und gegen Stalins Diktatur gerichteten Romanen „Farm der Tiere“ von 1945 und „1984“ von 1948 vor Totalitarismus und Machtmissbrauch. Dass „1984“ einen Siegeszug um die halbe Welt antrat, in der östlichen Hemisphäre aber als antisowjetisch verdammt wurde, hat der Romanautor, Buchkritiker und Feuilletonist nicht mehr erlebt. Seit Jahren lungenkrank, starb er 1950 an Tuberkulose mit nur46 Jahren.

Die Kommunisten in der DDR verfolgten auch die Leser des verbotenen Buches „1984“, weil der sowjetische Diktator dem von George Orwell beschriebenen „Großen Bruder“ gleicht. Niemandem war es gestattet, Dreck auf den wie ein Gott verehrten „Großen Führer aller Werktätigen“ zu werfen und seine Praktiken zur Unterdrückung und Manipulation der Bevölkerung anzuprangern. Das war ein Staatsverbrechen erster Ordnung.

Weil er „1984“ las, musste Baldur Haase von 1959 bis 1961 ins Zuchthaus Waldheim. Im ehemaligen Stasiministerium an der Normannenstraße in Berlin-Lichtenberg dokumentiert die Ausstellung neben vielen Verbrechen auch seinen „Fall“.

„1984“ wurde zweimal verfilmt. Der britische Streifen in der Regie von Michael Radford mit John Hurt in der Hauptrolle wurde für seine Vorlagentreue auch von Orwells Erben gelobt, die mit der freieren Filmversion von 1956 nicht einverstanden waren.

Das Foto zeigt Baldur Haase im Januar 1990, als er seinen ehemaligen Brieffreund Rainer Marggraf (rechts) in der Nähe von Osnabrück besuchte.
Fotos/Repros: Caspar
Wenn in der ehemaligen DDR vieles fehlte - an Zuchthäusern und Strafanstalten gab es keinen Mangel. In Städten wie Bautzen, Berlin (Hohenschönhausen, Keibelstraße, Rummelsburg), Brandenburg, Cottbus, Erfurt, Gera, Hoheneck, Leipzig, Potsdam, Schwedt, Torgau, Waldheim und an anderen Orten existierten vielfach noch aus der Kaiserzeit stammende Zuchthäuser, Gefängnisse und Untersuchungshaftanstalten. Dort saßen nicht nur Mörder, Diebe, Räuber und Betrüger ein, sondern auch unzählige politische Gefangene. Einer, der sich des so genannten Gedankenverbrechens schuldig gemacht hat, war der 1939 geborene Drucker Baldur Haase.
Der junge Mann aus Unterwellenborn in Thüringen hatte es gewagt, den ihm von einem Brieffreund in Westdeutschland zugeschickten Zukunftsroman von Georges Orwell „1984“ nicht nur zu lesen, sondern auch an zwei Bekannte weiterzugeben. Haase erkannte schwerwiegende Parallelen zwischen dem Land, in dem der „Große Bruder“ diktatorisch herrscht und menschliche und demokratische Werte auf den Kopf stellt, zu den Verhältnissen im Arbeiter-und-Bauernstaat.
Blick in ferne, aber sehr nahe Zukunft
Die SED-Oberen und DDR-Behörden lasen den im fiktiven Land Ozeanien angesiedelten als Angriff auf das von Stalin und mit ihm von der der Einheitspartei im deutschen Osten beherrschte kommunistische System. Wer das besaß, las und mit anderen besprach, bekam die ganze Wut von der Staats- und Parteiführer Ulbricht und Honecker und ihrer Helfer zu spüren. Für Baldur Haase war und ist es ein großes Anliegen, mit seinem Buch „Briefe, die ins Zuchthaus führten. Orwells ,1984' und die Stasi. DDR-Erinnerungen 1948-1961“(JKL Publikationen Berlin 2003, 214 Seiten, zahlr. Fotos, ISBN 3-933336-32-5) und weiteren Publikationen gegen nostalgische Verklärung der SED-Diktatur anzugehen und über den wahren Charakter des SED-Regimes aufzuklären.
