Kunst – Macht – Politik - Preußische Schlösserstiftung hat sich für 2026 viel vorgenommen

Das westlich von Berlin idyllisch gelegene Schloss Paretz war für König Friedrich Wilhelm III. und seine Familie ein Refugium, wo sie sich ohne Beachtung der höfischen Etikette erholen konnten.

Friedrich Wilhelm III. und Zar Alexander I. von Russland schwören 1805 am Sarg Friedrichs des Großen in der Potsdamer Garnisonkirche im Beisein der Königin Luise einander ewige Freundschaft.

Auf dem Grenzfluss Njemen tauschen Napoleon I. und Alexander I. 1805 Freundschaftsküsse aus, fünf Jahre fiel der Franzose in das eisige Russland ein und musste sich geschlagen geben.

Für Preußen begann 1806 eine Zeit sowohl der Niederlage als auch des Neubeginns. Luises „Opfergang“ 1807 in Tilsit führte zu keinem Ergebnis. Die Argumente der Königin von Preußen, die Napoleon nach eigenen Worten als „eine reizende Frau“ erlebte, zogen nicht.

Die borussische Geschichtsschreibung stilisierte die Königin als Vorkämpferin der Befreiungskriege, die sie nicht mehr erleben konnte, da sie 1810 gestorben war.

