Der Tod ist immer und überall - Alte Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel zeigt das seinerzeit umstrittene Gemälde „Mors Imperator“

Dem Edelmann, Kaiser und reichen Mann nutzen Macht und Geld nichts, wenn ihre Uhr abgelaufen ist und der Tod nach ihnen greift, gibt Hans Holbein der Jüngere in seiner Holzschnittfolge von 1538 zu verstehen.

Das skandalumwitterte Gemälde „Mors Imperator“ der Hermine von Preuschen aus dem Jahr 1887 ist in einem abgedunkelten Kabinett der Alten Nationalgalerie mit Dokumenten, Fotos und Erläuterungen ausgestellt. Ursprünglich DEM DEUTSCHEN VOLKE gewidmet, feiert die Gemälde- und Skulpturensammlung ihr 150jähriges Bestehen.

Dass Hermine von Preuschen sehr gut malen konnte, sieht man auch an diesem Detail im Bild „Mors Imperator“.

Die „Lustigen Blätter“ Nummer 32/1911 schildern, wie Kunstfreunde entsetzt die von Hermione von Preuschen in Berlin-Lichtenrade erbaute Villa „Tempio Hermione“ verlassen. Über der Hausklingel liest man das Wort KITSCH

Ein Nashorn zertrampelt auf der Karikatur „Kunstkritik im Reichstag“ Gemälde der Avantgarde, und geistliche und weltliche Zensoren begutachten unter dem Motto „Kunst bringt Gunst“ ein Gemälde, von dem man nicht weiß, ob es erwünschte „Staatskunst“ ist oder als Machwerk der Moderne weg kann.
Fotos/Repros: Caspar
Selbst in fürstlichen Familien erreichten Kinder selten das Erwachsenenalter. Wie in der unlängst im Berliner Dom nach langer Restaurierungs- und Sanierungszeit neu eröffneten Hohenzollerngruft zu erfahren ist, war Kindersterblichkeit in der Herrscherfamilie ungewöhnlich hoch. Fast jeder dritte im Gewölbe aufgestellte Sarg birgt die Gebeine von früh verstorbenen Prinzen und Prinzessinnen (siehe Eintrag auf dieser Internetseite vom 3. März 2026). Dass der Tod immer und überall ist, war eine Erfahrung, die alle Familien, ob hoch oder niedrig, machen mussten. Kinder erreichten oft nicht erste Lebensjahr und wurden vielfach namenlos bestattet. Auf Gemälden, Grafiken und Grabmälern sieht man, wie der Tod in Gestalt eines grausigen Gerippes nach dem Leben greift und auch Kaiser, Könige, reiche Leute und den Rest der Gesellschaft zu sich holt.
Eine Kabinettausstellung der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel zeigt bis 15. November 2026 ein Gemälde, das in seiner Zeit hoch umstritten war, weil es einen Kaiser im Purpurmantel nicht wie üblich als strahlenden Feldherrn und treusorgenden Landesvater verherrlicht, sondern als grausiges Gerippe, das eine gezackte Krone auf dem Kopf trägt, ein Schwert in der Knochenhand hält, sich auf einen umgestürzten Thron stützt und seinen skelettierten Fuß auf eine Erdkugel aus Metall stellt. Diesem „Mors Imperator“ (Der Tod als Herrscher/Kaiser) , so der Titel des 1887 geschaffenen Bildes, liegen verwelkende Blumen und Lorbeerzweige als Symbole für vergangenen Ruhm zu Füßen. Das hochformatige Bild zeigt im Hintergrund dunkle Wolken und schwarze Raben oder ähnliche Vögel.
Die Vergänglichkeit (Vanitas) des Lebens durchzieht seit der Antike die Kunst und Literatur, aber auch der Appell an die Menschen, ihre begrenzte Zeit auf Erden gut zu nutzen. Indem die Malerin Hermine von Preuschen (1854-1918) das Motiv neu interpretierte und auf Herrscher ihrer Zeit zielte, zog sie sich den Zorn ihrer Zeitgenossen zu. Der um seine Meinung gebetene Kaiser Wilhelm I. ließ nach Besichtigung einer Fotografie den Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, Carl Becker, wissen, er habe nichts gegen das Bild einzuwenden. Er wolle aber das Urteil den Kunstverständigen und dem Publikum überlassen. Becker telegrafierte dem greisen Monarchen am 29. Juli 1887 nach Bad Gastein, die Jury habe sich erneut einstimmig gegen die Zulassung von „Mors Imperator“ ausgesprochen. Nicht der Stoff an sich und für sich, sondern der künstlerische Ausdruck „eines schiefen Gedankens“ sei der Grund der Ablehnung.
Hermine von Preuschen ließ sich nicht einschüchtern. Sie mietete für ihr „Colossalgemälde“, wie es in Annoncen von damals heißt, in der Leipziger Straße 43 in Berlin einen Raum und lud zur Besichtigung für ein Eintrittsgeld von 50 Pfennigen ein. Das Echo war gewaltig, die Aktion machte die Malerin mit einem Schlag berühmt und ergab für sie zudem noch eine schöne Summe.
