„Gutes wollen, das Beste tun“ - Staatsbibliothek würdigt Berliner Feuilletonisten und Stadtreporter Heinz Knobloch



Heinz Knobloch war das Märchen von der aufstrebenden sozialistischen Metropole (Ost-)Berlin zuwider. Dass er kunstvoll die Diskrepanz früher und heute zwischen Schein und Sein beschrieb, trug ihm die Sympathie seiner Leser ein.



Zu einem öden Parkplatz degradiert wurde in DDR-Zeiten der ehemalige Opernplatz und heutige Bebelplatz in Berlin. Dort haben die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 Bücher jüdischer und anderer „missliebiger“ Autoren verbrannt. Die Bronzetafel an der Alten Bibliothek von 1983 geht auf eine Anregung von Heinz Knobloch zurück.



Der Bau der Gedenkstätte „Unterirdische Bibliothek“ nach Plänen von Micha Ullman gelang erst 1995.



Eine 1983 eingeweihte Gedenktafel ist dem Philosophen Moses Mendelssohn gewidmet und schmückt die Fassade des Jüdischen Gymnasiums in der Großen Hamburger Straße.



Geehrt wird mit einer Tafel an der Fassade der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße auch der Polizeibeamte Wilhelm Krützfeld. Er bewahrte das Gotteshaus vor der Zerstörung beim Pogrom vom 9. November 1938 durch die Nazis. Außerdem warnte er den Besitzer einer Bürstenfabrik in der Rosenthaler Straße, Otto Weidt, vor der Gestapo, die nach Juden fahndete. Das rette einigen das Leben. Es dauerte lange, sehr lange, bis die lebensgefährlichen Taten dieser „stillen Helfer“ anerkannt wurden. Heinz Knobloch widmete dem „beherzten Reviervorsteher“ 1989 ein Buch mit dem Untertitel „Ungewöhnliche Zivilcourage am Hackeschen Markt“.



Der Schriftsteller Christoph Hein und der Schauspieler Jan Josef Liefers forderten bei der Großdemonstration am 4. November 1989, fünf Tage vor dem Fall der Mauer, auf dem Alexanderplatz das Ende der Zensur und die Freiheit der Kunst.



Auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee, und nicht nur dort, kann man auf Grabsteinen schöne Sprüche lesen und möchte nur hoffen, dass die gereimten Nachrufe auch der Wahrheit entsprechen. Von den Nationalsozialisten geschändete Thorarollen wurden, als wären es Menschen, im vorderen Teil des Friedhofs beigesetzt.

Das 1926 von Ludwig Mies van der Rohe entworfene Revolutionsdenkmal wurde 1935 von den Nazis zerstört und abgetragen. Die Gedenkstätte von 1983 ist kein Ersatz.

Fotos/Repros: Caspar

Das Kulturwerk der Staatsbibliothek
würdigt Unter den Linden 8 bis zum 27. September 2026 in einer kleinen Sonderausstellung zu seinem einhundertsten Geburtstag den Feuilletonisten Heinz Knobloch (1926-2003). Ausgelegt sind Beispiele aus seinem umfangreichen Nachlass im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin. Ehrenamtlicher Kurator ist Helmut Mehnert, der an der Erschließung dieses Fundus arbeitet und zugleich die Webseite Heinz Knobloch betreut. In 40 Jahren verfasste der Journalist und Buchautor mehr als 1600 Feuilletons und kultivierte mit ihnen die „Kleine Form“ vor allem in der viel gelesenen, jedoch in der DDR schwer erhältlichen „Wochenpost“. Unter den Zensurbedingungen der DDR gelang es ihm, gesellschaftliche Missstände und die Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Arbeiter-und-Bauern-Staat quasi zwischen den Zeilen zu thematisieren, ohne aber das SED-Regime selbst infrage zu stellen. „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun“ war das Lebensmotto von Moses Mendelssohn, dem der unermüdlich wandernde, beobachtende, schreibende und streitende Heinz Knobloch viele seiner Feuilletons und ein mehrfach neu aufgelegten Buch widmete. Das 200 Jahre alte Bekenntnis mochten auch der Antrieb und Motor im Schaffen von Heinz Knobloch gewesen sein und ist – dies sei in aller Bescheidenheit gesagt - für den Verfasser dieser Zeilen Verpflichtung.

