Geliebt, begehrt und teuer bezahlt - Deutsches Historisches Museum Berlin zeigt kostbaren Spielkasten aus Bernstein und andere Sammlungsstücke



In dem nach dem amerikanischen Architekten chinesischer Abstammung Ieoh Ming Pei benannten und 2003 eröffneten Pei-Bau des Deutschen Historischen Museum Berlin werden aktuell etwa 200 zum Teil unbekannte Sammlungsstücke gezeigt.



Der Brettspielkasten von 1607 wurde 2024 in einer wissenschaftlichen Tagung nach allen Seiten befragt. Im Tagungsband berichten 13 Autorinnen und Autoren, was sie über dieses und weitere Bernsteinobjekte herausgefunden haben.



Ein im Buch zur Ausstellung gezeigtes Bild symbolisiert den Januar und wirft einen Blick in eine Patrizierstube, wo man bei festlichen Mahl, Brettspielen und weiteren Unterhaltungen beisammen. Ein an der Wand befestigte Brett zeigt, dass Schach auch bei reichen Bürgersleuten zu Hause war. Im Hintergrund sieht man, wie sie vornehme Leute beim Kartenspiel vergnügen.



Ein um 1700 in Danzig gefertigter Kunstkammerschrank ist reich mit Bernstein besetzt und wird im Berliner Kunstgewerbemuseum Schloss Köpenick gezeigt.



Wie ein Fremdkörper in der Stadtlandschaft wirkt das aus DDR-Zeiten stammende Handelshochhaus unweit des Bahnhofs Friedrichstraße. Das SED-Regime hätte das Gebäude auch anderswo errichten können. Aber es bestimmte diesen Standort aus politischen Gründen, ohne Rücksicht auf die zurückhaltend-vornehme Bebauung in der Mitte Berlins zu nehmen.

(Grüner Punkt: Bild ohne den hässlichen schwarzen Kasten)
Aktuell ist das Zeughaus geschlossen, es wird umgebaut und für die Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts ertüchtigt.
Hier die Ansicht Unter den Linden.



Der Lichthof mit den von Andreas Schlüter Ende des 17. Jahrhunderts geschaffenen „Masken sterbender Krieger“ bekam ein Glasdach, das ihn vor Regen und Schnee schützt.

Fotos/Repro: Caspar

Womit haben sich in alten Zeiten
fürstliche und adelige Personen die Zeit vertrieben? Sie taten das auf der Jagd, in Kriegen und bei Turnieren oft mit blutigem Ausgang, bei höfischen Banketten, Saufgelagen und Bällen, beim Anzetteln von Intrigen und Mordanschlägen, aber auch bei Musik, Theater und geselligen Spielen, bei denen man viel Geld gewinnen oder auch verlieren konnte. Dem Volk waren exquisite Unterhaltungen verboten. Es durfte weder zur Jagd gehen noch Turniere abhalten, sondern musste sich mit Karten-, Würfel- und Brettspielen begnügen. Im Jahr 2021 gelang dem Deutschen Historischen Museum Berlin (DHM) bei Sotheby’s in London der Kauf eines kunst- und kulturhistorisch bedeutenden Brettspielkastens aus dem frühen 17. Jahrhundert. Wie im Buch zu der bis 31. Oktober 2026 laufenden Ausstellung mit Objekte in der Sammlung des DHM nachzulesen ist, handelt es sich eine aus Bernstein gefertigte „Dreispielekassette“ von fürstlicher Pracht. Die Vorderseite wurde beim Mühlespiel und die Rückseite beim Schachspiel verwendet. Wenn der Kasten geöffnet war, konnte man auf den Feldern unter Verwendung von runden Brettsteinen oder Spielmarken oft aus Gold oder Silber Tric Trac spielen.

Einzigartiges Kunstkammerobjekt
Vor über 400 Jahren in Königsberg (Kaliningrad, Russische Föderation) sowohl zu höfischer Belustigung als auch fürstlicher Repräsentation geschaffen, fand das einzigartige Kunstkammerobjekt seinen Weg über geistliche und adelige Privatsammlungen in den internationalen Kunsthandel und von dort in das im Zeughaus Unter den Linden untergebrachte DHM. In dessen Pei-Bau und später in der Ständigen Ausstellung im Zeughaus kann es nicht mehr wie früher nur von einem kleinen exklusiven Publikum bestaunt werden, sondern steht der breiten Öffentlichkeit zur Ansicht offen, schreiben Wolfgang Cortjeans und Thomas Weißbrich im Buch „Spielerische Allianzen – Bernsteinpolitik und höfische Kultur in der frühen Neuzeit“ (Deutscher Kunstverlag Berlin 2026, 255 Seiten, zahlreiche meist farbige Abbildungen, 30 Euro, ISBN 978-3-422-80427.2).
Nur wenige aus Bernstein,. Elfenbein, Ebenholz und weiteren kostbaren Materialien gefertigten Brettspielkästen blieben in Museen und Privatsammlungen erhalten. Das verwendete fossile Baumharz wurde in großen Mengen entlang der Ostseeküste gefunden und von dort in ferne Länder exportiert, wie auch archäologische Funde zeigen. Bernstein kommt in unterschiedlichen Farben zwischen dunkelbraun und hellgelb vor. Man schrieb ihm magische Kräfte und medizinische Wirkungen zu.
In Königsberg, Danzig und anderen Städten beschäftigte sich eine ganze Industrie damit, aus dem in großen Brocken angeschwemmten Material Schaustücke für fürstliche Kunstkammern und Privatgemächer, aber auch für reiche Bürgersleute anzufertigen. Als Beispiele für Macht und Ansehen der Besitzer wurden diese Kunstwerke auch als diplomatische Geschenke und Aussteuer bei fürstlichen Hochzeiten verschickt. Bernstein von der Ostsee war auch im alten Ägypten und Ländern der klassischen Antike beliebt. Der Berliner Bernsteinkasten könnte auf Bestellung der Erstbesitzerin Anna von Dänemark, der Gemahlin des englischen Königs Jakob I., gefertigt worden sein und gilt als Beispiel für die Pflege fürstlicher Beziehungen am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648).