Täglicher Terror ist Normalität
Der englische Schriftsteller George Orwell (Eric Arthur Blair) blickt in „1984“ in eine ferne, aber doch auch sehr nahe menschenfeindliche Zukunft und schildert Verbrechen in einem totalen Überwachungsstaat, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Das 1950 kurz vor Orwells Tod erschienene Buch spielt im fiktiven Land Ozeanien, in dem eine winzige Oberschicht mit Hilfe von ausgeklügelten Manipulations-, Terror- und Unterdrückungsmechanismen und skrupellosen Helfern und Denunzianten die große Masse in Angst, Schrecken und Unwissenheit hält. Öffentliche Hinrichtungen werden als Volksfeste gefeiert, Brutalität und Menschenverachtung sind allgegenwärtig, täglicher Terror ist Normalität. Um das „gleichgeschaltete“ Volk, so ein Begriff aus der Nazizeit, bei Laune und in Bewegung zu halten, werden Hasspredigten gegen imaginäre Feinde gerichtet. Sicherheitskräfte sind derweil unterwegs, um staatsfeindliche Handlungen im Keim zu ersticken. Kinder werden angehalten, ihre Eltern auszuspionieren und an die Gedankenpolizei zu verraten, was ihnen als gute Tat für das Land hoch angerechnet wird.
Wer sich dem allgegenwärtigen „großen Bruder“ verweigert und das Spiel durchschaut, lebt gefährlich. „Abweichler“ verschwinden auf Nimmerwiedersehen, werden gehenkt oder vaporisiert, also verdampft. Wer in Ozeanien Einfluss und Ansehen genoss und aus irgend einem Grund in Ungnade gefallen ist, dessen Andenken wird aus den Medien und den Geschichtsbüchern getilgt und verfällt, wie schon in der Antike beziehungsweise zu Hitlers und Stalins Zeiten, der „Damnatio memoriae“, der Tilgung der Erinnerung. Ganze Heerscharen von Schreibern und Druckern produzieren ständig neue Bücher und Zeitungen, in denen die aktuellen Wendungen der Politik gelobt werden. Obwohl die Versorgung mit dem Allernötigsten miserabel ist, wird den Menschen weisgemacht, ihnen würde an nichts fehlen.
Wissen wird zur Gefahr
In diesem Überwachungs- und Ausbeuterstaat gelten keine Werte – Religion und die Errungenschaften der Aufklärung sind passé, demokratische Mitbestimmung ist abgeschafft, Wahrheit verkommt zur Lüge, Verrat ersetzt die Liebe, Wissen wird zur Gefahr. Zwangarbeitslager werden Lustlager genannt und das Kriegsministerium heißt Friedensministerium. Begriffe wie Ehre, Gerechtigkeit, Moral, Internationalismus, Demokratie und Religion sind aus dem Wortschatz verschwunden. Die „Proles“ genannte übergroße Mehrheit der Bevölkerung lebt in Armut und Dummheit und stellt so für das Regime keine Gefahr dar. Die ständig geführten Kriege werden als Grund angegeben, dass die Wirtschaft lahmt und sich das Land in einer prekären Lage befindet, das sich Demokratie, Freiheit oder Bildung nicht leisten kann. Die mit Schnulzenliedern, billigen Groschenheften und pornografischem Material bei Laune gehaltenen Proles lassen alles über sich ergehen und haben kein Interesse, die Verhältnisse zu ändern.
Wer in der DDR ein solches Buch las und weiter gab, bekam es mit der Polizei, Justiz und Stasi zu tun. Selbstverständlich wiesen Erich Mielke als Chef des „Liebesministeriums“, wie es in „1984“ genannt wird, und seine Genossen alle Vergleiche mit dem Unterdrückungs- und Spitzelapparat in dem Zukunftsroman weit von sich. Vielmehr gaben sie sich als Verteidiger der Menschenrechte aus und malten die Gegenwart und Zukunft ihres Arbeiter-und-Bauern-Staates in rosigen Farben aus.
