„Onkel WU“ wurde 1971 Persona non grata - Wie Honecker und Genossen.Walter Ulbricht erst in Moskau anschwärzten und dann entmachteten



SED-Chef Walter Ulbricht hielt zu seinem Vorbild, dem sowjetischen Diktator Stalin, als längst dessen Verbrechen offenbar wurden.



Als „Baumeister“ bestimmte Ulbricht, wie die Städte in der DDR aussehen sollen und welche Bauten, sofern sie den Bombenkrieg überstanden hatten, Paradeplätzen und Magistralen weichen müssen. Auf sein Konto geht der Abriss von Schlössern und Kirchen in Berlin, Potsdam und anderen Städten.



Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 versuchte die SED-Führung, Massenflucht ihrer Untertanen in den Westen aufzuhalten. Bis zu seinem Fall am 9. November 1989 wirkte der so genannte antifaschistische Schutzwall wie ein Stachel im Fleisch der eingemauerten Bevölkerung.



Ulbricht und Honecker nehmen auf der Berliner Stalinallee/Karl-Marx-Allee eine Parade der „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ ab, die wesentlichen Anteil am Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 und danach hatten.



Das West-Berliner Satireblatt „Tarantel“ karikierte des SED-Chef, wie er aus den Resten des Deutschen Reichs etwas Neues schaffen will und sich, von Pleitegeiern beobachtet, aus dem Sumpf zu ziehen versucht.



Ulbricht, Honecker, Wirtschaftssekretär Mittag und KPdSU-Chef Breschnew vergnügen sich bei der Jagd in der Schorfheide nördlich von Berlin.



Die Trauer um Ulbrichts Tod am 1. August 1973 hielt sich mitten in den X. Weltfestspielen in Grenzen. Der ehemals gefeierte und gefürchtete Politiker wurde nur noch als Mann von gestern wahrgenommen. Nachrufe und sein Grab in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde täuschen Respekt und Dankbarkeit vor.

Fotos/Repros: Caspar

Der Altkommunist Walter Ulbricht
war zweieinhalb Jahrzehnte der mächtigste Mann in der DDR. Als Chef der Staatspartei SED, stellvertretender Ministerpräsident und ab 1960 Staatsratsvorsitzender bestimmte er die Richtung der Politik. Niemand kam an ihm vorbei, und wenn es Opposition oder gar Widerstand gegen seine Herrschaftsallüren gab, dann konnte er unbarmherzig zuschlagen, die Leute maßregeln und schlimmstenfalls ins Gefängnis stecken. Um Ansehen bei seinen Untertanen bemüht gab sich „Onkel WU“, den man sofort am Spitzbart und an seiner piepsenden Stimme als gebürtigen Leipziger mit sächsischem Dialekt erkannte, leutselig. Unter den Augen der Kameras machte er mit seiner Frau Lotte viel Sport und gab sich als Landesvater aus, dem das Wohl des Volkes über alles geht. Er sorgte auch dafür, dass seine Reden trotz allgemeiner Papierknappheit in Broschüren und Büchern verbreitet und vor allem gelesen und verinnerlicht wurden.

Stalinist wie kaum ein anderer
Walter Ulbricht war ein Stalinist wie kaum ein anderer. Solange der sowjetische Diktator an der Macht war, tat er alles, um dessen Ruhm und damit den eigenen zu verkünden. Als dann aber der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow 1956 den bis dahin „großen Freund des deutschen Volkes“ als Massenmörder entlarvte, ohne sich selber als einen seiner engsten Mitarbeiter zu erwähnen, machte sich Ulbricht lustig über junge Genossen, die ohne nachzudenken Stalins Sprüche auswendig lernen und deren Sinn nicht hinterfragen. Der Sachse ließ mit sowjetischer Hilfe den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 brutal niederschlagen, trieb die Kollektivierung der Landwirtschaft und die Enteignung von kleinen Privatbetrieben voran und nahm damit in seiner ideologischen Verblendung die Massenflucht in den Westen in Kauf. Der zu Ulbrichts 60. Geburtstag am 30. Juni 1953 geplante Propagandafilm „Walter Ulbricht – Baumeister des Sozialismus“ wurde nie öffentlich gezeigt, sondern verschwand mit dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 im Archiv. Die sowjetischen Besatzer hatten verlangt, diesen Streifen totzuschweigen, in dem behauptet wird „Walter Ulbricht liebt die Jugend, die Jugend liebt Walter Ulbricht“ und er sei „ein Mann scharfen Blicks und schnellen Entschlusses.“
Als Ulbricht am 15. Juni 1961 bei einer internationalen Pressekonferenz behauptete, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu bauen, waren in Abstimmung mit Moskau die Einsatzbefehle bereits geschrieben. Unter dem Oberbefehl seines „Kronprinzen“ Erich Honecker ließ der „Genosse Niemand“, wie man Ulbricht insgeheim nannte, am 13. August 1961, vor genau 65 Jahren, die Berliner Mauer und die innerdeutschen Grenze bauen. In den folgenden Jahren wurden sie fast undurchlässig, doch wagten zahlreiche DDR-Bewohner hier die Flucht. Über die Anzahl der Todesopfer gibt es unterschiedliche Angaben. Nach Erkenntnissen des Zentrums für Zeithistorische Forschung und der Stiftung Berliner Mauer gab es mindestens 140 Maueropfer, darunter 101 DDR-Flüchtlinge, 30 Personen aus Ost und West, die ohne Fluchtabsicht verunglückten oder erschossen wurden, sowie acht Grenzsoldaten.