Damit war das Thema für die Kunstakademie, nicht aber für die Öffentlichkeit erledigt. Denn jetzt geriet das Bild zum Skandal, und es entbrannte sich ein Streit über die Frage, ob man „so etwas“ malen darf und wie weit die Kunstfreiheit geht. Dass Klima war aufgeheizt, denn jederzeit konnte der greise Kaiser Wilhelm I. sterben. Er kämpfte mit nachlassenden Geistes- und Körperkräften und starb wenige Monate später, am 9. März 1888 in Berlin. Als Kaiser Wilhelm II. nach dem Tod seines Vaters Kaiser Friedrich III. am 15. Juni 1888 an die Macht kam, wurde die Kunstzensur mit dem Ziel verschärft, die Verbreitung von Bildern und Schriften, „welche, ohne unzüchtig zu sein, das Schamgefühl gröblich verletzen“, zu unterbinden. Der Berliner Zuhälter und Zuchthäusler Gotthilf Heinze wurde wider Willen Namensgeber des Gesetzes, das dem Kampf gegen unliebsame Bilder, Skulpturen und literarische Werke Tür und Tor öffnete und einen Sturm der Entrüstung auslöste.
Hermine von Preuschen besaß seit einigen Jahren das Vertrauen der ebenfalls in diesem Metier tätigen Kronprinzessin Viktoria, der Tochter von Queen Victoria von England und Gemahlin des preußischen Kronprinzen Friedrich. Die beiden Damen verstanden sich trotz des immensen Standesunterschieds gut und malten gemeinsam Bilder im Berliner Prinzessinnenpalais. Als aber bekannt wurde, dass Kronprinz Friedrich an Kehlkopfkrebs leidet, entzog Viktoria der wegen „Mors Imperator“ in einen Kunstskandal verwickelten Freundin ihre Huld. Sie tat das sicher auch deshalb, weil ihr Gemahl nach nur 99 Regierungstagen qualvoll an der unheilbaren Krankheit verstorben war.
Unerschrocken legte sich die Malerin mit der fast nur aus Männern bestehenden Künstlerschaft an und forderte, ihre Ignoranz gegenüber Frauen zu überwinden und ihnen die gleichen Chancen wie den Männern zu geben. „Das Genie (ist) so frei, sich nicht ans Geschlecht zu kehren, es fliegt in die Seelen wem und wie es will“, erklärte Hermine von der Preuschen 1896 auf dem Internationalen Frauenkongress in Berlin und forderte, Frauen die Universitäten und Akademien und ganz allgemein Bildung und Kultur zu öffnen. Indem sie ihren Vornamen in Hermione änderte, lehnte sie sich an eine Figur der griechischen Mythologie an, der besondere Schönheit und Tatkraft zugeschrieben wurde. Der in einer Vitrine im Raum vor der Ausstellung ausgelegte Gedichtband „Vom Mondberg. Erlebte Gedichte“ (Zürich 1900) enthält diese handschriftliche Widmung „... so zerrissen mit Irrthum, Gram und Zeit / ein kurzes Leben in die Ewigkeit / durch Thränen spiegelt's, / wie im Prisma wieder / all seinen Farbenglanz in Bild und Lieder“. Die etwas holprigen Zeilen lassen die Enttäuschung der Künstlerin ahnen, die unter mangelnder Anerkennung und auch, weil sie „nur“ eine Frau ist, litt. In ihrer Zeit war sie nicht die einzige, die Ignoranz und Unterschätzung zu spüren bekam.
Das von Berliner Kunstpäpsten abgelehnte Gemälde wurde bis 1905 mehrfach in Ausstellungen gezeigt, bis ein Schweizer Geschäftsmann es kaufte und damit dem Zugriff der kaiserlichen Kunstpolizei entzog. Das Bild, das über ein Jahrhundert als verschollen galt, kam erst 2024 durch Forschungen an der Alten Nationalgalerie wieder ans Tageslicht . Ein Schweizer Privatsammler hat es nach Berlin entliehen, so dass man das Bild ausgiebig betrachten kann, mit dem die Malerin das uralte Vanitas-Motiv auf neue Art aufgriff. Als Schriftstellerin war die einmal unglücklich und zum anderen glücklich, aber durch den Tod ihres Mannes viele zu kurz verheiratete Hermine von Preuschen erfolgreicher als mit ihren Bildern. Indem die Nationalgalerie jetzt ihr berühmtes Bild zeigt, hebt sie die lange unbekannte Malerin quasi in den Himmel der Berliner Avantgarde.
Beim Internationalen Kongress für Frauenrechte 1896 in Berlin beklagte Hermine von Preuschen die schlechten Ausbildungsbedingungen für Künstlerinnen und den Widerstand der Professoren in den Kunstakademien, die in jeder talentierten Künstlerin eine unliebsame Konkurrenz erblickten. Sie wandte sich mit diesen resignierend klingenden Worten an die Versammlung: „Es heißt zwar mulier taceat in ecclesia‘ (Die Frau schweige in der Gemeinde), und ich habe dies Lieblingszitat der Männer bisher beherzigt, d. h. habe lieber gemalt und geschrieben als gesprochen.(....) Ich hatte nämlich noch den naiven Glauben, die Männer seien unparteiisch, und wenn eine Frau wirklich einmal etwas wahrhaft Großes leiste, erkennen sie es bereitwillig an. (...) Im Laufe der Jahre und Erfahrungen bin ich leider von dieser Ansicht zurückgekommen.“ In der von Männern dominierten Welt Kaiser Wilhelms II. an der Spitze war nicht zu erwarten, dass sie solchen Appelle an Vernunft und Empathie folgt. Beispiele zeigen, dass sich mutige Frauen wie Hermine von Preuschen nicht beeindrucken ließen und unerschrocken und mit Erfolg ihren Weg gingen.
27. März 2026