„Im Rhythmus der Großstadt“ - Staatsbibliothek Berlin würdigt in neuer Ausstellung hundert Jahre Fotografie und Presse



Was damals schnell gelesen wurde und bestenfalls zum Einwickeln von Wurst und Fischen taugte, wird heute als historische, aber auch kritisch zu befragende Quelle genutzt. In den besten Zeiten des historischen Zeitungsviertels erschienen bis zu 147 Tageszeitungen.



Mit einem Blick in die Zeitung begann auch für diese Straßenfeger der Alltag. Man wollte ja wissen,
was in der Stadt los ist.



Die Ausstellung zeigt, wie waghalsige Positionen eingenommen wurden, um die Stadt
aus ungewöhnlicher Perspektive abzulichten.



Ruhiger und weniger gefährlich ging es bei Prominenten wie 1927 bei dem Physiknobelpreisträger von 1922,
Albert Einstein, zu, den man auch als Geigenspieler kennen lernt.



Fotoreporter waren nach dem Krieg dabei, als so genannte Trümmerfrauen Ziegelsteine aus Ruinen klaubten
und für Neubauten putzten.



Nur vom Westen war es möglich, die Mauer zu fotografieren; den Menschen aus dem Osten war das strikt verboten.
Davon hier ein seltenes Foto.



Bei der Massendemonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz erscholl auch der Ruf nach Presse-
und Meinungsfreiheit.

Fotos/Repro: Caspar

In Berlin wurden vor und nach 1900
unzählige Zeitungen und Zeitschriften gedruckt. Drei große Konzerne – Ullstein, Mosse und Scherl - buhlten mit mehr oder weniger seriösen Blättern um die Gunst der Leser. Überall versuchten Zeitungsverkäufer, sie mit viel Geschrei an den Mann und die Frau zu bringen. Je reißerischer die Überschrift, um so besser lief der Verkauf. Auf einer Zeichnung lässt Heinrich Zille einen Mann mit einem Packen Zeitungen zu seiner Kollegin sagen. „Müller'n, heite wird’s en Jeschäft! Acht Prozesse, drei Morde, zwee Bankjehs, zwee Sitte, Spione und Attentate, zwee Flieger gestürzt, een Luftschiff verloofen.“
Die Verlage, Redaktionen und Druckereien bedeutender Zeitungen, Zeitschriften und was sich sonstwas für wenige Pfennige und Groschen verkaufen ließ, waren an der Berliner Kochstraße und umliegenden Straßen im südlichen Teil der Friedrichstadt konzentriert. An der Charlotten-/Ecke Zimmerstraße etablierte sich das Wolffsche Telegraphen-Büro; in seiner Nähe richtete sich der Verleger Leopold Ullstein ein. 1881 bezog er das Haus Kochstraße 23, wo das Neue Berliner Tageblatt sowie die Berliner Zeitung, Berliner Abendpost, Berliner Morgenpost, B. Z. am Mittag und weitere Blätter erschienen. Auch die seinerzeit sehr mächtigen Zeitungsverleger Rudolf Mosse und August Scherl fanden an der Gegend nicht weit vom kaiserlichen Schloss und den Reichsministerien Gefallen.

Zeitungsverwöhntestes Volk der Welt
Berlin stieg um 1900 zu einer wichtigen Zeitungsmetropole auf. Scherl nannte die Einwohner das zeitungsversessenste und zeitungsverwöhnteste Volk der Welt, ist in der neuen Ausstellung „Im Rhythmus der Großstadt. 100 Jahre Fotografie & Presse“ zu erfahren, die das Kulturwerk in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Unter den Linden 8 in Berlin bis zum 31. Dezember 2026 zeigt. In der Kaiserzeit und der Weimarer Republik entwickelte sich die Hauptstadt des Deutschen Reichs zu einer der weltweit führenden mit Medienmetropolen. In ihrer Blütezeit erschienen hier bis 147 Tageszeitungen, und manche sogar zweimal täglich. Sie wurden zu Bühnen und Motoren gesellschaftlicher wie politischer Diskurse und spiegelten in Wort und Bild die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie heizten, für bestimmte Richtungen Partei ergreifend, die Stimmungen an. Zeitungen des rechten und des linken Randes untergruben die demokratische Ordnung und halfen mit, das „Weimarer System“, wie die Nazis sagten, zu schwächen und reif für die Errichtung der Hitlerdiktatur zu machen.
Zeitungen beobachteten und kommentierten die Strömungen der Zeit und bedienten die Neugier und Sensationslust des Lesepublikums. Heute sind diese damals zum alsbaldigen Verbrauch bestimmten und oft zum Einwickeln von Heringen, Wurst und Gemüse genutzten Blätter als wichtige Quellen und Chroniken bei der Erforschung von politischen und gesellschaftlichen Ereignissen jenseits von gelehrten Abhandlungen, regierungsamtlichen Verlautbarungen und anderen Dokumenten anerkannt.