Unverkennbar trägt der Genius Luises Gesichtszüge. Vom Kreuzbergdenkmal schaut die Königin von Preußen hoheitsvoll auf die Besuche herab.
Fotos: Caspar
Mit dem Themenjahr „Kunst - Politik“ blickt die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg 2026 auf das Verhältnis von Kunst, Macht und politischer Inszenierung. Drei zentrale Vorhaben prägen das Programm: die erweiterte Dauerausstellung „Kunst – Menschen – Macht“ im Berliner Schloss Schönhausen, die Sonderpräsentation „Ungeheuer trifft Papagei. Napoleon Bonaparte und Königin Luise in Tilsit 1807“ im Schloss Paretz sowie „H300“, mit dem der 300. Geburtstag des Prinz Heinrich von Preußen in seiner Residenz Rheinsberg und Umgebung begangen wird. Ergänzt werden diese Schwerpunkte durch zahlreiche Veranstaltungen in den Schlössern und Gärten der Stiftung. Bei Führungen, Gesprächen und andere Angebote werden unterschiedliche Aspekte des Themenjahres aufgegriffen.Dazu gehören Fragen „Wie stellten sich preußische Herrscherinnen und Herrscher in Porträts, Gartenanlagen oder Festinszenierungen dar? Welche Geschichten wurden bewusst erzählt – und welche blieben im Verborgenen? Was geschieht, wenn politische Macht darüber entscheidet, was als Kunst gilt und was nicht?“
„Ungeheuer trifft Papagei“
Das von ihrer Familie bewohnte Schloss Paretz ist ein geeigneter Ort, um mit Bildern und Dokumenten zu zeigen, wie die Gemahlin des im Oktober 1806 in der Schlacht von Jena und Auerstedt besiegten Königs Friedrich Wilhelm III. ins „Rennen“ geschickt wurde, um den Sieger bei den Friedensverhandlungen milde zu stimmen. Dass die Ausstellung den Titel „Ungeheuer trifft Papagei“ verwundert. Es geht um wahre Begebenheiten und Legenden rund um das Treffen des französischen Kaisers Napoleon I. mit Luise im Sommer 1807 in Tilsit. Sie und ihresgleichen hassten das „korsische Ungeheuer“ zutiefst. Dass sie ihm mit Wissen ihres Mannes schöne Augen machen sollte, muss sie als ungeheuerlich Zumutung empfunden und in ihrem Stolz gekränkt haben. Napoleon I. und Zar Alexander I. von Russland sprachen in Tilsit über Preußen, aber nicht mit Preußen, dessen König Friedrich Wilhelm III. im Vorzimmer warten musste.
Deshalb wurde Luise wurde von ihm und dem Staatsminister Karl-August von Hardenberg zu Europas mächtigstem Mann geschickt, um milde Friedensbedingungen zu erbitten. Das Zusammentreffen von Kaiser und Königin war politisch bedeutungslos. Napoleon gestand nichts zu und befand, Luise sei nur „Hardenbergs Papagei“.
Stolzer Opfergang der Königin
Die borussische Geschichtsschreibung hat später aus dem Treffen eine herzerwärmende Heldengeschichte und „stolzen Opfergang“ der Königin gemacht, um das Scheitern ihrer Mission vergessen zu machen und sie als unerschrockene Landesmutter zu stilisieren. Die Begegnungen unter vier Augen beziehungsweise im Beisein des preußischen Königs, des russischen Zaren und weiterer Persönlichkeiten waren eine große Herausforderung sowohl für Luise als auch für Napoleon. Dem Franzosen waren die verächtlichen Urteile der Königin über ihn bekannt, und er wusste auch, dass er in ihren Augen nichts als ein skrupelloser Emporkömmling, ein Ungeheuer und Menschenschlächter ist, weshalb sie ihn und seine Sippschaft am liebsten zum Teufel geschickt hätte. Luise ärgerten zudem ehrenrührige Gerüchte, die Napoleon über eine angebliche Liebesbeziehung zwischen ihr und Zar Alexander von Russland ausgestreut hatte.
Obwohl Luise als Bittstellerin erschien, beachtete der Kaiser der Franzosen die Etikette und tauschte mit ihr Artigkeiten aus. Mit einer Frau, und dann noch mit einer so schönen, sich über Politik unterhalten zu müssen, war ihm unangenehm, und so tat er alles, das Gespräch auf belanglose Themen, auf Mode und Hofklatsch zu lenken. Luise ließ nicht locker, bat und flehte, die Halbierung Preußens abzumildern und ihrem Gatten mehr Land und Leute zu lassen als von Napoleon beabsichtigt war. „Sire, sind wir hierher gekommen, um von nichtigen Dingen zu reden? Wir haben einen unglücklichen Krieg geführt, Sie sind der Sieger, aber soll ich annehmen, dass Sie Ihren Sieg missbrauchen wollen?“, fragte Luise mit Tränen in den Augen und räumte ein, dass Preußen Opfer bringen müsse. „Aber trenne man von Preußen nicht Provinzen, die ihm seit Jahrhunderten gehören, wenigstens nehme man uns nicht Untertanen, die wir wie Lieblingskinder lieben. [...] Wenn Sie uns das Land links der Elbe nehmen, wenn Sie uns Magdeburg nehmen, so ist das kein Opfer mehr, sondern der Untergang“.
Kämpferin für Preußens Glanz und Gloria
Äußerlich konziliant und charmant, blieb der Kaiser in der Sache hart. Jetzt müssten die Preußen die Suppe auslöffeln, die sie sich in ihrer grenzenlosen Überheblichkeit eingebrockt hatten. Niemand habe Friedrich Wilhelm III. gezwungen, einen Krieg mit Frankreich zu beginnen, betonte Napoleon, und auch dass der König von Preußen nach der Niederlage von Jena und Auerstedt nicht die Waffen gestreckt und französische Friedensangebote angenommen habe, sei ein großer Fehler gewesen. Napoleons Entschluss „So muss ich es Preußen unmöglich machen, je etwas gegen die Interessen Frankreichs zu unternehmen“ stand fest und wurde auch nicht durch die schöne Luise umgestoßen. Luises Mission war ein Fehlschlag. Er kratze an ihrer Würde, wurde aber später in der borussischen Geschichtsschreibung als notwendiger Leistung einer mutigen Landesmutter hochstilisiert.
Dass man die stolze Königin mit Zustimmung ihres Gemahls instrumentalisierte, unterstreicht Unbedarftheit am preußischen Hof hinsichtlich der Möglichkeit, den Kaiser der Franzosen durch Hinweise auf die Historie und Einsatz von weiblichem Charme und feuchten Augen zu beeindrucken. Napoleon war eben nicht der „alte Bekannte“, mit dem man im quasi familiären Ton über Schicksalsfragen plaudern konnte, sondern ein beinharter Kriegsgegner, der seine Trumpfkarten ausspielte und sich auf seinem Weg an die Spitze Europas nicht hindern ließ. Luise konnte nicht erleben, wie sich Preußen in den Befreiungskriegen von1813 bis 1815 seiner französischen Besatzer entledigte und wieder zu alter Größe und noch viel mehr gelangte. Mit nur 34 Jahren starb sie, von ihrem Gatten, den Kindern und allen Untertanen tief betrauert, am 19. Juli 1810 an den Folgen einer Lungenentzündung in Hohenzieritz bei Neustrelitz. Die Geschichtsschreibung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowie Romane, Gemälde und Filme sorgte dafür, dass sie als unerschrockene Kämpferin für Preußens Glanz und Gloria Erinnerung blieb. Die Ausstellung im Schloss Paretz wird ohne Sentimentalität zeigen, was daran Wahrheit und was Mythos und Kitsch ist.
19. März 2026