Riesen als Wappenhalter - Was „wilde Männer“ auf braunschweigischen Talern bedeuten



Allein oder zu zweit kommen Wilde Männer auf zahlreichen braunschweigischen Münzen vor. Auf dem Taler von 1653 umschließt der Spruch „Alles mit Bedacht“ den Wächter mit der Tanne in der Hand.



Weil der Wilde Mann die Tanne quer vor sich hält, wird dieses Silberstück auch Hausknechtstaler genannt.



Der Wilde Mann auf dem braunschweigischen Brillentaler von 1586 hält ein Stundenglas und eine Brille in der Hand und erinnert die Leute, dass das Leben endlich ist und man zu Lebzeiten Gutes tun soll.



Brüderliche Eintracht in der herzoglichen Familie demonstrieren die Wilden Männer auf dem Taler von 1689.



In Preußen hat man vor und nach 1800 Münzen mit den sagenhaften Wappenhaltern geschmückt.



Die Kapsel für den 1807 zwischen Preußen und Sachsen abgeschlossenen Vertrag von Tilsit ist mit dem von Wilden Männern flankierten preußischen Adlerwappen geschmückt. Das Dokument befindet sich im Besitz des Geheimen Staatsarchivs Berlin-Dahlem.

Fotos/Repros: Caspar

Die braunschweigischen Herzöge
leisteten sich den Luxus einer umfangreichen und teuren Talerprägung mit allegorischen Bildern, sinnreichen Sprüchen meist in lateinischer Sprache und opulenten Wappendarstellungen. Alle diese Brillen-, Eintrachts-, Glocken-, Hochzeits-, Pfaffenfeind-, Reise-, Sterbe- und Wahrheitstaler zusammen zu bekommen, ist eine Lebensaufgabe. Sie sind der numismatischen Literatur gut erfasst. Ab und zu bietet der Münzhandel die seltenen Sammelstücke an. Unter ihnen befinden sich die Wildemanntaler, auf denen Riesen mit einem Kranz aus Zweigen um die Lenden als Wappenhalter fungieren oder allein mit einer Tanne in den Händen zu sehen sind. Neben diesen Ausgaben gibt es ähnlich gestaltete Werte vom Gulden und halben Taler bis hinab zum Groschen. Hin und wieder sind Abschläge aus Gold im Angebot, die extrem teuer sind.

Sagenhafte Waldbewohner
Wilde Männer wurden als Halbmenschen angesehen. Die Lebensweise der sagenhaften Waldbewohner flößte den Menschen sowohl Angst als auch Respekt ein, und man tat nach damaligem Volksglauben gut daran, sie nicht zu reizen, sondern sich ihrer Freundschaft zu versichern. Um den Wilden Mann drehen sich im Harz manche Sagen. Bergleute sollen in uralten Zeiten geheimnisvolle Fußspuren entdeckt haben, denen sie nachgingen. Sie erblickten einen riesengroßen Mann und eine ebensolche Frau, die nur mit einem breiten Gürtel aus Laub und Moos bekleidet waren. Der Bart des Mannes soll bis zum Gürtel gereicht haben, und in der rechten Hand habe er eine ausgerissene Tanne samt Wurzel gehalten.
Die Sage berichtet weiter, dass sich die unheimlichen Waldbewohner gegen die Eindringlinge gewaltig zur Wehr setzten. Sie entdeckten in ihrer Höhle eine Silberader und nannten die Grube Wilder Mann. Die Silberfunde lockte Bergleute an, und so kam es zur Gründung der Bergstadt Wildemann, die heute zu Clausthal-Zellerfeld gehört. Der Bergbau kam im 19. Jahrhundert zum zum Erliegen, die letzten Grube Ernst-August wurde 1924 aufgegeben. Auch an anderen Orten im Harz hat man das begehrte Edelmetall gefunden und in klingende Münze verwandelt, was die braunschweigischen Herzöge reich und mächtig werden ließ.

Übermenschliche Kräfte
Da die Wilden Männer die Kraft besitzt, Bäume auszureißen und sie wie Spielzeug vor sich her zu tragen, wird dem Land schon nichts geschehen, lautet die Botschaft dieser Münzbilder. In der Regel werden die urwüchsigen Gesellen langbärtig und von oben bis unten behaart mit einem Blätterkranz um die Lenden und einem weiteren auf dem Kopf dargestellt. Den „wilden Männern“, seltener auch „wilden Frauen“ wurden übermenschliche Kräfte angedichtet. Zwar fürchtete man sich vor ihnen wegen ihrer ungewöhnlichen Erscheinung, aber man bewunderte sie auch und hätte sie gern als Wächter und dienstbare Geister im Haus gehabt. Einzeln oder zu zweit beschützen sie das Reich der braunschweigischer Herzöge, kommen aber auch auf preußischen, schwarzburgischen und dänischen Münzen vor, wo sie die fürstlichen Wappen beschützen. Mal wird der Baum auf den Talern in der rechten und mal in der linken Hand gehalten. Wenn der Baum quer vor dem Körper gezeigt wird, spricht man von einem Hausknechtstaler.

Sinnbild brüderlicher Eintracht
Die Brüder Rudolf August und Anton. Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel haben im ausgehenden 17. Jahrhundert auf ihren Talern zwei wilde Männer dargestellt, die in der Mitte zwei verschlungene Bäume halten und damit brüderliche Eintracht bekunden. Im Laufe der Zeit hat man Wilde Männer, wenn sie den Baum in der rechten Hand halten, der Linie Lüneburg zugerechnet, und wenn sie den Baum in der linken Hand aufstellen wusste man, dass die Wolfenbütteler Linie gemeint ist.
Die letzten Braunschweiger Prägungen mit einem einzeln stehenden Wilden Mann wurden 1789 unter Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel hergestellt. Fortan spielten Wilde Männer nur noch als dekorative Wappenhalter eine Rolle und verschwanden von den Münzbildern. Bis heute sind die als Namensgeber von Restaurants präsent, ein Stadtteil in Dresden ist nach ihnen benannt.

7. Oktober 2026