Breites Themenspektrum
Zunehmend wurde vor der faschistischen Gefahr beziehungsweise vor der Errichtung eines „Sowjetdeutschlands“ gewarnt. Leider blendet die Ausstellung aus, was sich nach der so genannten Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in der „gleichgeschalteten“ Presselandschaft abspielte. Das Thema Propaganda und Krieg wäre eine weitere Schau wert. Sie würde zeigen, wie Verleger, Journalisten und Fotografen, die nicht den rassistischen und politischen Vorstellungen von Hitler, Göring und Goebbels entsprachen, Arbeit und Brot und oft Freiheit und Leben verloren und wie die „Volksgenossen“ manipuliert wurden und sich verblenden ließen.
Der Aufschwung war eng mit Nachrichten-und Bildagenturen, Pressehäusern und dem stark entwickelten Druckgewerbe verbunden. Ereignisse und Gestalten sorgten für stetigen Informationsfluss. Mord und Totschlag, Katastrophen aller Art, das Leben der Reichen und Schönen und alles, was mit Mode zu tun hat, ferner kulturelle und sportliche Ereignisse, Expeditionen in ferne Länder, Entdeckungen und Erfindungen füllten die Zeitungsspalten. Hinzu kamen große und kleine Skandale und die Redeschlachten in den Parlamenten wurden mehr oder weniger gut kolportiert. „So wurde die Stadt zum Resonanzraum ihrer Zeit, und die Presse zu ihrem kraftvollen Echo“, heißt es auf einer Bild-Text-Tafel.
Gleich eingangs kann man bekannten Pressefotografen in die Augen schauen, und man erfährt, welche Apparate und Materialien sie gebrauchten. Stets hatten sie mehrere Kameras und Filme dabei, die auf kürzestem Weg ins Labor gebracht und entwickelt und zur Abgabe an die Redaktion vorbereitet wurden. Zahlreiche Pressefotografen waren zur Stelle, wo irgendwo etwas Sensationelles passierte und von dem die Redaktionen meinten, es könne die Leser interessieren.

Presselandschaft in der geteilten Stadt
Die Presse hat alle wichtigen und auch oft auch unwichtigen Ereignisse erfasst, kommentiert und für die Nachwelt erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Wiederaufbau in der geteilten Stadt im Mittelpunkt der Berichterstattung. Gegenübergestellt wird in einer Vitrine das Leben auf der Stalinallee, der späteren Karl-Marx-Allee im Ostteil, und auf dem Kurfürstendamm in West-Berlin, wo die Reichen und die Schönen von der Sensationspresse belagert wurden. Dass es dort in den 1960er Jahren schwere Unruhen gab und sich junge Leute mit der Polizei Straßenschlachten lieferten, bekam man nach dem Bau der Mauer vor nunmehr 65 Jahren im Ostteil kaum mit. Die Ausstellung ruft wichtige Sportereignisse ins Gedächtnis und zeigt auch, dass der so genannte antifaschistische Schutzwall, also die Mauer, in der DDR nahezu unsichtbar war, denn es gab ein strenges Fotografierverbot. Fluchtversuche und die Grenzsicherungsanlagen kamen in der DDR-Presse nicht vor, im Westen wurden sie hingegen breit dokumentiert.
Der Ausstellungstitel ist nicht ganz korrekt, denn Pressefotografie und Tagesjournalismus gibt es mehr als hundert Jahre. Bestimmt zum schnellen Lesen und Verbrauch, enthalten die Zeitungen und Zeitschriften wichtige Informationen über Ereignisse und Gestalten, von denen man heute kaum noch etwas wüsste, wären sie nicht damals mehr oder weniger genau und ausführlich in Bild und Schrift dokumentiert worden. Auch heute sind die Massenmedien interessante Quellen für die Frage, was die Menschen bewegt, wie sie leben, welche Sorgen sie plagen, was sie erfreut und wie Politik funktioniert.

20. August 2026