Was wussten die Deutschen? - Ausstellung in der Topographie des Terrors belegt, dass die Massenmorde der Nazis bekannt waren

Die bis 31. Januar 2027 in der Topographie des Terrors laufende Sonderausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“ gibt erschreckende Antworten und zeigt, wie Schuld und Mitschuld systematisch verdrängt wurden.

Nachdem das Land der Dichter und Denker zum Land der Richter und Henker geworden war, standen der Willkür alle Tore offen. Millionen Menschen unterlagen der massiven Hetze gegen das „internationale Judentum“, und manche blieben bis weit in unsere Tage bei ihrer Meinung.

Mit dem Boykott und der Zerstörung jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 begann die Ausgrenzung und Unterjochung der „Volksfremde“ genannten Juden im Deutschen Reich. Über mehrere Etappen vollzog sich der als „Endlösung der Judenfrage“ bezeichnete Holocaust im Zweiten Weltkrieg. Endlich würden die Juden richtig arbeiten lernen, lautete die Botschaft in der Nazipresse.

Dass am 9. November 1938 zahlreiche Synagogen und andere jüdische Einrichtungen zerstört wurden, wurde von vielen Deutschen beifällig registriert und - wie hier – in einem Familienalbum dokumentiert.

Sage niemand, er habe nichts gewusst, nichts von der Hetze gegen die Juden und der „Abführung“ in den sicheren Tod. Sie erfolgte unter den Augen zahlreicher Mitbewohner.