Schach als Spiel der Könige
Im Gegensatz zu exklusiven und kostbar gestalteten Zeugnissen der Hofkultur sind einfache Brettspiele, Glücksspiele und Spielkarten kaum erhalten, mit denen sich die „unteren Volksschichten“ die Zeit vertrieben. Sie waren billige Gebrauchsgegenstände, die nur in Ausnahmefällen überliefert sind. Dass der Königsberger Spielkasten eine Fläche fürs Schachspiel enthält, ist nicht verwunderlich. Denn in diesem „Spiel der Könige“ sah man so etwas wie die intellektuelle Vorbereitung auf die Kriegskunst und den klugen Gebrauch von Waffen. Weil man beim Schach vorausschauend kalkulieren musste, stand dieses Spiel bei Fürsten und Militärs in hoher Gunst. Der gelehrte Herzog August von Braunschweig Lüneburg, genannt der Jüngere, publizierte ein Buch über das Schachspiel, das er denjenigen ans Herz legte, „so im Regiment sitzen“, also regieren. Der Besitzer einer bedeutenden, nach ihm benannten Bibliothek in Wolfenbüttel legte Gelehrte und der studierenden Jugend das Schachspiel ans Herz, weil es den Verstand und das Gedächtnis übt und für viele Dinge des Lebens nützlich ist.
Die Sammlung des Deutschen Historischen Museums umfasst etwa eine Million Objekte deutscher Geschichte. Es präsentiert in der bis zum 31. Oktober 2026 im Pei-Bau laufenden Ausstellung „Blick in die Sammlung – Objekte, Geschichte, Geschichten“ eine Auswahl von rund 200 teilweise noch nie gezeigten Exponaten, darunter auch Neuzugänge wie den Königsberger Brettspielkasten. Die Ausstellung gewährt einen Blick in die Praxis des Sammelns und befragt die vorgestellten Exponate nach ihrer Herkunft und Bedeutung, so Gewänder der preußischen Königin Luise, die 1810 starb, eine im Krieg oder bei Turnieren von Adeligen getragene Eisenrüstung, Postamente, auf denen Bronzekanonen aufgestellt waren, sowie Gemälde, Handschriften, Bücher und Plakate. Ausgewählte Objektgeschichten erzählen von umkämpften Herrschaftsräumen und höfischer Diplomatie, von Kolonisierung sowie Eroberung und Ausbeutung fremder Länder und der Erschließung neuer Handelsrouten ebenso wie von verschwundenen Orten, von Grenzen, Flucht, Vertreibung und Exil.

Ruhmeshalle und Heeresmuseum
Ausgestellt ist im Pei-Bau unter anderem ein gutbürgerliches Wohnzimmer aus der Biedermeierzeit, das über verschiedene Stationen in den Besitz des DHM gelangte. Daneben erinnern zwei gusseiserne Säulen daran, wie eroberte Kanonen im Ehrenhof des Zeughauses aufgestellt waren. Gezeigt werden im Pei-Bau eben historischen Fotos von der Hohenzollern- und Kriegsverherrlichung auch ein kostbarer Erstdruck der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 in deutscher Sprache. Das vor einigen Jahren vom DHM erworbene Dokument erklärt: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“
Geschildert wird auch, wie aus dem barocken Waffenarsenal in der Kaiserzeit eine „Ruhmeshalle der preußisch-brandenburgischen Armee“ und während der NS-Diktatur ein Heeresmuseum und Schauplatz schauriger Heldengedenkfeiern gemacht wurde. Im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, wurde das vor 1700 nach Plänen von Andreas Schlüter erbaute Waffenarsenal außen original und innen modern-funktional wieder aufgebaut und stand als Museum für Deutsche Geschichte ganz im Dienste marxistisch-leninistischer Geschichtspropaganda mit den Schwerpunkte deutsche und internationale Arbeiterbewegung, antifaschistischer Widerstandskampf. Nach der Gründung des Deutschen Historischen Museums 1987 im damaligen West-Berlin wurden dessen Sammlungen und die des Museums für Deutsche Geschichte im Zeughaus zusammengeführt.

14. Juli 2026