In Moskau „zur Schnecke“ gemacht
Als 1971 unverkennbar war, dass Ulbrichts doktrinäre Wirtschafts-, Sozial- und Kulturpolitik in eine Sackgasse führt, entschlossen sich Erich Honecker und einige seiner Genossen vom Politbüro, den mächtigsten Mann im Lande mit sowjetischer Hilfe zu stürzen. Sie schrieben einen erst nach dem Ende der DDR bekannt gewordenen Brief an den sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew und machten ihn, wie die Berliner sagen würden, „zur Schnecke“. Der Brief mit massiven Vorwürfen an Ulbrichts Adresse ist in dem Buch von Klaus Schroeder „Der SED-Staat .- Partei, Staat und Gesellschaft 1949-1990“ (Propylen Taschenbuch München 2000) abgedruckt.
Walter Ulbricht halte sich an keine Beschlüsse und getroffene Vereinbarungen, beklagten seine Genossen, sondern stelle gefasste Beschlüsse immer wieder infrage und zwinge dem Politbüro (dem obersten Gremium der SED, H. C.) ständig Diskussionen auf, die es in nicht mehr zu vertretender Weise von der konkreten Arbeit bei der Lösung der wichtigsten Aufgaben abhalten. „Wir können in voller Verantwortung sagen, dass wir alles getan haben, um Genossen Walter Ulbricht zu helfen. Wir schätzen auch seine Verdienste in der Vergangenheit hoch ein. Leider können wir nicht umhin festzustellen, dass sich bei Genossen Walter Ulbricht in der letzten Zeit bestimmte negative Seiten seines auch ohnehin schwierigen Charakters immer mehr verstärken. In dem Maße, in dem er sich vom wirklichen Leben der Partei der Arbeiterklasse und aller Werktätigen entfremdet, gewinnen irreale Vorstellungen und Subjektivismus immer mehr Herrschaft über ihn.“

Grober und beleidigender Umgangston
Weiter stellen die Briefschreiber fest, im Umgang mit den Genossen im Politbüros und mit anderen Genossen sei Ulbricht oft grob und beleidigend, und er diskutiere von einer Position der Unfehlbarkeit. Er lege Prognosen für kommende Jahrzehnte, ja bis zum Jahr 2000 vor, die sich keine andere Partei der sozialistischen Staatengemeinschaft stellt. Ulbricht sehe sich gern auf einer Stufe mit Marx, Engels und Lenin, und er betrachte es als eine seiner wesentlichsten Aufgaben, den Marxismus-Leninismus auf den verschiedensten Gebieten schöpferisch weiterzuentwickeln . Die Unterzeichner des Briefes bitten Leonid Breschnew zu helfen, dass Ulbricht möglichst bald von der Funktion des Ersten Sekretärs des ZK der SED zu entbunden wird. De sowjetische Parteiführer, der Überheblichkeit und Belehrungen durch Ulbricht satt, stimmte der Entmachtung zu. Ulbricht gab klein bei und begründete seinen Rückzug mit seinem Alter und dem Willen, die Verantwortung in die Hände jüngerer Genossen zu legen. Ihm selber muss der Sturz in ein tiefes Loch sehr zugesetzt haben. Auf seine Sommerresidenz Groß Dölln in der Mark Brandenburg zurückgedrängt und von der Stasi bewacht, war er von einem zum anderen Tag von allen politischen Entscheidungen abgeschnitten. Niemand gelangte ohne Zustimmung der neuen Parteiführung zu ihm. Gewohnt, Befehle zu erteilen und unbedingten Gehorsam erwartend, war er eine Persona non grata, eine Lachnummer. Das von ihm formal ausgeübte Amt des Staatsratsvorsitzenden war ohne Bedeutung.