Wie die „Entnazifizierungsmaschine“ funktioniert, zeigt dies Karikatur aus der Zeit nach 1945.
Fotos/Repros: Caspar
„Mein Kampf verbrannt – Hitler nicht gekannt“ war eine nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der Nazidiktatur weit verbreitete Antwort auf die Frage, wer denn für den Terror und die Kriegsverbrechen, die Massenmorde an Juden, Sinti und Roma, an Kranken und Schwachen, an politischen Gegnern des Systems und an anderen nicht in das ideologische und rassistische Konzept der Nazis passende Menschen verantwortlich war. Dass die Verbrechen nicht unbekannt waren, belegt eine neue Sonderausstellung der Topographie des Terrors in Berlin. Ehemalige Täter von damals wiesen nach 1945 jede Schuld am Holocaust und den anderen Verbrechen von sich, und wenn es zu Gerichtsverfahren kam, dann verwiesen die Angeklagten auf Befehlsnotstände und die damalige Rechtslage, aber auch auf Angst vor Repressalien gegen sich und ihre Familien. Aktive Teilnahme an Erschießungen und der Ermordung der Gefangenen in den Gaskammern, aber auch durch Hunger und Sklavenarbeit räumte kaum jemand ein. Und wenn die Sprache auf sie kam, dann war es auch üblich, die Massenmorde mit denen unter Stalin zu vergleichen und so zu relativieren. Namhafte Historiker und Journalisten taten dies und lösten in den 1970er Jahren einen heftigen Streit aus.
„Ausrottung der jüdische Rasse“
Selbstverständlich wussten Millionen von den Verbrechen unter Hitler. Aber was in den eroberten Ostgebieten vor sich geht und wie konkret die Massenmorde erfolgten, dürften nur die unmittelbar beteiligten Soldaten, Polizisten, Ärzte, Juristen und anderen Befehlsgeber und Befehlsempfänger gewusst haben. Wie aus der Ausstellung hervorgeht, hat das Naziregime die „Volksgenossen“ ganz bewusst zu Mittätern und Mitwissern gemacht. In Hitlers Reden und Verlautbarungen seiner Helfer war unverblümt von der „Ausrottung der jüdische Rasse“ die Rede. Juden wurde die Schuld am Krieg zugeschoben. Sie zu vernichten, war oberstes Staatsziel und wurde den Menschen tagtäglich eingehämmert. Viele dachten und handelten so und argumentierten nach 1945, dass kein Unrecht sein kann, was bisher als Recht galt. Mit dieser Begründung begegneten Juristen und andere Helfer des Regime dem Vorwurf, an Rechtsbeugung und Terrorurteilen beteiligt gewesen zu sein. „Schwamm drüber und die Augen zu“ war die Parole.
Entnazifizierung hüben und drüben
Und so war es im deutschen Westen schwer, Gerichtsverfahren anzustrengen und zu angemessenen Urteilen zu gelangen. Dass dort Millionen Täter im Rahmen der so genannten Spruchkammerverfahren mit einem „Persilschein“ freigesprochen oder „nur“ als Mitläufer eingestuft wurden, stellt der westdeutschen Nachkriegsordnung ein schlechtes Zeugnis aus. Ebenso dass schwer Belastete hohe und höchste Personen in der Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft einnehmen konnten, erwies sich als großer Fehler. Bundeskanzler Konrad Adenauer, der den Nazijuristen Hans Globke als Staatssekretär beschäftigte, wird der Ausspruch nachgesagt „Man schüttet kein dreckiges Wasser weg,solange man kein sauberes hat“.
Wie die so genannte Entnazifizierung in der DDR verlief, wird in der Ausstellung kaum geschildert. Hier wurde vor allem der antifaschistische Kampf und der Blutzoll der Kommunisten im Untergrund und allenfalls der der Sozialdemokraten und Gewerkschafter thematisiert. Was den Juden und anderen „Volksfremden“ angetan wurde, spielte in der SED-Propaganda und Geschichtsschreibung eine untergeordnete Rolle. Selbstverständlich wurden markante Naziverbrecher, sofern sie sich nicht in den „rettenden Westen“ abgesetzt hatten, vor Gericht gestellt und verurteilt. Als der in Auschwitz tätige KZ-Arzt Horst Fischer enttarnt wurde, hat man ihn vor Gericht gestellt und 1966 hingerichtet. Das wurde von der Propaganda als gerechte Sühne begrüßt und der Milde der Justiz im Westen gegenüber gestellt. An Verbrechen beteiligte Personen konnten im Westen eine zweite, oft sehr einträgliche Karriere als Politiker, Richter, Ärzte, Journalisten, Filmemacher und in anderen Berufen antreten.
Viele Menschen sahen zu und weg
Die Ausstellung zeigt Zeitungsausschnitte und Redetexte, die unmissverständlich klarmachen, dass die Juden auszumerzen seien. Auf Plakaten und Propagandaschriften wurde gewarnt, dass der Feind mithört und alles zu unterlassen ist, gut gehütete Geheimnisse an andere weiterzugeben, also auch Nachrichten über die Massenmorde. Man kann davon ausgehen, dass sich die Leute bei Eisenbahnfahrten und zuhause über Maßnahmen des Regimes und das Kriegsgeschehen ausgetauscht haben und auch erwähnt haben, dass sich die Leute austauschten. Viele sahen zu und weg, manche applaudierten manchmal, wenn Juden und andere „Fremdvölkische“ abgeholt und nach dem Osten „abgeschoben“ wurden. Dafür gab es Tarnbegriffe wie Osttransporte, Verschickung, Entjudung, Judenfrei machen. Der Besitz der deportierten Juden wurde zugunsten der Staatskasse versteigert, und manch ein „Volksgenosse“ hat sich billig seine Wohnung neu eingerichtet oder wurde durch so genannte Arisierung jüdischer Betriebe reich.
Die Rückabwicklung der Raubaktionen nach dem Krieg gelang nicht immer. Erst heute bequemen sich öffentliche Museen und private Sammler, unrechtmäßig zu ihnen gelangte Kunstwerke an die Erben der enteigneten Besitzer zurückzugeben oder sie angemessen zu entschädigen. Das gilt auch für Immobilien und Grundstücke, um die nach dem Ende der Nazidiktatur in gerichtlichen Auseinandersetzungen gestritten wurde. Eine Ausstellung der Stiftung Stadtmuseum Berlin im Ephraimpalais zeigte, dass es da um Millionenwerte ging, die vom Staat, konkret von der DDR und dem West-Berliner Senat, mit fadenscheinigen Begründungen einbehalten wurden.
Mutige Menschen riskierten Kopf und Kragen
Die Topographie des Terrors dokumentiert, dass es mutige Menschen gab, die Juden bei sich aufnahmen und dabei Kopf und Kragen riskierten. Manche haben heimlich Tagebücher geführt, in denen der Naziterror beschrieben und offizielle Verlautbarungen des Regimes kritisch kommentiert werden. Viktor Klemperers Buch „Lingua Tertii Imperii“ und Anne Franks Tagebuch sind bekannte Beispiele, wie aufmerksam die Verbrechen für die „Zeit danach“ registriert wurden. Es gehört zu den optimistisch stimmenden Momenten in dieser ergreifenden Ausstellung, dass es im Dunkeln jener zwölf Jahre auch lichte Momente gab, etwa als sich die Kirchen der Entmenschlichung entgegen stellten und Geistliche schlimmer Verfolgung ausgesetzt waren. Es dauerte lange, bis auch diese Seite aus der Geschichte des Nationalsozialismus entdeckt und gewürdigt wurde. In der DDR spielte sie nur am Rande eine Rolle. - Der Verfasser dieser Internetseite hat davon, obwohl an der Geschichte des so genannten Dritten Reichs interessiert, erst spät, aber nicht zu spät erfahren und fühlt sich im Rahmen seiner Möglichkeiten auch an dieser Stelle zur Aufklärung verpflichtet.
28. April 2026