Staatsgefährdende Hetze
Baldur Haase wurde vorgeworfen, er habe politische und wirtschaftliche Informationen an den „Agenten“ Marggraf übermittelt und Schriften und Bücher mit feindlichem Inhalt wie „1984“ von ihm bekommen. Indem er sich „bereitwilligst“ zum Handlanger imperialistischer Kriegstreiber machte, habe er der DDR großen Schaden zugefügt und die Tatbestandsmerkmale der illegalen Nachrichtenübermittlung und staatsgefährdenden Hetze erfüllt. Von einem Verwandten an die Stasi verraten und in der Untersuchungshaft in Gera quälenden Verhören ausgesetzt und zu unsinnigen Selbstbekenntnissen gezwungen, wurde er zu drei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt, die er in Waldheim verbüßte. Er wurde am 14. April 1961 entlassen, konnte aber nach dem Mauerbau am 13. August 1961 nicht mehr, wie schon vor seiner Verhaftung geplant, in den Westen fliehen.
Haases Buch enthält Vernehmungsprotokolle, erzwungene Geständnisse und Urteilsbegründungen. Dazu Zitate aus „1984“ wie „Einen unpassenden Ausdruck im Gesicht zu zeigen, (z. B. ungläubig dreinzuschauen, wenn ein Sieg verkündet wurde) war, jedenfalls schon an sich ein strafbares vergehen (...) „Die Partei hat immer recht, auch wenn sie sagt, dass zweimal zwei gleich fünf ist. (…) Gedankenverbrechen konnte man auf Dauer nicht geheim halten. (...) Das Familienleben war in Wirklichkeit zu einer Erweiterung der Gedankenpolizei geworden, zu einem Mittel, um jedermann Tag und Nacht von intim vertrauten Angeber bespitzeln zu lassen.“
Die Stasi hat überall ihre Ohren
Interesse verdienen Haases Beschreibungen über seine Erlebnisse als der hilflos dem Terror der Stasi-Vernehmer ausgesetzte Untersuchungshäftling und Insasse des Zuchthauses Waldheim, das heute Justizvollzugsanstalt ist, aber auch als Gedenkstätte und Museum zahlreiche Gäste zum Besuch einlädt. In Waldheim habe er es vergleichsweise gut getroffen, denn er wurde als gelernter Drucker in der Gefängnisdruckerei eingesetzt. Ständig waren er und die anderen „Knastologen“ der Gefahr ausgesetzt, eine intern„Nachschlag“ genannte Verlängerung der Haftstraße aufgebrummt zu bekommen, etwa wenn sie gegen die Anstaltsordnung verstießen, sich despektierlich über die DDR und SED äußerten oder einen Ausbruchsversuch wagten. Dann konnten zu ausgesprochenen Zuchthausstrafe noch einige Jahre hinzu kommen. Bei seinen Unterhaltungen mit Mitgefangenen lernte Haase, seine Zunge zu hüten, denn überall lauerten Stasi-Spitzel und trugen missliebige Äußerungen dem Geheimdienst weiter.
Baldur Haase wurde nicht in eine Zelle eingesperrt, sondern verbrachte seine Zeit in einem großen Saal der dritten Etage des alten Schlosses. Der Raum hatte Tischreihen, an denen bis zu hundert „Gestalten in Sträflingskleidung“ saßen, die aus alter Militärkleidung mit aufgenähten gelben Streifen bestand. In diesem sogenannten Intelligenzsaal waren Männer beisammen, die es im Zivil- oder Militärleben zu etwas gebracht hatten. Das waren Akademiker mit und ohne Doktortitel, Lehrer, höhere Angestellte, Offiziere, Geschäftsleute. Nicht wenige waren sogenannte Artikelsechser, genannt nach dem berüchtigten Artikel 6 der DDR Verfassung von 1949 über die Boykotthetze. Dazu kamen Gefangene, die nach dem gescheiterten Aufstand vom 17. Juli 1953 zu langen Zuchthausstrafen verurteilt worden waren. Ein benachbarter Saal mit Doppelstockbetten diente als Schlafsaal. In einem weiteren Raum war die seit 1734 bestehende Druckerei tätig.