Sind Bücher keine Opfer?
Knoblauch fragt in seinem Buch über Moses Mendelssohn „Sind Bücher keine Opfer? Heute heißt dieses Stück Innenstadt ,Bebelplatz' und ist ein von keinem Denkstein angefochtener Parkplatz. Auf diesem Platz hat im unseligen Jahr 1933 die Bücherverbrennung stattgefunden. Wenn davon wenigstens eine Tafel sprechen würde auf diesem Parkplatz der Gedankenlosigkeit. Sie muss aber so beschaffen sein, dass keine Kränze niedergelegt, sondern Gedanken davon getragen werden können. Und das geht in Berlin.“
Der schriftstellerische Durchbruch gelang Knobloch mit dem Buch „Herr Moses in Berlin“, das 1979 erschien und sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik Beachtung fand. Seine lebendigen Porträts mutiger Persönlichkeiten, so wird in der Ausstellung unterstrichen, sind sorgfältig recherchiert und bieten Lesern auch heute Impulse für Spaziergänge und Reisen zu vergessenen, oft als Rasenfläche oder Park getarnten Orten. Sechs von Knobloch initiierte Gedenktafeln in Berlin, die auf einer großen Karte angezeigt sind, zeugen von seiner erfolgreichen Erinnerungsarbeit. Ohne diese Tafeln wäre vieles aus der Geschichte der Stadt und ihrer Einwohner weitgehend vergessen.

Misstraut den Grünanlagen
Die Sonderschau des vor einigen Jahren eröffneten Bibliotheksmuseums, auch Kulturwerk genannt, besteht aus einer großen Vitrine, in der Fotografien, Notizbücher, Plakate, Bücher, Zeitungsausschnitte und andere Hinterlassenschaften gezeigt werden. Die Hommage an Heinz Knobloch verdiente es, im Eingangsbereich der Staatsbibliothek besonders angekündigt zu werden. Erst beim zweiten Anlauf und Nachfrage beim Aufsichtspersonal ist es mir gelungen, sie im abgedunkelten Raum des Kulturwerkes zu finden, aber es hat sich gelohnt.
Der Ostberliner Obrigkeit dürften Heinz Knoblochs zeitkritische Bemerkungen kaum gefallen haben, aber sie ließ den Druck in DDR-Zeitungen und Büchern zu. So ist am Anfang des Buches „Moses Mendelssohn in Berlin“ von 1979 die Aufforderung zu lesen „Misstraut den Grünanlagen. Beginnt es mit einem zufälligen Blick beim Spazierengehen im zerbröckelnden alten Berlin? Eine Häuserlücke, davon gibt es viele, als Rasenfläche getarnt, auch das haben wir mehrfach; und zugleich offenbart sie sich durch einen Denkstein, das ist selten.“
Heinz Knobloch lädt seine Leser in den alten Jüdischen Friedhof an der Großen Hamburger Straße ein, auf dem auch Moses Mendelssohn bestattet ist. Er geht auf die Zensur in Preußen unter König Friedrich II. ein und zitiert den Philosophen mit den Worten „Zensur ist somit nichts anderes als die notwendige Duldung der Unwahrheit und des Vorurteils.“ Wie eine Weisung der SED an die Zensurbehörden der DDR und an die in Unmündigkeit gehaltenen DDR-Bewohner liest sich der Befehl des Monarchen „Eine Privatperson ist nicht berechtigt, über Handlungen, das Verfahren, die Gesetze, Maßregeln und Anordnungen der Souveräne und Höfe, ihrer Staatsbedienten, Kollegien und Gerichtshöfe zu öffentliche, sogar tadelnde Urteile zu fällen oder davon Nachrichten, die ihr zukommen, bekannt zu machen oder durch Druck zu verbreiten. Eine Privatperson ist auch zu deren Beurteilung gar nicht fähig, da es ihr an der vollständigen Kenntnis der Umstände und Motive fehlt.“

Zensur damals und heute
Die von Heinz Knobloch in seinem Text über das 18. Jahrhundert und die Aufklärung in der Zeit Friedrichs II. von Preußen vorgetragene Kritik an der Zensur war in der Endzeit der DDR ein großes Thema. Auf dem X. Schriftstellerkongress im November 1987 in Berlin sprach Christoph Hein aus, was viele dachten und am eigenen Leib erlebten. „Das Genehmigungsverfahren, die staatliche Aufsicht, kürzer und nicht weniger klar gesagt: die Zensur der Verlage und Bücher, der Verleger und Autoren ist überlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar“. Sie sei nutzlos, denn sie könne Literatur nicht verhindern, allenfalls ihre Verbreitung verzögern. „Wir haben es wiederholt erlebt, dass nicht genehmigte Bücher Jahre später die Genehmigung erhalten mussten. Und daher wissen wir alle, dass Bücher, die uns heute noch nicht zugänglich sind, etwa einige der Bücher von Stefan Heym oder die von Monika Maron, in DDR-Verlagen erscheinen werden. (…) Unser Land hat in den letzten zehn Jahren viele Schriftsteller verloren, unersetzliche Leute, deren Werke uns fehlen, deren Zuspruch und Widerspruch uns bekömmlich und hilfreich war. (…) Und der Autor, dem es nicht gelingt, aus seiner Arbeit die ihr folgende Zensur herauszuhalten, wird gegen seinen Willen und schon während des Schreibens ihr Opfer: Er wird Selbstzensur üben und den Text verraten oder gegen die Zensur anschreiben und auch dann Verrat an dem Text begehen, da er seine Wahrheit unwillentlich und möglicherweise unwissentlich polemisch verändert.“ Seine mutige Anklage fasste Christoph Hein so zusammen: „Das Genehmigungsverfahren, die Zensur, muss schnellstens und ersatzlos verschwinden, um weiteren Schaden von unserer Kulturpolitik abzuwenden, um nicht unsere Öffentlichkeit und unsere Würde, unsere Gesellschaft und unseren Staat weiter zu schädigen.“