Menschengemeinschaft als Phantom
Die unter Honeckers Leitung stehende Parteiführung lud alle innen- und außenpolitische Probleme auf Ulbricht ab. Seine Bücher und Broschüren wurden in die hinterste Ecke gestellt, Zitate aus ihnen waren verboten. Das von ihm propagierte Phantom der „sozialistischen Menschengemeinschaft“ war aus dem Politvokabular verschwunden. Der bis dahin mächtigste Mann in der DDR, der sich mit „Moskau“ angelegt hatte, wurde zum Sündenbock für alles gemacht, was in der Wirtschafts-, Kultur- und Wissenschaftspolitik, beim Wohnungsbau und in anderen Bereichen schief gelaufen war. Dabei wurde geflissentlich übersehen, dass auch seine Genossen im Politbüro, Zentralkomitee und der Regierung ebenfalls Verantwortung für die in jenem Brief an Breschnew aufgeführten Fehlentwicklungen trugen. Ein Wort des Bedauerns und der Einsicht kam bei Honecker und Co. nicht über die Lippen, auch später nicht, als sich zeigte, dass das „System Ulbricht“ und ab 1971 Honecker nicht funktioniert und die Leute scharenweise in die innere Emigration gingen. Der neue Parteichef und ab 1976 Staatsratsvorsitzende sorgte dafür, dass sein ehemaliger Ziehvater vergessen wurde. Die Nachrufe zu seinem Tod am 1. August 1973, mitten in den Weltfestspielen in Ost-Berlin, waren geheuchelt.
Achtzehn Jahre nach Ulbrichts tiefem Fall erging es Honecker ähnlich, als im Oktober 1989 Egon Krenz und Genossen ihn vom Thron stießen und ihm Selbstherrlichkeit, Reformunwilligkeit und Beratungsresistenz sowie mangelnde Einsicht in die Zeichen der Zeit vorwarfen. Jetzt sollte alles besser werden, verkündete Krenz als neuer Mann an der Spitze von Staat und Partei. Dabei war auch er einer von denen, die den bisherigen Kurs der Unterdrückung der mächtig anschwellenden Opposition und des Wahlbetrugs mitgemacht hatten. Kleinlaut zog sich Honecker, wie 1971 Ulbricht, auf sein Alter und angeschlagene Gesundheit verweisend, aus seinen politischen Ämtern zurück. Der eben noch gefeierte Partei- und Staatschef verlor seinen Wohnsitz in der streng abgeschirmten Funktionärssiedlung Wandlitz. Das Ehepaar Erich und Margot Honecker,die ehemalige Volksbildungsministerin, erhielten Asyl beim evangelischen Pfarrer Holmer In Lobethal bei Berlin, musste sich in einer winzigen Wohnung einrichten und bekam kübelweise Hohn und Häme zu spüren. 1992 hat ihm das Berliner Landgericht aus gesundheitlichen Gründen die Verhandlung erspart, der Haftbefehl gegen ihn wurde aufgehoben, und so konnte er mit seiner Frau und einige Getreuen nach Chile ausreisen, wo Tochter, Schwiegersohn und Enkel Asyl gefunden hatten und wo er 1994 starb.

Maske vom Gesicht gerissen
Niemals kam Erich Honecker der Gedanke, seinen eigenen Untergang selbst verursacht zu haben. Er mag froh gewesen sein, dass ihm und seiner Frau das Schicksal des rumänischen Diktatorenpaars Nicolae und Elena Ceaușescu erspart blieb, die Ende 1989 nach kurzem Prozess erschossen wurden. Zwar räumte Honecker in Erklärungen und auch in dem Buch von Reinhold Andert und Wolfgang Herzberg „Der Absturz - Erich Honecker im Kreuzverhör“ (Aufbau Verlag Berlin Weimar 1991) ein, „nicht alles richtig“ gemacht zu haben. Aber die mit Stasiminister Erich Mielke, Propagandachef Joachim Herrmann, Wirtschaftsfunktionär Günter Mittag und anderen Vertrauten verursachten Fehlentscheidungen, die Toten an der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze und weitere Opfer des SED-Regimes, die massenhafte Bespitzelung und Verdummung der Bevölkerung räumte er nicht ein. Im Gegenteil behaupteten er und seine Frau, alles sei nach Recht und Gesetz verlaufen. So bleiben Ulbricht, Honecker und ihr Anhang in übler Erinnerung. Es ist gut, dass Historiker und Publizisten ihnen die Maske vom Gesicht reißen und dafür sorgen, dass DDR-Nostalgiker mit ihren Sprüchen über das angeblich menschenfreundliche Leben im zweiten deutschen Staat nicht überhand nehmen.

10. August 2026