Post wurde weiterhin kontrolliert
Für die Wiedereingliederung von Strafgefangenen aller Art gab es in der DDR klare Regeln. Die Behörden verschafften ihnen eine Arbeitsstätte und eine Wohnung, was Leute ohne eine solche Bleibe auf die „Palme“ brachte. Nach seiner Entlassung arbeitete Haase weiter als Drucker in Saalfeld und Jena, wurde Mitglied in einem „Zirkel schreibender Arbeiter“, absolvierte 1969–1972 Fernstudium am Institut für Literatur Leipzig und war bis zum Ende der DDR Redakteur am Bezirkskabinett für Kulturarbeit Gera. Die Überwachung durch die „Organe“ ging im Geheimen weiter. Obwohl keine neuen, mit Spitzelberichten versehenen Akten über ihn angelegt wurden und er seit 1968 nicht mehr als vorbestraft galt, war er doch als „Staatsverräter“ registriert. Erst später entdeckte er, dass seine Post weiterhin kontrolliert wurde. Da er auf „staatsfeindliche“ Bemerkungen verzichtete, erteilte ihm der Geheimdienst die Erlaubnis, mit seiner Frau „in dringenden Familien Angelegenheiten“ in die Bundesrepublik zu reisen.
Nach seiner Entlassung machten Baldur Haase plötzlich aufbrechende psychische Probleme zu schaffen. Seine Zurückhaltung gegenüber anderen Menschen steigerte sich in Menschenscheu. Ihm war jeder Kontakt zuwider; am liebsten ging er stundenlang im Wald spazieren. Nicht selten plagten ihn Weinkrämpfe, und selbst bei Lappalien befürchtete er, wieder verhaftet zu werden. Während der ersten Wochen in der Freiheit wurde er das bedrückende Gefühl nicht los, die Leute wüssten, dass er aus dem Zuchthaus kommt. Hinter jedem noch so flüchtigen Blick eines ihm Unbekannten vermutete er diesen Vorwurf. Aus den Grundsätzen der Stasi-Arbeit ist bekannt, dass die Einschüchterung und erzwungene Loyalität Ziel der „Bearbeitung“ von „feindlich-negativen Personen“ war. Nach dem Ende der DDR von den Fesseln der Zensur und eigenen Ängsten befreit, setzte sich Haase in seinen Büchern kenntnisreich und kompromisslos mit dem Alltag dort sowie der von der Staatspartei SED „angeleiteten“ Justiz und den Verbrechen des Ministeriums für Staatssicherheit auseinander. 1991 erfolgte seine Rehabilitierung. Im Jahr 2000 berentet, lebt der Zeitzeuge als Publizist in Jena.
Waldheim-Prozesse von 1950
Das Landgericht Chemnitz, von 1953 bis 1990 Karl-Marx-Stadt, verhandelte vom 21. April bis zum 29. Juni 1950 im Zuchthaus Waldheim (Sachsen) gegen 3442 Personen, denen Kriegs- und NS-Verbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen wurde. Fast alle Angeklagten erhielten Freiheitsstrafen von 15 bis 25 Jahren, über 32Personen wurden zum Tod verurteilt, 24 wurden vollstreckt. Die Angeklagten waren aus sowjetischen „Speziallagern“ nach Waldheim gebracht worden, und zwar aus den ehemaligen NS-Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsenhausen sowie aus dem Zuchthaus Bautzen. Bei den im Schnellverfahren durchgeführten Prozessen kam es zu schwerwiegenden Verstößen gegen die rechtsstaatliche Ordnung. Von der SED angeleitet und überwacht, durften die so genannten Volksrichter keine Urteile unter fünf Jahren Zuchthaus aussprechen. Entlastende Argumente wurden ignoriert. Vermutlich wusste Baldur Haase nicht, dass 1950 im Zuchthaus Waldheim die berüchtigten Waldheim-Prozesse durchgeführt wurden. Vor Ort hat man darüber nicht gesprochen, nach dem Ende der DDR aber schon. Da Haase nur das in seinem Buch beschreibt, was er in Waldheim erlebt und gehört hatte, waren die Schnellverfahren mit grausamem Ausgang für ihn kein Thema.
8. Juli 2026