Ruppiger Umgang mit dem Kulturerbe
Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann lehnte die Zensurdebatte ab und erklärte, das Genehmigungsverfahren werde nicht verändert oder zeitlich verkürzt. Es sei nicht vorgesehen, die vorgeschlagenen Änderungen im Druckgenehmigungsverfahren beim Schriftstellerverband, Verlagen bzw. anderen gesellschaftlichen oder staatlichen Institutionen zur Diskussion zu stellen noch sie nach erfolgter Bestätigung im Gesetzblatt zu veröffentlichen. Das Ende des SED-Regimes bedeutete das Ende der Gängelung der Schriftsteller, Künstler und Journalisten. Auch Heinz Knobloch konnte sich besser als je zuvor entfalten und erreichte, wie auch die Ausstellung in der Staatsbibliothek zeigt, mit seinen Büchern und Feuilletons neue Freunde und Leser. In der DDR konnten sich Partei und Ämter brüsten, dass ein nicht ganz „linientreuer“ und auch im Westen angesehener Autor publizieren darf. Nur war es für den DDR-Normalbürger schwer bis unmöglich, diese Literatur zu bekommen. Man brauchte gute Beziehungen zu einem guten Buchladen, der sie unterm Ladentisch bereit hielt. Die Handbibliothek des Ministeriums für Staatssicherheit dürfte mit dem Bezug auch solcher Literatur kein Problem gehabt haben.
Am Ende seines Buches über die Berliner Grabsteine wandert Heinz Knobloch über den Zentralfriedhof Friedrichsfelde, der auch wegen der dort bestatteten Vertreter der deutschen Linken Friedhof der Sozialisten genannt wurde und stets im Januar Ziel einer Massendemonstration zum Gedenken an die Anfang 1919 ermordeten Gründer der Kommunistischen Partei Deutschlands, Karl Liebknecht und Roda Luxemburg, war und weiterhin ist. Zahlreiche Politiker, Künstler, Wissenschaftler und Schriftsteller fanden hier ab 1880 ihre letzte Ruhe. Unter ihnen war auch der Schriftstellern Julius Rodenberg. Geschichtsvergessen wie die DDR bei bestimmten Personen und Ereignissen trotz gegenseitiger Behauptung war, so hält Knobloch fest, hätten es die Behörden zugelassen, dass die Grabsteine für ihn und Ernst Friedel, den Gründer des Märkischen Museums und auch dieses überkonfessionellen Friedhofs, beseitigt wurden. Pflege des Kulturerbes, wo es opportun war, stand dem ruppigen Umgang mit ihm gegenüber, und diesen Gegensatz kann man auch an vielen anderen Beispielen quer durch die DDR sehen.

Parcours durch die Geschichte
Heinz Knobloch berichtet, dass 1983 weit hinten an der Stelle des zerstörten Denkmals von 1926 für die Toten der Novemberrevolution von 1918 und der Kämpfe danach ein Erinnerungsmal mit der Miniatur des Originalgrabmals von Mies van der Rohe errichtet wurde. Die Frage sei doch, warum man das nicht 1951 getan hat, als vorn am Eingang die Gedenkstätte der Sozialisten mit Fußbodenheizung für die Genossen vom Politbüro eingerichtet wurde. „Warum nicht? Damals lebte Stalin noch. Und warum erst 1983? Es sei vermutet, bis dahin oder noch später hätte das auch auf dem Gebiet der Kunst verklemmte Sowjet-Moskau um Erlaubnis befragt werden müssen.“ Wahrscheinlich habe das in Berlin keiner gewagt, denn das „Bauhaus“ galt lange Zeit als formalistisch, dekadent und unsozialistisch. Der Blick auf diese Kunstepoche nach dem Ersten Weltkrieg ist heute unverstellt, und so rät Knobloch Besuchern, sie sollten sich den Anblick dieser entlegenen Stelle nicht entgehen lassen. Mit seinen Büchern in der Hand lässt sich ein Parcours durch die Geschichte der Stadt gut bewältigen, und auch die Ausstellung im Kulturwerk der Staatsbibliothek Unter den Linden 8 leistet dafür gute Dienste.

26. Mai 2026